Hart arbeiten

Wir arbeiten nicht mehr nur während der Arbeit: «Poller»-Kolumnist Dieter Stamm fühlt sich aus der Zeit gefallen - und bemerkt dies während eines Saunabesuches.

In der Sauna spricht man unverblümter. Vielleicht liegt das daran, dass man nackt ist. Was soll man noch verbergen? Und wenn man oft genug Gast ist bei 83 Grad Celsius, immer am selben Ort, trifft man auch immer dieselben Leute. Olivier zum Beispiel.
Olivier ist jung, für meine Verhältnisse, ich schätze ihn auf 35, und ein Bild von einem Mann, soweit ich das beurteilen kann.
Er arbeitet irgendwas mit Computer, IT-Fachmann, wenn ich es richtig verstanden habe.

«Na, wie gehts, junger Mann?», frage ich stets zur Begrüssung.
Kürzlich wischte er sich den Schweiss von der Schulter, blickte mich an und sagte: «Kleine Krise zu Hause, aber sonst ganz o. k.»

So ist das in der Sauna. In einer Bar an der Aare bräuchte es drei Bier, bis einer eine solche Antwort gäbe.
Ich nickte und wischte meinerseits über die Schulter, obwohl noch kein Schweiss da war. Aber ich wollte Solidarität signalisieren.
«Ich gebe ihr zu wenig Aufmerksamkeit», sagte er.
«Die alte Geschichte», sagte ich. Er nickte.
«Hoffnungslos?», fragte ich.
«Ich arbeite daran», erwiderte er.

Da war es wieder, dieses Gefühl, aus der Zeit gefallen zu sein. Ich meine nicht meine Unfähigkeit, Kontakte von einem Handy aufs andere zu überspielen, wenn ich das Gerät austauschen muss. Oder Turnschuhe schön zu finden. Es sind die elementaren Dinge, die mir abhandenkommen. Das Verständnis für den Zeitgeist, der sich ändert. Zum Beispiel, dass die Leute heute nicht mehr nur bei der Arbeit arbeiten, sondern immer. An sich, an der Beziehung, an den anderen. Mir fehlte nur noch das Wörtchen «hart».

Ich liess es einen Augenblick still sein, um dem Thema die nötige Bedeutung zu lassen, und fragte dann:
«Hart?»
«Hart?», fragte Olivier zurück.
«Was meinst du mit hart?»
«Ich nehme an, du arbeitest hart daran», sagte ich.
Sein Blick war jetzt prüfend, als befürchte er, dass ich ihn auf den Arm nehmen wolle, und ich bereute meine Frage. Warum nur konnte ich mein vorwitziges Maul nie halten?

Natürlich «arbeitete» man auch früher an einer Beziehung, wenn es nötig war. Man nannte es nur nicht so, war bescheidener, sagte vielleicht, man wolle sich Mühe geben. Oder mal miteinander reden. Irgendwie verbot es sich, von Arbeit zu sprechen. Denn Arbeit ist ja per Definition etwas Anstrengendes, Beschwerliches, sonst würde es nicht Arbeit heissen, sondern Spiel oder Wein oder Sex. Aber sich Mühe geben klingt heute zu wenig bedeutend. Nur Arbeit kann der Wichtigkeit einer Beziehung gerecht werden. Und zwar harte Arbeit.

Olivier mochte Aufguss. Ich goss also ein wenig Essenz auf die heissen Steine, um ihn versöhnlich zu stimmen. Er war nach meiner Frage, ob er auch wirklich hart arbeite, verstummt.
«Aber im Ernst», fuhr ich fort, «wie arbeitet ihr jetzt daran? Was kannst du da machen?»
Ich sagte das mit einer ernsten, vielleicht sogar etwas besorgten Miene, um zu zeigen, dass ich die Sache keinesfalls auf die leichte Schulter nahm.
Es funktionierte.
«Wir gehen in eine Therapie», sagte Olivier.
«Sehr gut», erwiderte ich.
«Wir machen Übungen.»
«Sehr gut.»
«Diese Woche muss ich auf ihre Bewegungen achten und beim nächsten Mal die Art, wie sie sich bewegt, beschreiben.»

Es ist ein eigentliches Paradox. Arbeit ist ja ein ganz und gar klassisch altes Wort. Und doch ist es eine neue Sprache, wenn man – was immer mehr zum guten Ton gehört – vom Arbeiten in der Beziehung spricht. Nicht des Wortes wegen, sondern der Absicht wegen. Es geht um das ganz Grosse, um das wirklich Wesentliche. Denn das Wort Arbeit in diesem Kontext impliziert: Man nimmt sich und seine Beziehungen wichtig. Sehr wichtig sogar. Und damit auch sein Umfeld. Und das wiederum macht einen zu einem gern gesehenen Mitglied der Gesellschaft. Alles andere dagegen macht ein bisschen Angst.

Olivier schaute nachdenklich.
«Wie bewegt sie sich denn?», fragte ich schliesslich.
Er zögerte, verzog das Gesicht.
«Schwierig zu sagen, mir fehlen irgendwie die Worte.»
Ich nickte.
Er überlegte erneut, dann schüttelte er den Kopf und sagte: «Weisst du, ich habs eher mit den Zahlen, um ehrlich zu sein.»
Ich nickte abermals und dachte: Dann arbeite doch daran.

Olivier heisst in Wirklichkeit natürlich nicht Olivier.

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