Handlesen

«Poller»-Kolumnist Martin Erdmann schreibt über schlechte Französischkenntnisse, den schulischen Untergrund und merkwürdige Kneipenbegegnungen.

Kernwaffentests in der Südsee, bewaffneter Konflikt in Algerien und Kolonialismus bis zum Abwinken: Frankreich ist wahrlich eine grobschlächtige Nation. Dies versuchte ich einst als Legitimation anzuführen, um mich aus ethischen Gründen vom Französischunterricht befreien zu lassen. Denn wo hört das Studium des Plus-que-parfait auf und wo beginnt die Annektierung eines westafrikanischen Küstenstaates? Doch weil die Welt ein kalter Ort ist, wurde mein moralischer Aufstand von der eisernen Faust des Schulwesens niedergeschlagen. Als aufopfernde Geste für den Weltfrieden schrieb ich von da an nur noch schlechte Französischprüfungen. Von der Lehrerschaft wurde mein politisch geprägter Aktionismus unverständlicherweise als Lernfaulheit gewertet, worauf mir gedroht wurde, meine Zeit in den knebelnden Klauen des Bildungssystems um ein Schuljahr zu verlängern.

Mein Engagement für die freie Welt liess sich nicht durch solche Repressalien bändigen. Im Gegenteil, sie trieben mich in den schulischen Untergrund. In düsteren Pausenhofecken erklärten mir subversive Subjekte aus oberen Jahrgängen, deren Umgang mit Zigaretten bereits so geschickt war, dass sie auf Lunge rauchen konnten, wie das System am effektivsten zu bekämpfen ist. Das führte dazu, dass ich hinter verschlossener Tür meines Kinderzimmers, Konjugationen komplizierter Verben auf die Innenfläche meiner linken Hand kritzelte, um diese in Prüfungssituationen zu Rate zu ziehen. Weder dem stechenden Blick des Französischlehrers noch dem Nachrichtendienst des Bundes fiel mein Abstieg in die Welt des organisierten Verbrechens auf. Plötzlich lagen die Lösungen aller Probleme wortwörtlich auf der Hand. Meine Noten besserten sich, ich konnte die drohende Verlängerung des schulischen Zwangsvollzugs abwehren und gleichzeitig verhindern, dass das Gift der französischen Sprache in mein Langzeitgedächtnis tröpfelte.

An all das musste ich denken, als ich neulich in einer Schenke hockte. Am Nebentisch sass ein Mann. Gesundheitsschuhe, strubbeliger Bart und ein von verblichener Hoffnung gezeichneter Blick, der verriet, dass er einer jener Typen war, die trotz Selbstfindungsreise durch Indien nicht herausgefunden haben, ob sie emotional in der Lage sein werden, ihr Sozialpädagogik-Studium vor dem Eintreten der Midlife-Crisis abzuschliessen. Gerade als ich beschlossen hatte, meinen Blick wieder abzuwenden, blieb dieser an den Händen des Mannes hängen. Da stand etwas. Schriftzeichen.

Neugier begann in mir zu brennen. Der Mann war viel zu alt für den schulischen Untergrund. Warum also benutzte er seine Handflächen als Notizblock? Was für ein Geheimnis hatte er da auf der Innenseite seiner Hand vermerkt und wieso ballte er diese immer wieder zu einer blicksicheren Faust? Ich verengte meine Augen, um meinem Blick die höchstmögliche Schärfe zu verleihen. Die Sicht war oft verdeckt. Ich konnte nicht viel erkennen. Umrisse von vier kurzen Worten, burgunderrote Buchstaben. Ich starrte auf seine Hand, um kein Zeitfenster zu verpassen, in dem die Buchstaben zu sehen waren. Aus unerklärlichen Gründen beschlich mich das unbehagliche Gefühl, dass das, was dort stand, unweigerlich etwas mit mir zu tun hatte. Dann plötzlich, als hätte mein starrer Blick den Willen der Hand gebrochen, lag sie genügend offen auf dem Tisch, dass ich klar und deutlich lesen konnte, was auf ihr stand. Irgendwas Französisches. Ich habe nie herausgefunden, was es bedeutete.

>Der «Bund»-Redaktor verfügt über Zeugnisse, die erahnen lassen, dass er auch Mathematik ethisch verwerflich findet.

3 Kommentare zu «Handlesen»

  • Lukas Hurni sagt:

    Vielen Dank, musste laut lachen. Dieser Text wird mir noch den ganzen Tag gute Laune bereiten!

  • Dani Kohler sagt:

    Der grosse Unterschied zwischen dem Redaktor und mir ist:
    Ich musste als Linkshänder die unregelmässig konjugierten Verben auf die rechten Handfläche schreiben..

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