Schöne miese Laune

Die Laune von «Poller»-Kolumnist Dieter Stamm erreicht in einem überfüllten Zug ihren Tiefpunkt. Dann kommt ihm das schlechte Gewissen in die Quere.

Ich will nicht der Hitze die Schuld geben. Denn schlimmer als heiss ist eng. Es gibt Leute, die sich wohlfühlen in der Masse. Die gerne an grosse Konzerte gehen, an denen man Schulter an Schulter steht, auch einmal einen Ellenbogen in den Magen gerammt erhält. Gewusel, Lärm, alles kein Problem. Das Gemeinschaftserlebnis macht es wett, und vielleicht gehören der Körperkontakt und das Pfeifen in den Ohren für die eine oder den anderen gar zum Spass an der Sache. Bei mir ist das anders. Ich werde, wenn es eng wird, unleidig. zum Beispiel im Zug. Dann braucht es nur noch ein bisschen Hitze, und eine richtig miese Laune kriecht in mir hoch. Sie äussert sich darin, dass mir auf die Nerven geht, was ich sonst mit einem Lächeln quittieren würde: Zum Beispiel Leute, die ganz selbstverständlich viel Platz für sich beanspruchen. Die Toleranz, die jeder Mensch zu haben glaubt, also auch ich: weggeflogen, scheinbar unwiederbringlich. Das nervt gerade noch einmal.

In einer solchen Stimmung stieg ich kürzlich in den Zug. Es war stickig und der Waggon voll, links vier Personen, rechts drei, links vier. Kurz nach der Mitte des Waggons ein Abteil mit nur zwei Personen: eine schwarze Frau, in schönes farbiges Tuch gehüllt, mit stark erweiterter Leibesfülle, und ihr gegenüber ein Bub, vermutlich ihr Sohn, vielleicht elf oder zwölf Jahre alt: eine kleine Kugel. Auf dem Sitz neben der Frau eine grosse Tüte einer Fastfoodkette, aus der sie Pommes klaubte. Die Kugel, mit Schweissperlen auf der Stirn, stopfte einen Burger in sich hinein, und auf dem Platz neben ihm lag ein leerer Becher eines Süssgetränks, in dem noch das Röhrchen steckte.

Die Dame dachte nicht daran, ihre Tüte zu räumen oder dem Buben zu verstehen zu geben, dass sein Pappbecher andere Leute daran hindert, sich hinzusetzen. Stattdessen musterte sie mich. Ich kenne diesen Blick. Er begegnet mir hin und wieder auf den Trottoirs, wenn sie demonstrativ in mich hineingehen würden, wiche ich nicht auf die Strasse aus. Ihre Blicke sagen: Wir haben jeden Zentimeter dieses Trottoirs zugute. Vermutlich ist das meine verdiente Strafe für 500 Jahre Unterdrückung ihres Volkes irgendwo in Afrika.

Eigentlich hätte ich den Pappbecher nehmen und dem Buben auf den Kopf stellen sollen. Aber ich traute mich nicht, weil er schwarz war und es missverständlich hätte sein können. Also ging ich weiter. Meine Laune war jetzt noch schlechter. Rechts drei Personen, links drei, rechts vier, und dann: oho, ein Abteil ganz und gar nicht voll. Da sass ein alter Mann und guckte zum Fenster hinaus, damit er die Vorübergehenden nicht zu beachten brauchte. Seinen Koffer hatte er neben sich zwischen die beiden Sitzbänke gestellt, sodass sich niemand hinsetzen konnte.

Der Alte kam mir gerade recht. Ich stand einfach da und wartete, bis er mich anschaute. Als er das tat, machte ich eine flüchtige Handbewegung: Weg mit dem Ding. Höflich war das nicht, natürlich nicht. Aber meine Laune war ja auch nicht gut. Er stöhnte leise, murmelte etwas Unverständliches und nahm den Koffer zwischen seine Beine.

Der Alte hatte eine hohe Stirn, ein spitzes Maul, gelbe Zähne, und sein Blick war prüfend, verächtlich und missmutig. Ich setzte mich hin. Er lag perfekt in meinem Allergiebereich, und natürlich fragte ich mich, weshalb das so war. Weil ich Angst hatte, in 20 oder 25 Jahren auch so zu sein? Ich verscheuchte den Gedanken, nahm die Zeitung, faltete sie auf und las sie, wie ich sonst nie eine Zeitung lese: das Blatt auf Kopfhöhe, wie ein schlechter Detektiv, sodass der Alte die eine Seite vor seiner Nase hatte. Er rächte sich, indem er begann, die Nase hochzuziehen.

So fuhren wir bis zum nächsten Bahnhof, wo drei Teenager in den Waggon stiegen. Sie setzten sich schräg gegenüber in ein Abteil, das frei geworden war, und lachten. Aus einem Handy erklang Sprechmusik, es war – zugegeben – ein wenig laut. Ich merkte, dass mich der Alte anschaute. Offenbar ging ihm unsere wortlose Fehde an die Nieren; er wollte sie beenden. Und wie ginge das besser als mit einem gemeinsamen Feind, gegen den man sich verbrüdern kann? Ich hätte jetzt seinen Blick erwidern können, hätte zum Beispiel die Augenbrauen hochziehen können, und wir hätten uns verstanden: Die heutige Jugend ist rücksichtslos, hat keinen Anstand und so weiter.

Aber erstens finde ich die heutige Jugend nicht schlimm. Überhaupt nicht. Und zweitens wollte ich mich mit diesem Mann nicht verbrüdern. Ich wollte ihn gar nicht von einer anderen, vielleicht sogar gewinnenden Seite betrachten. Meine Laune war jetzt nahe am Tiefpunkt, und ich mochte sie nicht mit einem griesgrämigen Alten beenden, der sich über junge Leute aufregt und ständig die Nase hochzieht. So eine miese Laune, dachte ich, hat es verdient, mit etwas Schönem zu verfliegen. Ich stellte
mir bereits ein paar schöne Dinge vor, als das Handy des Alten klingelte. Er drückte unbeholfen auf das Gerät, hörte dann eine Weile zu, während seine Augen wässrig wurden, und sagte schliesslich: «Ja, ich weiss, es ist gut, dass sie jetzt nicht mehr leiden muss. Aber sie fehlt mir halt so sehr.»
Dann zog er seine Nase
hoch.

Ich blickte aus dem Fenster, nachdenklich, als müsste ich gerade etwas sehr Wichtiges überlegen, und schämte mich. Das passte ganz und gar nicht in mein Konzept. Denn sich zu schämen, weiss Gott, verdirbt einem selbst die schönste schlechte Laune.

Der Autor hat jetzt dafür einen Tipp, was Sie tun können, wenn Sie einmal ein schlechtes Gewissen besänftigen müssen: Tragen Sie einem alten Mann mit hoher Stirn, spitzem Maul und gelben Zähne den Koffer aus dem Zug.

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