Keine Kontrollen unter dem Jüngsten Gericht

«Bund»-Redaktor und Karfreitagskirchgänger Markus Dütschler ist fassungslos angesichts des Brands in Notre Dame - und des Anschlags in Sri Lanka.


Sicherlich ging es auch Ihnen so: Man sitzt vor dem Fernseher, sieht Flammen aus dem Dach von Notre-Dame in Paris schlagen – und ist fassungslos. Wie kann so etwas passieren? O.k., sie sind dort am Renovieren, aber da muss man doch aufpassen wie ein Häftlimacher, schliesslich ist es ein weltbekanntes Kulturdenkmal.

Noch etwas Zweites kam mir angesichts der Flammen in den Sinn, ein kleines schmutziges Geheimnis, das ich hiermit ausplaudere. Sie ahnten es vielleicht schon länger, dass die Artikel in der Montagsausgabe nicht ausnahmslos am späten Sonntagabend geschrieben werden. Vieles, was am Montag im Lokalteil steht, ist schon am Freitag verfasst worden. Man lässt eine kleine Spalte frei, damit die Unfälle des Wochenendes vermeldet werden können. Wenn dann der Diensthabende am Freitag dem Wochenendverantwortlichen die Seiten übergibt und ihm sagt, wo es allenfalls noch Lücken hat, fällt manchmal der flapsige Spruch: «Du kannst die Seiten so übernehmen, wenn nicht noch das Münster abbrennt.» Sie sollten jetzt nicht empört über den Zynismus von uns Zeitungsfritzen urteilen. Denn gemeint ist es natürlich so: So etwas wie ein Münsterbrand ist undenkbar und praktisch ausgeschlossen oder doch zumindest sehr unwahrscheinlich, sodass sich an den Seiten wohl nichts mehr ändern wird. Seit Notre-Dame wird man diese Floskel nicht mehr so unbedarft in den Mund nehmen können.

Ich war übrigens im Münster, sogar zweimal – am Karfreitag. Im Morgengottesdienst sang der Münsterchor Arien und Choräle aus Bachs Johannes- und Matthäus-Passion, und erst noch kostenlos. Am Nachmittag interpretierte der Berner Kammerchor ebenfalls Bach, aber diesmal kostete es Eintritt, denn es war ja ein Konzert. Beide Gesangsdarbietungen waren von hoher Qualität. Während ich den Klängen lauschte, sah ich nebenbei die Gerüstbauten im vorderen Teil des Kirchenschiffs und dachte: Passt bloss auf beim Renovieren, es erträgt nicht die kleinste Schlamperei. Am Karfreitagmorgen gab es keine Kontrolle beim Eingang unter dem Jüngsten Gericht, sondern nur eine nette Begrüssung durch den Siegrist. Am Nachmittag war es anders, wobei hier es einzig darum ging, die Eintrittskarten zu kontrollieren.

Tönt banal, doch schon einige Stunden später vernahm man vom schrecklichen Anschlag in Sri Lanka. Hat irgendeiner dieser Gläubigen, die sich in der Kirche versammelten, um den Sieg ihres Herrn über den Tod zu feiern, damit gerechnet, von einer Bombe zerfetzt zu werden? Wird künftig jeder, der in Colombo die Kirche betritt, von Security-Leuten abgetastet, wird jede Tasche durchleuchtet? Müssen sich Gläubige im Voraus registrieren, mit Adresse und ID-Nummer?

Es ist nicht der erste Anschlag auf christliche Gemeinden. In vielen Ländern leben Christen gefährlich, sei es in Nigeria, in Ägypten und in etlichen anderen Ländern. Zahlreiche Anschläge, bei denen es Tote und Verletzte gibt, schaffen es bei uns nicht einmal in die Kurzspalten der Zeitungen. Ich hoffe wirklich nicht, dass es auch bei uns so weit kommt. Aber nachdem in Paris quasi das Münster gebrannt hat und Gottesdienstbesucher in Sri Lanka ihr Bekenntnis mit dem Leben bezahlt haben, wird sich zumindest ein Gedanke immer irgendwo im Hinterkopf einnisten: Man darf nichts ausschliessen. Oder wie es ein Kirchendichter einmal formuliert hat: Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen.

Der «Bund»-Redaktor fragt sich, wie niederträchtig man sein muss, um Betende zu ermorden – und dies im Namen einer Religion.

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