Gesellschaftliche Bilanz zum Weltuntergang

«Poller»-Kolumnist Martin Erdmann über Pluto, die UBS und was Rumisberg mit dem Ende der Welt zu tun hat.

Manchmal bin ich etwas in Sorge um Pluto. Seit ihm 2006 von der Internationalen Astronomischen Union der Planetenstatus aberkannt wurde, ist von ihm nicht mehr viel zu vernehmen. Vermutlich schleicht er nun in einsamer Trauer irgendwo im Kuipergürtel herum und schämt sich seiner unbedeutenden Mickrigkeit.

Helfen können wir ihm nicht. Nur von ihm lernen – nämlich auf gar keinen Fall irrelevant zu sein. Denn wie der Fall Pluto zeigt, wird Unbedeutsamkeit bis an den äusseren Rand des Sonnensystems bestraft. Wer hingegen von Belang ist, hat nichts und niemanden zu fürchten. Wie zum Beispiel die UBS. Sie ist dermassen relevant, dass ihr Vater Staat mit ein paar Milliarden Franken zur Seite stand, als die globale Finanzkrise an ihrem Fundament nagte.

Da Sie sich durch diese harzigen erstenen Absätze gekämpft haben, will ich es Ihnen nun verraten. Dieser Text handelt eigentlich von der Klimakrise. Das ist ein kniffliges Thema. Mit dem kann nicht einfach so mit der Tür ins Haus gefallen werden. Deshalb habe ich Pluto als Puffer vorgeschoben. Was will er schon dagegen machen? Er ist ja nicht einmal mehr ein Planet.

Aber auch unsere planetarische Zukunft gibt momentan zu reden. Jedoch fühle ich mich ehrlich gesagt von der laufenden Klima-Debatte nicht so richtig abgeholt. Denn analog zum damaligen UBS-Bailout vermisse ich eine Grundsatzdiskussion, ob die Erde wirklich too big to fail ist. Bei aller Hitzigkeit der Kontroverse ist man sich schliesslich einig, dass es irgendwie weitergehen soll.

Ich dagegen hege eine ambivalente Einstellung zur Rettung der Welt. Mir liegt nichts daran, Ihnen die Erde madig zu machen. Ich verlange bloss eine nüchterne Beurteilung, ob sie ein erhaltenswertes Stück Galaxie ist oder ob sie weg kann. Natürlich bietet der Planet diverse Annehmlichkeiten. Zum Beispiel der Geruch von Sommerregen auf erhitztem Asphalt. Oder aber auch während des Gurtenfestivals ins Ausland zu reisen.

Gleichzeitig stellt die Welt eben auch die Grundlage für Ärgernisse. Zum Beispiel Lebensabschnittspartner, die zum Spazierengehen identische Multifunktionsjacken tragen. Oder aber auch, wenn man von Bern nach Rumisberg fahren will, wegen einer Stellwerkstörung in Herzogenbuchsee den Bus nach Wangen verpasst, was zur Folge hat, dass auch dort der Anschluss nicht wahrgenommen werden kann, wodurch man erst um 18.11 Uhr in Rumisberg eintrifft, nur um zu merken, dass das Wirtshaus Hinteregg seit elf Minuten geschlossen hat und deshalb kein gekühltes Egger Galopper (50 cl) getrunken werden kann, was die eigentliche Motivation der Reise dargestellt hat.

Da der Gedanke an Rumisberg in mir einen heftigen Anflug von schlechter Laune ausgelöst hat, will ich Ihnen weitere Dinge nicht vorenthalten, die das Ende der Welt rechtfertigen würden. Lavalampen, deren Besitzer bereits deutlich der Pubertät entwachsen sein müssten. Auch alle anderen Lavalampen. Juroren, die es für gewissenhaft empfinden, dem Cabaret Divertimento Comedypreise zu verleihen. Alles, was auch nur im Entferntesten mit A-cappella-Bands zu tun hat. Und ganz offensichtlich Stand-up-Paddler.

Das sind alles Sachen, die wir schon jetzt ertragen müssen. Die Zukunft sieht noch düsterer aus. Der nächste Irak-Krieg zeichnet sich ab, Fussball-Weltmeisterschaft in Katar und Gölä und Trauffer feilen an gemeinsamen Songs, mit denen sie 2020 sogar in aller Öffentlichkeit gedenken aufzutreten. Ich bin zwar kein Umweltforscher, aber mit einem kollektiven Kraftakt sollte es doch möglich sein, die Erde bis dahin gebodigt zu haben.

Der «Bund»-Redaktor überlässt es Ihnen, wie fest Sie sich von dieser Kolumne triggern lassen wollen.

5 Kommentare zu «Gesellschaftliche Bilanz zum Weltuntergang»

  • sDani sagt:

    Herrlich, passt gut zu den vielen Hypes, die täglich neu um Aufmerksamkeit buhlen. Die meisten von uns nehmen sich zu wichtig!

  • Felix Adank sagt:

    Nicht zu vergessen der Kampf der SVP gegen Klimahysterie und Ökoterror!

  • Matthias Müller sagt:

    Ich bin für die Rettung der Natur auf diesem Planeten – hat in unserem Sonnensystem, welchem ich abgesehen davon durchwegs ablehnend gegenüberstehe – ja Seltenheitswert.
    Habe mir kürzlich erklären lassen, Nachhaltigkeit sei unökologisch, da sie den Niedergang der Menschheit herauszögere. Rufe daher zu sinnlosen Flugreisen etc. auf, damit die Enten alsbald wieder von Stehpaddlern ungestört ihre Kreise ziehen können – amal die wo übriggeblieben sein werden.

  • Schacher sagt:

    Weltuntergang? Von wegen!
    Nur weil sich der blaue Planet sich seines Schänders entledigen wird, ist das noch lange kein Weltuntergang, im Gegenteil. Dann wird sich die Erde wieder erholen können und in alter Frische und Schönheit erstrahlen.
    Und wer meint, der Homo sapiens sei etwas Einzigartiges oder Auserwähltes oder gar die Krone der Schöpfung, dem würde etwas mehr Bescheidenheit gut anstehen.

  • Urs sagt:

    Haltet die Welt 🌎 sauber 🧽
    Es dauert vielleicht ein bisschen, bis wir die Idee von Trump umgesetzt haben, jedem Menschen ein Gewehr besorgt zu haben. So geht unsere Dezimierung schneller.
    Die Evolution braucht dann auch noch eine Weile bis Lebewesen entstehen die Plastik und Blei verwerten können. Dann, ja dann ist die Erde wieder erholt. Hoffentlich reicht die die Zeit bevor dieser Planet in die Sonne stürzt.

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