Gefährliche Einstiegsdroge

«Poller»-Kolumnist Martin Erdmann warnt: Am Anfang jedes Drogensumpfs steht der Trampolinkonsum.

Am liebsten würde ich es vergessen. Aber immer wieder holt mich die Erinnerung ein, dass es da draussen steht. Es liegt weit vor der Stadt, aber dennoch nicht ganz in der Abgeschiedenheit des Landes. Wer sein Territorium durchstreift, spürt, wie der Wille zu existieren von eisigem Frost beschlagen wird. Grabkämmerliche Stille legt sich über jegliches Anzeichen von Leben. Nur das monotone Surren einer Armada aus Mährobotern quält sich durch die Geräuschlosigkeit. Im Schatten von geometrisch anspruchsvoll geschnittenen Hecken trimmen sie die privatgrundstücklichen Rasen der Einfamilienhäuschen auf säuberliche Einheitslänge.

Rattanmöbel stehen auf Terracottaplatten in pedantischer Symmetrie zueinander, als würden sie nur darauf warten, dass sich Frauen in luftigen Kleidchen und Männer in Leinenhosen darauf niederlassen, um für das Titelblatt des Sommerkatalogs eines zweitklassigen Anbieters für Konfektionsmode zu posieren. Und da steht es. Wie um sein Hoheitsgebiet abzustecken, ragt sein Gerüst weit in den Himmel. Darum schlingt sich ein dunkles Sicherheitsnetz, was ihm die Form eines düsteren Turms gibt, der über die vorörtliche Tristesse wacht: das Gartentrampolin.

Das Gartentrampolin an sich ist eigentlich bloss eine Hüpfburg für Kinder, deren Leben frei von Freude ist. Vielleicht liegt es an der familiären Situation. Denn wer ein Gartentrampolin halten will, muss über genug Aussenfläche verfügen, um es in raumordentlich korrektem Abstand zu Rattanmöbeln und Mähroboter positionieren zu können. Und Aussenfläche kostet Geld. Deshalb müssen die Eltern gut bezahlte Jobs haben. Irgendetwas Zeitintensives und Stressiges. Irgendetwas, bei dem der Herzinfarkt zur Pensionierung mitgeliefert wird. Irgendetwas, das genug abwirft, um den Unterhalt eines Zweitwagens finanzieren zu können, in dem die Wocheneinkäufe aus dem Shoppingzentrum in der Agglomeration nach Hause gekarrt werden. Währenddessen steigt das Kind auf das Gartentrampolin mit dem innigen Wunsch, einen möglichst grossen Abstand zwischen sich und der einsamen Welt, in der es lebt, zu erhüpfen.

Diese Sehnsucht nach Weltflucht ist problematisch. Sie führt dazu, dass Kinder, die im Trampolinterritorium aufwachsen, dazu prädestiniert sind, im Drogensumpf zu versinken. Denn der Trampolinkonsum ist mit erheblichen Suchtsymptomen verbunden. Im genausten Wissen darum, dass auf ein Hoch unumgänglich ein tiefer Fall folgt, sind Kinder oft nur schwer von einem Gartentrampolin herunterzukriegen. Das führt zu schwerwiegenden Begleiterscheinungen: sprunghafter Charakter, häufiges Verlieren des Bodens unter den Füssen, ein Leben voller Auf und Ab.

In Anbetracht dieser Sachlage wirken die Zahlen, welche die Beratungsstelle für Unfallverhütung 2015 publiziert hat, besonders erschreckend. Eine Bevölkerungsumfrage hat ergeben, dass sich das Trampolinaufkommen in Agglomerationsgebieten seit 2010 mehr als verdoppelt hat. Geschlagene 36 Prozent der befragten Kinder haben freien Zugang zu den Objekten mit süchtig machendem Charakter. Doch nicht nur das. Laut der Umfrage werden Gartentrampolins zu 50 Prozent von mehreren Kindern gleichzeitig benutzt. Es kann also davon ausgegangen werden, dass hoher Gruppendruck den Weg ins Milieu ebnet. Vom Gartentrampolin ist es nur noch ein kleiner Sprung bis zu den harten Drogen.

Martin Erdmann ist «Bund»-Redaktor und hegt auch gegen Sportgeräte wie Barren oder Reck sehr hohe Vorbehalte.

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