Sie schieben die Landschaft vor mein Hotelzimmer

«Bund»-Redaktor Markus Dütschler liebt die Gemütlichkeit von Schiffskabinen, verrät aber noch nicht genau, auf welchen Wasserwegen er gereist ist.


Eine Reise mit dem Car hätte ich als Teenager als den Gipfelpunkt des Spiessertums empfunden. Fliegen war teuer und fiel daher zum Vornherein weg. Eine Flussfahrt schien mir für ältere Semester geeignet zu sein: gediegen, etwas langweilig und ebenfalls spiessig. Die einzig wahre Fortbewegungsart war für mich der Zug.

Inzwischen hat sich das geändert, was selbstverständlich nichts mit «älterem Semester» zu tun hat. Überdies mag ich Züge noch immer, zumal mich die Deutsche Bahn unlängst allen Unkenrufen zum Trotz pünktlich zum Ziel brachte. Ich habe aber auch den Komfort von Linienbussen kennen gelernt, bei denen man den Koffer unten hineinschiebt und oben luftgefedert dahingleitet – oftmals direkt bis zum Zielort. Sogar das Handy kann man am Sitz aufladen und ein bisschen damit surfen, sofern es nicht zu grosse Datenmengen sind.

Und die Schifffahrt? Offen gesagt ist es schon eine gemütliche Sache, wenn man die Kabine betritt, die Kleider im Schrank verstaut, das Verlängerungskabel einsteckt und die Geräte anschliesst. Und das bleibt während der ganzen Reise so, ganz ohne dauerndes Ein- und Auspacken des Koffers, bis man rein gar nichts mehr findet. Man legt sich ins Bett, knipst das Licht aus, und das Brummen und Rütteln des Schiffskörpers wiegt einen förmlich in den Schlaf.

Am Morgen zieht man die Vorhänge auf und überlegt sich, wo man sich befindet. Es ist wie eine Diaschau. Über Nacht macht es Klick, und das nächste Bild ist da. Man tritt auf den Balkon hinaus und blinzelt in den Sonnenaufgang oder lässt sich den Regen aufs Gesicht tropfen. Manchmal hat es am Ufer Camper oder Spaziergänger, die einem winken.

Sie ahnen es: Ich war soeben auf einer solchen Schiffsreise. Zwei Wochen dauerte sie, und nie war sie langweilig. Mit der Zeit gerät man in einen Slow-Motion-Modus. Das Schiff gleitet dahin, nicht schnell, aber kontinuierlich, das Schwanken überträgt sich auf den Körper, manchmal spürt man im Magen ganz schwach ein flaues Gefühl, weil man fast nie festen Boden unter den Füssen hat.

Dann erwacht wieder der Büromensch, der seine Mails abfragen will. Schliesslich hat das Schiff eine Wi-Fi-Versorgung. Wobei auch dem technischen Laien klar ist, dass das Wi-Fi nur drahtlos auf dem Schiff verbreiten kann, was die Anlage von den Antennen auf dem Festland empfängt. Und diese sind oft weit weg. Manchmal so weit, dass der Fernseher flimmert und das Handy «kein Signal» anzeigt.

Der moderne User mag das gar nicht. Er wird kribbelig, weil die Primärwirklichkeit sekundär geworden ist und scheinbar nur die digitalen Dinge zählen. Wer sich offline bewegt, ist out. Doch das Vibrieren des Schiffs wirkt entspannend wie eine Massage. Ist es nicht wunderbar, den aufgeregten Kram nicht dauernd einsaugen zu müssen, mit dem man bombardiert wird? Ist nicht das meiste lässlich, unwichtig und manchmal auch ärgerlich?

Werfen wir nochmals einen letzten Blick aus dem Fenster über den Strom, der träge dahinfliesst und so breit ist wie mancher Schweizer See. Dann ziehen wir die Nachtvorhänge. Tun wir dies nachlässig, werden wir sehr früh wach, denn draussen sind «weisse Nächte», in denen es nie richtig dunkel wird. Nun ahnen Sie womöglich, wo ich war. Aber leider ist die Kolumne hier zu Ende.

Gerne verrät Ihnen «Bund»-Redaktor Markus Dütschler, wo er  war. Erneuern Sie Ihr Abo – und Sie sind live dabei, versprochen.

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