Den 50-Prozent-Kleber suchen Sie hier vergeblich

«Poller»-Kolumnist Markus Dütschler vertraut eher seiner Nase statt einem 50-Prozent-Kleber im Laden.


Heutzutage steht fast überall ein Verfalldatum drauf. Das war früher anders. Fand man zu Hause im Kellerregal eine Dose mit Pfirsichhälften, so entlarvte kein Datum deren Alter, sondern nur der veraltete Grafikstil der Papierumhüllung. Man öffnete die Büchse, roch am Inhalt und merkte, dass der Inhalt immer noch für den Verzehr geeignet war. Lebensmittel muss man sorgfältig prüfen. Besonders bei Fleisch ist Vorsicht am Platz, auch bei Speisen mit Rahm oder Eiern. Anderes wird viel zu voreilig weggeworfen, etwa Joghurt, der mehrere Tage über das Datum hinaus einwandfrei bleibt. Viel Food-Waste könnte vermieden werden, wenn wir unseren Geschmackssinnen besser trauen würden, anstatt uns blind auf das aufgedruckte Verfalldatum zu verlassen.

Im Verkaufsladen ist das eine andere Sache, dort gelten strenge Lebensmittelgesetze. Dank des Datums kann das Personal eruieren, was aus dem Regal entfernt werden muss – und was allenfalls noch zu einem reduziertem Preis verkauft werden kann. Schnäppchenjäger, die das Produkt ohnehin am gleichen Tag essen wollten, freuen sich darüber.

Das wird unterschiedlich gehandhabt, wie ich anlässlich eines Einkaufs bei Hophop (Name von der Redaktion geändert) feststellte. Eine Kundin suchte harte Tortenböden, die man mit Erdbeeren füllen und mit Rahm dekorieren kann. Die Tortenböden im Regal waren schon seit Wochen abgelaufen. Als die Kundin das Personal darauf aufmerksam machte, hiess es, die frischeren lägen weiter hinten. Dort waren aber noch ältere, die ihr Verkaufsdatum schon im schönen Jahr 2018 überschritten hatten. Die herbeigerufene Rayonchefin zuckte mit den Schultern. Dann sprach die Kundin sie auf den Strudelteig an, dessen Verbrauchsdatum heute sei: Ob man ihn nicht aus dem Kühlregal nehmen solle? Nein, gab diese grimmig zurück: «Das darf man bis zum letzten Tag verkaufen.» Natürlich zum vollen Preis.

Mag sein, dachte sich die Kundin, aber das ist nicht kundenfreundlich. Sie fühlte sich einmal mehr in ihrem Misstrauen bestärkt, dass man bei Hophop wie ein Häftlimacher aufpassen muss, damit man nicht alte Ware erwischt. Beim Konkurrenten Mimos sei es auch nicht viel besser, befand sie, aber nicht ganz so arg. Der Poller-Schreiber selbst hat auch schon solche Feststellungen machen müssen, etwa mit Käse, der im neuen Jahr noch lange fröhlich im Hophop-Regal lag, obwohl er schon im alten Jahr hätte weichen müssen. Oder an ein Trio Birnendosen, als Superaktion in eine Plastikhülle eingeschweisst. Zu Hause merkte er, dass zwei davon stark verbeult waren.

Derzeit erinnert man sich an den Markteintritt zweier Konkurrenten vor zehn Jahren: Noldi und Fidel. Zuerst wurden sie geschmäht, es sei alles billiger Mist. Das hat sich geändert. Diese Herausforderer seien, wie man hört, gerade bei Ablaufdaten sehr kulant. Wenn gewaschener Fertigsalat ans Enddatum gelangt, wird flugs ein 50 Prozent-Kleber draufgemacht, damit sich die Schnäppchenjäger draufstürzen können. Wenn das Verbrauchsdatum bei Schweinekoteletts erst allmählich in Sichtweite kommt, gibts bereits einen Rabatt von 10 Prozent. Ich enthalte mich eines Kommentars, aber offensichtlich kann man dieses Problem unterschiedlich handhaben: defensiv wie Hophop und Mimos, oder offensiv wie Noldi und Fidel.

Ja, liebe Leserin, lieber Leser, auch Kolumnen unterliegen einem Verfalldatum. Manche liest man auch zehn Jahre später noch mit Vergnügen. Bei anderen denkt man schon am ersten Tag, sie wären besser nie geschrieben worden. Entscheiden Sie selbst – und wenden Sie sich vertrauensvoll an den Kundendienst. Auf das 50-Prozent-Signet in dieser Kolumne können Sie allerdings noch lange warten.

1 Kommentar zu «Den 50-Prozent-Kleber suchen Sie hier vergeblich»

  • Ruedi Minder sagt:

    Ich beispielsweise halte immer Ausschau nach rabattiertem Weichkäse, denn nur der hat genau die Reife, welche ich am besten mag. Der noch lange haltbare ist oft zu unreif.

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