Auch in der Kurve folgt «der Albaner» seinem Stern

«Poller»-Kolumnist Markus Dütschler weiss, weshalb albanische Autofahrer so verwegen unterwegs sind - und weshalb Velofahrer einen schweren Stand haben.

Bei uns in Bern ist das Auto eher geduldet als geliebt, und das ist noch höflich ausgedrückt. Eigentlich sollte es nach Meinung der massgebenden Leute ganz verschwinden. Falls dies nicht möglich ist, sollen sich seine Lenker wenigstens ständig ärgern müssen. Irgendwann, so die Absicht, würden sie ihr Gefährt zermürbt auf dem Schrottplatz abgeben. In Albanien ist es anders. Dort werden Autos vom Schrottplatz ins Leben zurückgeholt. Selbst schwer verstümmelte Wagen erhalten in einer Werkstatt ein zweites Leben und folgen weiter ihrem Stern. Das ist wörtlich gemeint, denn die Mercedes-Dichte ist im kleinen Balkanland nur unwesentlich tiefer als auf dem Produktionsband in Sindelfingen bei Stuttgart.

Über Jahrzehnte wurden die Shqiptaren konsequent vom Lenkrad ferngehalten. Unter dem kommunistischen Langzeitdiktator Enver Hoxha (1908–1985) gab es einzig ein paar Mercedes-Karossen, in denen sich Funktionäre durch Tirana chauffieren liessen – diskret hinter Vorhängen verborgen. Der Normalbürger wartete auf klapprige Autobusse, ging zu Fuss oder wurde nach der Feldarbeit auf der Ladebrücke eines Lastwagens ins Dorf zurückgekarrt. Eine Medaille als 1000-Watt-Gesellschaft haben die Albaner leider dennoch nie erhalten.

Wenn der ausländische Besucher (ich) mit einem Mietwagen durch das gebirgige Shqipëria fährt, hat er tatsächlich das Gefühl, als fehle manchen die Fahrpraxis. Oder sie hätten nach langer Abstinenz vieles nachzuholen. So überfährt man im Land der Adlersöhne Sicherheitslinien, sogar doppelte, selbst in einer Kurve. Meistens stellt sich zum Glück heraus, dass auf einer Landstrasse sehr wohl drei Fahrzeuge nebeneinander Platz haben. Wenn nicht, geht das ewige Werden und Vergehen via Schrottplatz einfach wieder von vorne los.

Im Reisehandbuch einer spürbar in Albanien verknallten Autorin heisst es, «der Albaner» sei rechthaberisch und beratungsresistent. Ich hielt das für eine gewagte Pauschalthese. Auf einer Taxifahrt reifte in mir aber die Erkenntnis, dass etwas dran sein könnte. Der Fahrer fragte ein halbes Dutzend Mal, wie das Hotel heisse. Ich zeigte ihm mein Mobiltelefon mit der Navi-Funktion, was ihn aber nicht interessierte. Er telefonierte in die Zentrale, um den Weg zu erfragen. Dann rief er das Hotel an mit dem Ansinnen, dass der Rezeptionist mir den Weg auf Englisch erkläre, was ich dann auf Italienisch übersetzen müsse. Meinen erneuten Hinweis auf das Navi wischte er unwirsch beiseite: «Pfua, no problem!»

Als er aus dem Fenster Passanten nach dem Weg fragte, hielt ich das für einen Tiefpunkt der Taxifahrt. Doch es kam noch schlimmer: Gestikulierend schnauzte er ein Männchen an, das uns wacklig auf einem Velo entgegenkam, ein eher seltener Anblick (das Velo, nicht der schimpfende Fahrer).

Am Abend kam am Fernsehen – wie fast täglich – ein einheimischer Schwarzweissfilm aus kommunistischer Zeit. Darin gab es eine Szene, in der ein Taxifahrer zuerst Passanten nach dem Weg fragt und dann gestikulierend einen Velofahrer verbal zusammenstaucht. Nun wurde mir klar, dass es sich hier nicht um einen Einzelfall handelte, sondern um einen Ausfluss immateriellen Kulturerbes nach Unesco-Definition.

Lokalredaktor Markus Dütschler rät Publibike nach dem Erlebten eher davon ab, in Albanien ein weiteres Defizitfass zu öffnen.

1 Kommentar zu «Auch in der Kurve folgt «der Albaner» seinem Stern»

  • Claudio de Ceola sagt:

    Ich bin Deutscher – theoretisch! – und liebe den gesamten Balkan heiss und innig. Besonders aber die Albaner und das hat viele Gründe. Nie habe ich ein noch deutschenfreundlicheres Volk erfahren!
    Erfahren, denn ich war mit dem Leihwagen ünterwegs und durfte mir zwischendurch bei den Kneipenbesuchen (Wir haben Kaffee getrunken. Gutes Zeug!) immer mal wieder eine Art Kleinmotorrad oder Moped aussuchen. Es fahren dort YAMAHS mit 50 und 100 cm² herum, die offenbar unverwüstlich sind. Kardanwelle haben die sogar.
    Wenn Sie also wieder dort unterwegs sind, fragen Sie mich bitte, warum
    man dort keinen Unfall haben kann. Naturfahrstil nenne ich das. Jeder, der fährt macht genau das was er will – ausser andere Fahrzeuge irgendwo rammen.
    Claudio de Ceola – EL MOTO

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.