Das nächste Mal vielleicht mit dem Rollator

«Poller»-Kolumnist Markus Dütschler dringt in die Vergangenheit ein und wird zum Schluss dieser Kolumne etwas sentimental.

Wer wegen einer Geschäftsreise die BEA-Eröffnung verpasst oder während der Berner Fasnacht in den Skiferien weilt, kann sich mit der Absicht trösten: Nächstes Jahr bin ich wieder dabei. Darauf lässt sich mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit vertrauen. Bei der am Sonntag zu Ende gegangenen Fête des Vignerons in Vevey ist es anders. Es werden mindestens zwei Jahrzehnte verstreichen, bis wieder ein solches Winzerfest stattfindet, das seit 2016 als erste lebendige Tradition der Schweiz auf der Unesco-Liste des immateriellen Kulturerbes figuriert.

Grund genug, die Gelegenheit beim Schopf zu ergreifen und am vergangenen Sonntag die letzte Vorstellung in der 20000 Personen fassenden Arena zu besuchen. Obwohl Tausende von Freiwilligen mithalfen, war der Eintritt sauteuer, und trotzdem gibt es nun ein Defizit, denn das Fest mit der immensen Bühnentechnik hat gigantische Dimensionen angenommen. Das Geld reut mich nicht, denn die Darbietungen waren eindrücklich und grossartig. Bei manchen Massenszenen fühlte man sich entfernt an Nordkorea erinnert – oder an eine Olympia-Eröffnungsfeier. Ich muss gestehen, dass ich feuchte Augen bekam, als zwei Dutzend Alphörner spielten, geschmückte Kühe am Bühnenrand aufgereiht standen und die Sänger wie an jeder Fête des Vignerons «Lioba» intonierten, den berühmten Kuhreihen «Ranz des Vaches». Dieser hymnische Gesang haut einen fast aus den Socken. 

Dem Rat der Veranstalter folgend, reisten wir früh an. Als wir die Plätze in der mobilen Arena einnahmen und Sonnencreme einschmierten, sahen wir ältere Herrschaften, die mühsam die Treppenstufen erklommen, gestützt von Helferinnen und Helfern in Vogel-Kostümen. Beim nächsten Mal 2041 oder so wird das Treppensteigen auch für uns eine Herausforderung sein, dachten wir. Oder wir werden bereits risikoscheu sein und zu Hause bleiben, und unser Nachwuchs fährt mutmasslich mit dannzumal maulenden Teenagern allein dorthin.

Die letzte Ausgabe war 1999, also noch im 20. Jahrhundert. Seither hat sich vieles verändert. Sicherheitsmitarbeiterinnen, die einen Blick in Rucksäcke und Taschen werfen, gab es damals wohl noch nicht. Nicht wenige Zuschauerinnen und Zuschauer hatten 1999 zwar schon ein Mobiltelefon im Sack, aber niemand ein Smartphone, das man in die Höhe halten kann, um eine besonders erhebende Szene filmisch festzuhalten. Wie funktionierte es beim vorletzten Winzerfest von 1977 mit den Eintrittsbilletten? Waren schon Computer im Einsatz oder doch eher Karteikarten und Pläne, auf denen gebuchte Plätze abgestrichen wurden? In den Büros sassen die meisten noch vor klappernden Schreibmaschinen.

Und so kann man weiter in die Vergangenheit eindringen. Suchten 1977 bestimmt viele den Ort am Genfersee mit dem eigenen Auto auf, besass 1955 eine Mehrheit der Bevölkerung kein eigenes Auto. Drei Jahrzehnte früher – dazwischen tobte der Zweite Weltkrieg – umfasste die Arena von 1927 auch schon 14000 Plätze, von dort gibt es die frühesten Filmaufnahmen. Der Erste Weltkrieg lag erst ein paar Jahre zurück. Vor diesem, anno 1905, warb ein typisches Jugendstil-Plakat für das Fest, und niemand stellte sich in der Belle Epoque vor, dass wenige Jahre später ein ungeheurer Krieg ausbrechen würde.

In der Anfangszeit im 18. Jahrhundert fand der Umzug alle paar Jahre statt, war aber viel kleiner. Unter dem Einfluss der Ökonomischen Gesellschaft von Bern – die Waadt gehörte zum Kanton Bern – beschloss das Organisationskomitee, am Fest die besten Rebarbeiter zu ehren und zu belohnen. So wurde 1797 aus dem schlichten Umzug ein Weinfest. Das ist lange her. Machen wir wieder den Sprung in die Jetztzeit. In der aktuellen Aufführung fragt das Mädchen seinen Grossvater, weshalb er beim Singen Tränen in den Augen habe. Er antwortet – natürlich auf Französisch: «Weil das Leben so schnell vorbeigeht.» Da bekommt man gleich nochmals feuchte Augen.

Der Lokalredaktor Markus Dütschler trank nach der Vorführung in Vevey einen Weissen aus dem Lavaux, denn das Weingebiet hat Absatzprobleme.

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