«Nicht überlegen, machen!»

Poller-Kolumnistin Gisela Feuz findet, Frauen sollten vermehrt ihre Frau stehen.

Liebe Frauen

Soeben ist bei mir die gefühlte hundertste Anfrage für ein Engagement am Frauenstreiktag vom 14. Juni eingetroffen. Das schreib ich jetzt hier nicht, um zu demonstrieren, wie toll und talentiert die olle Feuz ist. Zumindest nicht nur.

Der Grund, warum ich so viele Anfragen bekommen habe, ist der Tatsache geschuldet, dass es tatsächlich nicht so viele Frauen gibt, welche sich öffentlich hinstellen, ein Podium leiten, einen Anlass moderieren oder bei einer Rockband mittun. Und ehrlich gesagt macht mich das manchmal ein bisschen hässig. Ja klar doch: männlich dominierte Machtstrukturen, Männer haben das bessere Netzwerk, männlich geprägte Diskurse, jahrhundertaltes Rollenmodell, das immer noch auf uns einwirkt… Stimmt ja alles. Aber gopfertori nomau, das wird sich nur ändern, wenn wir Frauen aktiv unseren Teil dazu beitragen und den Finger aus dem Allerwertesten nehmen!

Kürzlich wurde ich von einer Bekannten angefragt, ob ich nicht für eine Crowdfunding-Kampagne für das Jugend­zentrum Newgraffiti meine Birne in die Kamera halten könne, um ein paar Worte darüber zu verlieren, warum es wichtig sei, dass Jugendliche geschützte Räume haben, wo sie sich selber verwirklichen können, ohne dafür Geld ausgeben zu müssen, das sie ja eigentlich sowieso nicht haben. Liebe Frauen, wir sind uns einig, dass ein Jugendzentrum wie das Newgraffiti absolut notwendig ist in einer Stadt,
in welcher der einzige niederschwellige Treffpunkt für Kids der Vorplatz der Reitschule ist, oder?! Und trotzdem: Es sei wahnsinnig schwierig, weibliche Kulturschaffende aufzutreiben, welche eine kurze Botschaft in die Kamera sprechen würden. Männer seien kein Problem, sagte die Initiantin der Crowdfunding-Kampa­gne. Ladies? Eure Ausreden?

Wenn ich mit meiner Band (keine gute, dafür eine laute) Konzerte spiele, treffe ich vor Ort in den Clubs oft das gleiche Bild an: Im Backstage hängen zehn Typen, und ich bin die einzige Frau auf weiter Flur. Warum das so ist? Wie die Berner Musikerin Milena Patagônia einmal in einem Interview erklärte, hat sie lange darauf gehofft, entdeckt zu werden, bis sie realisiert hat, dass sie die Dinge selber angehen muss. Ja, muss man, werte Ladies. Frau Hobbypsychologin Feuz vermutet ausserdem, dass es noch einen anderen Grund für den kleinen Anteil von Frauen auf Konzertbühnen gibt: Ladies wollen sich erst ins Rampenlicht stellen, wenn sie glauben, dafür bereit zu sein. Ist man aber eigentlich nie. Sind auch die Männer nicht. Der einzige Unterschied: Die tun dann einfach so als ob.

Beim Moderieren von Podien passiert es immer wieder, dass die grosse Mehrheit der Teilnehmenden männlich ist. Man habe einfach nicht mehr Frauen gefunden, die sich öffentlich zu einem Thema äussern wollten, sagen dann die Veranstaltenden. Diese müssten halt länger nach geeigneten Frauen suchen, wird dann mit erhobenem Zeigefinger moniert. Ja. Sicher. Es ist in der Tat so, dass ein rein männliches Podium heute nicht mehr stattfinden dürfte und dass die Veranstaltenden hier in der Pflicht stehen. Auf der anderen Seite weiss Frau Feuz aus eigener Erfahrung, dass tatsächlich weniger Frauen als Männer gewillt sind, auf einem Podium Stellung zu beziehen. Und hier versagt nun selbst die feuzsche Hobbypsychologie. Warum, werte Ladies, oder besser gefragt: Warum nicht? Ist es die Angst, inhaltlich nicht anzukommen? Aber man wird doch eingeladen, weil man Expertin auf einem Gebiet ist, ergo viel Wissen hat. Ist es die Furcht, in der Diskussion unterzugehen, blöd dazustehen oder sich lächerlich zu machen? Ja und?! Ellbogen ausfahren, sagen, was man zu sagen hat, und, falls
der Auftritt in die Hosen geht, analysieren und nächstes Mal anders machen. Voilà.

Liebe Frauen, bitte schraubt doch eure Selbstzweifel runter, dafür euer Selbstvertrauen rauf. Nicht überlegen, machen. Nicht verstecken, anpacken. Streckt am 14. Juni die Faust nicht nur symbolisch in die Luft, sondern haut damit auch mal auf den Tisch. Lasst euch sehen und die Welt wissen, wie toll und talentiert ihr seid, und lasst mich hier mal nicht so hängen, ja?!

In Macherinnenlaune,

Eure Frau Feuz

Gisela Feuz ist Kulturjournalistin, Dozentin, Moderatorin, Sängerin bei der Garage-Rock-Band The Monofones, wahnsinnig talentiert und extrem bescheiden. Der Chef hat in einer Kolumne zum Frauenstreiktag nichts verloren, zumal er ja nicht mal mit Frau Feuz verwandt ist.

6 Kommentare zu ««Nicht überlegen, machen!»»

  • Hotcha sagt:

    Und wenn Frauen in einer Band spielen, dann meistens als Sängerin. Oder sie bleiben gleich unter sich, in einer „Frauenband“.

  • Dieter Sigrist sagt:

    Bestens, liebe Frau Feuz, einfach immer eine gefreute Sache, was Sie von sich geben! Hat immer alles Hand und Fuss, liest sich prima und ist erst noch lustig (also: formuliert, meine ich).
    Eine Frage: Ich habe in der RaBe-Redaktion einen Frauenstreik-Tag-Button mitlaufen lassen und trage ihn seither mit Überzeugung (und gut sichtbar). Darf ich das? (Ich bin ein Mann.)

  • Frau Feuz sagt:

    Merci Herr Sigrist, ausnehmend nett von Ihnen. Ja eh dürfen Sie einen Frauenstreik-Button tragen. Wieso denn auch nicht? Dürfen doch genderunabhängig alle, welche die Sache unterstützen.

  • Malena sagt:

    Gleichberechtigung, gleiche Rechte haben, ist selbstverständlich wichtig. Das bestreitet kaum jemand mehr, und ist für Frauen in der Schweiz rechtlich gesehen auch gegeben. Rechte zu haben bietet einen gewissen Schutz vor Unglück, ist aber noch lange kein Schlüssel zum Glück. Für unser Glück sind wir selber zuständig, indem wir unsere Rechte und Entscheidungsmöglichkeiten nutzen. Das reicht von Partnerwahl, beruflichen Entscheidungen, Wahl des Familienmodells bis zur aktiven vs. passiven sozialen und kulturellen Beteiligung an der Gesellschaft. Viele Wege zum Glück sind beschwerlich und verlangen einen Preis. Es nützt nichts, mehr Frauenbands zu fordern, ums Machen führt kein Weg vorbei.

  • Ursina Greuel sagt:

    Liebe Frau Feuz
    Es ist eine Tatsache, dass mehr Männer angefragt werden für Podien als Frauen. Daher gibt es mehr Männer, die es gewohnt sind, zu moderieren und sich das auch zutrauen. Wenn es um ein sogenanntes „Frauenthema“ geht, wird den Podiumsmacher*innen bewusst, dass sie Frauen anfragen sollten und im üblichen Kanon der Kandidaten sind sie halt spärlich vertreten.
    Was wir tun können, ohne den Frauen, die nicht so „mutig“ sind wir wir, die Verantwortung zuzuschieben ist: Wenn wir angefragt werden, andere Frauen vorschlagen! Und diese dann unterstützen, entweder alleine oder zusammen mit uns, auf dem Podium aufzutreten. Kollegialität und konkrete Unterstützung bringt mehr als pauschale Vorwürfe.

  • Frau Feuz sagt:

    Lieber Frau Greuel
    Danke für Ihren Einwand. Sie haben natürlich recht, konkrete Unterstützung ist zentral. Bitte seien Sie versichert: Solidarität ist kein Fremdwort für mich, ich schwing nicht nur grosse Reden, sondern tu auch aktiv mein bestes, Frauen auf Podien zu bringen. Gerade deswegen wünschte ich mir manchmal ein bisschen mehr Mumm und Eigeninitiative von den Ladies. Und: die vorgegebene Länge für eine Kolumne bringt zwangsläufig gewisse Pauschalisierungen mit sich, das liegt leider in der Natur der Sache.

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