Frau Wyss, meine Wählerstimme haben Sie in der Tasche!

«Bund»-Redaktor Markus Dütschler war ein eifriger Nutzer von Publibike - bis ihn Publibike wegen einer offenen Rechnung von Fr. 3.30 vorübergehend aussperrte.

Lange habe ich überlegt, wie ich diese Kolumne beginnen soll. «Frau Wyss, ich bin begeistert von Ihren Publibikes.» Oder: «Ich bin einer der treuesten Benützer.» Fast verstieg ich mich zum Versprechen: «Ich werde Sie wiederwählen.» Dann kam mir in den Sinn, dass die Gemeinderätin 2020 nicht mehr antritt. Wenn ich auf meinem Handy die App öffne und «Frühere Fahrten» wähle, scrolle ich hinauf und hinunter, und die Buchungen fliegen nur so vorbei. Ich bin nicht mehr 20 und zudem faul, weshalb ich die Drahtesel mit dem Aufdruck «e-Bike»bevorzuge. Sie sind nicht wie ein Töffli, das einen ohne Dazutun vorwärtskatapultiert. Die Unterstützung ist so subtil, dass ich mir einbilde, ich sei ein sportlicher Hecht, der schnellen Fusses – veloziped – die Thunstrasse hinaufradelt (legal auf dem Trottoir, oh, Frau Wyss!). Ist kein elektrisches da und muss ich auf die motorlose «Harley Tramp-mein-Sohn» zurückgreifen, macht sich der Unterschied schmerzhaft bemerkbar. So zerstäuben die Illusionen.

Sie müssen jetzt ganz stark sein, Frau Wyss, denn ich muss gestehen, dass ich nicht immer zufrieden bin mit diesen Velos. Manchmal ist keins da. Oder die massig umherstehenden sind nicht auf der Liste aufgeführt. Oder ich will eines öffnen, das angeblich verfügbar ist, aber nicht aufgeht. Oder der Akku ist hinüber. Oder der Pneu platt. Man sucht und probiert, und zuweilen durchzuckt einen der Gedanke, dass man gescheiter Ihr anderes System genutzt hätte, Bernmobil, denn die machen ihren Job meistens. Wie mans auch anstellt, Frau Wyss, man landet immer bei Ihnen.

Als ob Publibike geahnt hätte, dass ich mit dieser lobhudelnden Kolumne schwanger gehe, machten Sie mich gestern absichtlich ein wenig «taube». Das System schloss mich vorübergehend aus. Auf dem Display erschien ein Kreditkartensymbol mit einem Kreuz. Das heisst frei übersetzt: «Zechprellerarsch, bezahl gefälligst deine Schulden, sonst gibts nix mehr.» Der Grund war, dass ich ein Velo 33 Minuten länger als die erlaubten zwei Stunden verwendet hatte, die uns der Verlag Tamedia spendiert. (Ich möchte an dieser Stelle die Gelegenheit gerne ergreifen, unserer Firma recht herzlich ….). Publibike verlangte meine private Kreditkarte, ich drückte die offenen Fr. 3.30 ab und bin jetzt wieder ein ehrbarer Kunde von Ihnen.

Gerne hätte ich Ihnen das persönlich erzählt, Frau Wyss, falls ich Sie wieder im Tram antreffe. Das könnte ohne weiteres passieren, denn wir Velofahrer sind Schönwetterkapitäne. Als wir uns bei unserem letzten Treffen im vollen Tram nett unterhielten, wurde mir siedend heiss bewusst, dass ich in jenem Augenblick kein ehrbarer Kunde von Ihnen war. Ich hatte vergessen, das Tramkärtli zu entwerten. Ich malte mir aus, wie peinlich das wäre, wenn mich drei wutschnaubende Bernmobil-Kontrolleure zu Boden drücken würden – vor den Augen der Verwaltungsratspräsidentin. Das darf nicht passieren – niemals!

Der «Bund»-Redaktor fühlt sein Ausgeliefertsein an Frau Wyss, ist aber zu faul, diesem mittels Fussmärschen zu entgehen.

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