Lieber Hvaldimir

Poller-Kolumnistin Gisela Feuz über verdächtige Belugas.

Dir war wahrscheinlich einfach langweilig, weil sämtliche deiner Belugawal-Kollegen zwecks Frühlingsferien an die Adria geschwommen waren. Die Einzigen, die ausser dir im April im arschkalten Polarmeer vor der norwegischen Stadt Hammerfest rumgurkten, waren diese Fischer. «Mal bisschen sozialisieren», wirst du dir gedacht haben, als du Kurs auf ihren Kahn nahmst, um ein Schwätzchen zu halten. «Aber hallo Kollegen, wie ist das Wetter bei euch so? Man kann es drehen und wenden, wie man will, so jung wie heute kommen wir nicht mehr zusammen. Stimmts oder hab ich recht? Ich müsste da mal eben für kleine Belugawale. Könntet ihr mir aus dem Zeugs hier helfen? Der Verschluss klemmt. Tja, was will man machen, das Leben ist halt kein Goldfischglas», sagtest du.

Ich muss sagen, lieber Hvaldimir, als ich dieses Video auf Youfish sah, welches deine Begegnung mit den Fischermannen dokumentiert, war ich äusserst angetan von deiner rhetorischen Brillanz. Grosses Floskel-Kino. High Flosse. Doch, doch, ich habe jedes Wort verstanden. Frau Feuz hat schliesslich in der Migros-Clubschule ein Semester Belugisch belegt. Die Polarmeerfischer im Boot allerdings verstanden nur Hafen. Gibt halt keine Migros-Clubschule in diesem Norwegen. Immerhin halfen sie dir dann aus dem seltsamen Seil-Geschirr, das um deinen Körper gewickelt war. Darauf stand in englischer Sprache «Ausrüstung St. Petersburg» geschrieben, und das wiederum liess in der Folge die wildesten Spekulationen in den Seetang schiessen. Ein von der russischen Marine ausgebildeter Spion seist du, wurde da etwa gemutmasst. Aus einem Geheimprogramm ausgebüxt. Abgetaucht, haha.

Lieber Hvaldimir, es ist ja nicht so, dass ich dir den Spion-Status nicht gönnen würde, zumal dir ein solcher bei den Belugadamen bestimmt einen Stein im Treibholz verschaffen würde. Aber man muss nun kein Sherlock Holmes und auch keine Miss Marple sein, um zu erkennen, dass du nicht der James Bond der sieben Weltmeere bist. Ich mein: unauffällig, dezent, diskret … irgendwie alles nicht so deins, oder? Stattdessen plaudern à gogo, übermotiviert Boote umschwadern, sich freudig die Nase tätscheln lassen, im Kreis tanzen und Smartphones apportieren, die Doofis ins Wasser fallen lassen. Welcher Spion würde sich dermassen offensichtlich in Szene setzen und im dunklen Wasser dann auch noch einen leuchtend weissen Anzug tragen? Ja eben. Kein guter.

Was den Vorwurf der Spionage anbelangt, bist du im Tierreich in bester Gesellschaft. Während der Napoleonischen Kriege im frühen 19. Jahrhundert verhörten beispielsweise die Engländer einen Affen und hängten diesen danach auf, weil sie ihn für einen französischen Spion hielten. 2007 wurde im Iran ein vermeintlicher Spionage-Ring bestehend aus 14 Eichhörnchen ausgehoben, in Ägypten wurde ein Storch verhaftet, im Libanon ein Geier vom Himmel geholt, und im Ersten Weltkrieg standen zwei deutsche Katzen und ein Hund unter Verdacht, in britischen Schützengräben herumgeschnüffelt zu haben. Ausserdem belegen Dokumente, dass der CIA in den 1960er-Jahren Katzen als Abhörgeräte einsetzen wollte, weswegen einer Mieze eine Antenne in den Schwanz eingebaut wurde. Auf dem Weg zu ihrem ersten Einsatz wurde Agent Stubentiger allerdings von einem Taxi überfahren. Obs post mortem Ehrenmedaille und Heldenbegräbnis gab, ist nicht überliefert.

Lieber Hvaldimir, du siehts, das Leben als Spion ist ein gefährliches. Sei also nicht traurig, dass du wahrscheinlich keiner bist. Und nein, keine Sorge, ich werde niemandem sagen, dass das seltsame Gstältli, das tu trugst, nicht zum Festmachen von Kameras gedacht war. Madame Saugnapf, die Besitzerin des Bondage-Etablissements «Zur fesselnden Krake» drüben in Sankt Petersburg, hat allerdings nachgefragt, ob du die Seile nicht per Gelegenheit zurückbringen könntest.

Mataharig, deine Frau Feuz

Der Belugawal Hvaldimir (eine Kombination des norwegischen Wortes für Wal, Hval, mit dem Vornamen des russischen Präsidenten Vladimir Putin) tauchte im April an der norwegischen Küste auf. Bis heute ist unklar, warum er so zutraulich ist und dieses seltsame Geschirr trug. Aus Diskretionsunfähigkeit hats Frau Feuz nicht zur Spionin gereicht, darum arbeitet sie als Kulturjournalistin. M lässt ausrichten, wer die Feuz zu erpressen gedenke, solle mangels verwandtschaftlicher Verbandelung doch bitte nicht ihn entführen.

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