Evolution, du alter Lump

«Poller»-Kolumnist Martin Erdmann spürt den Frühling, hat schlechte Laune und sorgt sich um die Entwicklung des Menschen.


Neulich war ich wieder einmal draussen. Dabei stellte ich einige Merkwürdigkeiten fest. Seit ich das letzte Mal da war, haben sich Intensität, Dauer und Winkel des Sonnenlichteinfalls drastisch verändert. Dieser Umstand liess mich einen Verdacht erahnen, der sich beim Studium der örtlichen Gartenkultur erhärtet hat. Die regionale Flora spielte nämlich verrückt. In bester narzisstischer Manier quetschten sich Osterglocken ungefragt aus dem Boden, wo sie neben einem Rudel Schneeglöckchen um die Vorherrschaft der lokalen Grünflächen kämpften, während irgendwo ein Flieder mit rüpelhafter Penetranz olfaktorische Akzente setzte. Sie mögen nun an meinem Scharfsinn zweifeln, doch ich befürchte fast, der Frühling hat begonnen.

Dank ausgeprägter sauertöpfischer Veranlagung gelingt es mir, sogar dieser lebensverherrlichendsten aller Jahreszeiten einen bitteren Beigeschmack beizumischen. Denn immer, wenn der Frühling anbricht, muss ich an den Birkenspanner denken. Das ist ein Falter, der einst weisse Flügel hatte. Dann wurde in Grossbritannien die industrielle Revolution losgetreten, die grosse Russablagerungen im Schlepptau hatte. Da durch diese das Landschaftsbild stark verdunkelt wurde, färbten sich die Flügel des Birkenspanners schwarz, sodass er seltener von Fressfeinden angegangen wurde.

Dann fasste die Menschheit den Entschluss, das Tempo zur Zerstörung der Erde etwas zu drosseln, worauf Umweltgesetze eingeführt wurden. Diese hatten zur Folge, dass das Landschaftsbild wieder aufhellte, genauso wie die Flügel des Birkenspanners. Dieser beneidenswerte Falter hat also die Umstellung von agrarischer zu industrieller Produktionsweise dank cleverer Anpassung an seine Umwelt überstanden und gilt bis heute quasi als schillernde Galionsfigur darwinistischer Geisteshaltung.

Im Vergleich zum Birkenspanner fühle ich mich von der Evolution völlig vernachlässigt. Meine Fähigkeiten, mich an meinen natürlichen Lebensraum anzupassen, sind miserabel. Der Frühling führt mir das jedes Jahr schmerzlich vor Augen. Da bin ich also neulich wieder einmal nach draussen gegangen. Zuvor investierte ich jedoch beachtliche Zeitmengen in jene Frage, die im Frühling niemals ausser Mode kommt: Soll ich eine Jacke anziehen oder ist es bereits warm genug?

Die Signifikanz dieser Problematik kann kaum hoch genug gewertet werden. Denn wenn ich meine Jacke zu Hause lasse, könnte meine menschliche Hülle die Aussentemperaturen als zu kühl auffassen, wodurch meine Lebensqualität einen temporären Einbruch erleiden würde. Doch mit Jacke könnte es mir unter Umständen zu warm sein, was ebenfalls unaussprechlich unangenehm wäre. Denn dann müsste ich diese ablegen und dadurch der Öffentlichkeit eingestehen, mich in den Gegebenheiten meines natürlichen Lebensraumes getäuscht zu haben. Schlimmer wäre nur noch, sich die Jacke um den Bauch zu binden, was nach international anerkannten Studien als sicheres Zeichen dafür gilt, von der Evolution übersprungen worden zu sein.

Unter uns gesagt, verspüre ich gegenüber dem Birkenspanner gelegentlich starke Schübe von Eifersucht. Und jeder Mensch, der etwas auf seine Spezies hält, sollte es mir gleichtun.
Widerspricht es nicht jeglichem Gerechtigkeitssinn, dass der Birkenspanner von der Natur mit solch bestechenden Assimilierungstechniken ausgestattet wird, während die Entwicklung von uns Menschen mit stiefmütterlicher Lieblosigkeit vonstattengeht. Unsere Zähne wurden kleiner, und die Körperbehaarung wurde uns genommen. Als die grossen Evolutionsverlierer sahen wir uns deshalb gezwungen, Gerätschaften zu erfinden, um unser Überleben zu sichern. Zum Beispiel Heizungen. Durch das Modell in meinem Zimmer kann ich mich von einer bis zu sechs Einheiten von der natürlichen Temperatur abgrenzen. Ein klareres Zeichen für die Entfremdung zur Natur kann es wohl kaum geben. Aber was such ich schon deren Nähe? Sie scheint ja recht glücklich zu sein mit ihrem Birkenspanner.

Nun gut. Seit dem Pleistozän ist wenigstens das menschliche Gehirn etwas angewachsen. Aber ist dies wirklich eine wünschenswerte Errungenschaft? Mit Neandertaler-Verstand würde ich mich wohl kaum fragen, ob der Frühling bereits jackenlose Temperaturen erreicht hat.

Der «Bund»-Redaktor bittet darum, diese Kolumne keinesfalls als Beitrag zur Klimadebatte zu verstehen. Besonders wenn Sie Roger Köppel sind.

2 Kommentare zu «Evolution, du alter Lump»

  • Graxer sagt:

    Lieber Martin,
    übe dich in Geduld! Auch den Birkenspanner wird der Klimawandel von der Bildfläche verschwinden lassen. Dann verpufft deine Eifersucht und du musst dir ein neues Ziel für dieselbe suchen…

  • Martin Erdmann sagt:

    Guten Tag Herr oder Frau Graxer

    Sie wollen also behaupten, die Menschheit wird den Birkenspanner überleben? Ich glaube kaum, dass solch blauäugiger Optimismus den Test der Zeit bestehen kann.

    Höchst skeptisch,

    Martin Erdmann

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