Sitzen geblieben

«Poller»-Kolumnist Martin Erdmann hegt Groll gegen seinen Bürostuhl und fürchtet sich vor Diabetes.


Weil ich nicht davon ausgehe, dass Sie wissen, wie mein Bürostuhl aussieht, werde ich ihn Ihnen kurz beschreiben. Er ist schwarz, hat fünf Räder und verfügt über diverse Schalter und Hebel, deren Funktionen sich mir bis heute nicht gänzlich erschlossen haben, durch die meine Sitzposition jedoch von unbequem zu etwas weniger unbequem justiert werden kann. An langwierigen Arbeitstagen frage ich mich manchmal, ob wir als Krönung der Schöpfung den aufrechten Gang bloss dazu perfektioniert haben, um von ihm auf direktem Weg auf solche ergonomische Foltervorrichtungen geführt zu werden. Ich befürchte gar, dass von Bürostühlen eine tödliche Bedrohung ausgeht. Denn wie das Bundesamt für Gesundheit auf einem Informationszettel über die Gefahren des Sitzens warnt, kann ein direkter Zusammenhang zwischen hochdosiertem Herumhocken und beispielsweise Diabetes bestehen. Nun schreibe ich Ihnen diese Zeilen auf einem Stuhl sitzend, der sich mit einer Geschmeidigkeit von Hartholz an meinen ächzenden Körper schmiegt, während ich in ernsthafter Sorge um meinen Blutzuckerspiegel bin.

Seit dem Bau der Pyramiden hat sich die Arbeitswelt insofern verändert, dass jobspezifische Todesfälle inzwischen mit grossem versicherungstechnischen Aufwand verbunden sind. Sterben auf Arbeitszeit gilt es demnach auf ein Minimum zu reduzieren. Um die Haltung der Angestellten möglichst gesundheitsfördernd zu gestalten, hat in den Büros der westlichen Welt eine Gerätschaft Einzug gehalten, die den Menschen von der gefährlichen Bürde des Sitzens befreien will: das Stehpult. Ich will die körperliche Bekömmlichkeit des Stehpults gar nicht infrage stellen, dennoch würde ich eher meinen Blutzuckerspiegel zerspringen lassen, als stehend zu arbeiten. Es ist eine Frage des Prinzips. Ich bin der Überzeugung, dass Stehen eine körperliche Haltung ist, die ausschliesslich bei der Ausführung heroischer Taten zum Zug kommen sollte. Beispiele: Erstbegehung von Planeten, Rede zur Befindlichkeit des Landes, Entgegennahme von Auszeichnung für Lebenswerk, nach durchzechter Nacht nicht aus den Schuhen kippen. Alles Situationen, die im Büroalltag eine untergeordnete Rolle spielen. Wer also kein Held ist, sollte die gewinnende Ausstrahlung des Stehens nicht besudeln, sich hinsetzen und Insulin in Griffnähe halten.

Da ich weder Held bin, noch Diabetes will, habe ich mich auf die Suche nach einem Mittelweg gemacht. Das Schlimme am Sitzen ist, dass der Körper dabei schnell in Starre verfällt. Und wer rastet, der rostet bekanntlich. Also schaute ich mich nach einer Aktivität um, die dem Körper Bewegung verschafft, aber im Sitzen ausgeführt werden kann. Das bringt uns nun in die seltene Situation, über Olten sprechen zu müssen. Vielleicht sind Sie da einmal von einem Zug in einen anderen gestiegen. Wie ich aber in Erfahrung bringen konnte, können dort wider Erwarten auch noch andere Dinge gemacht werden. Besonders am 29. Juni. Dann findet dort nämlich die Weltmeisterschaft im Bürostuhlrennen statt. Wer eine sich abwärts neigende Strecke am schnellsten hinter sich lässt, gewinnt.

Da ein Rennen ein sportlich geprägter Begriff ist, gehe ich davon aus, dass auch in einem Bürostuhlrennen allerlei Bewegungen involviert sind. Es kann also kaum eine effektivere Methode geben, um sich vor Diabetes zu schützen, als Bürostuhlrennen-Weltmeister zu werden. Daran hindert mich bloss der Umstand, dass ich auf meinem Bürostuhl wohl noch nie mehr als 60 Zentimeter am Stück zurückgelegt habe. Aber wo es an Übung fehlt, kommt Technik ins Spiel. Also habe ich mich bei einem der führenden Bürobedarf-Anbieter des Landes nach seinem schnellsten Bürostuhl erkundigt. Die Antwort war ernüchternd. «Leider liegen uns keine Werte über die Fahrgeschwindigkeit unserer Stühle vor.»

Die Chancen, dass ich Bürostuhlrennen-Weltmeister werde, schwinden dadurch drastisch. Vielleicht ist es besser so. Als Weltmeister wäre ich schliesslich ein ausgewiesener Held, was nichts anderes heisst, als dass ich von nun an im Stehen arbeiten müsste.

Der «Bund»-Redaktor ist ab sofort jeden Mittwochmorgen um 5.30 Uhr am Aargauerstalden beim Training anzutreffen.

poller.derbund.ch

1 Kommentar zu «Sitzen geblieben»

  • Ra Koch sagt:

    Jeglicher Unterhaltungswert erbauender Art wird dankbar entgegengenommen. Damit bemessen sich Sinn und Zweck über den Jargon.

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