Lieber Herr Prof. Dr. Roland Ris

«Poller-Kolumnistin Gisela Feuz weiss, warum wir im Auto fluchen.»

Wir haben kürzlich ordeli zusammen geflucht, gellen Sie. Oder besser gesagt, Sie haben mir Auskunft gegeben über die Geschichte des Fluchens. Das war ungemein spannend, herzlichen Dank noch einmal dafür. Hier meine drei wichtigsten Erkenntnisse aus unserem Gespräch:

1. Fluchen ist ein notwendiges Ventil, mit dem wir aufgestaute Emotionen abbauen können. 2. Wenn wir jemanden anranzen oder beleidigen, bedienen wir uns gerne Vertreter aus dem Tierreich oder aus den Themenfeldern Krankheit, Fäkalien, Sexualität oder Religion. Zur Illustration: Mit «Gopferteli, du Dünnschissgurgler-Schnäbichätscher-Schafsecku-Siech!» hätte man gleich alle Kategorien abgedeckt und zudem jemanden höchst effektiv und klangvoll zur Schnecke gemacht. Damit will ich jetzt aber keinesfalls andeuten, dass Sie sich eines solchen Vokabulars bedienen würden, Herr Ris. Als ich Sie nämlich gefragt habe, wie es denn klinge, wenn Sie persönlich fluchen würden, haben Sie gesagt, dass Sie sich höchst selten dazu veranlasst sähen, weil Sie doch eigentlich ganz zufrieden seien mit Ihrem Leben.

Höchstens beim Autofahren würde Ihnen vielleicht ab und an ein «Trottel» entfahren. Damit wären wir dann auch bei der feuzschen Erkenntnis Nummer 3 angelangt: Kaum steigt Mensch in ein Auto ein, sinkt sein geistiges Niveau um mindestens drei Evolutionsstufen. Im Falle eines Prof. Dr. resultiert daraus ein vergleichsweise harmloses «Trottel», wobei dieses dann wahrscheinlich auch eher verstohlen gemurmelt wird. Wenn meine Freunde in ein Auto einsteigen, bewegen sie sich geistig irgendwo zwischen Amöbe und Neandertaler und klanglich im Bereich Stehsektor Fussballstadion. Und zwar instant. Auto­türe auf, Mensch rein, Autotüre zu und los gehts mit «du tumme huere Birewixer», bevor auch nur der Zündschlüssel gedreht wurde.

An kaum einem anderen Ort wird dermassen hemmungslos geflucht und geschimpft wie im Auto. In einer Umfrage der Forsa, der Gesellschaft für Sozialforschung, gaben 96% der Autofahrer und Autofahrerinnen an, hinter dem Steuer zu meckern. Warum das so ist? Psychologe Ralf Buchstaller wagt in einem Interview mit Shz.de einen Erklärungsversuch, der Frau Hobbypsychologin Feuz durchaus einleuchtend erscheint und in etwa so lautet:

Befindet man sich in der Öffentlichkeit, richtet man sich normalerweise danach, was als regelkonform und gesellschaftlich erwünscht gilt, um ein soziales Miteinander zu ermöglichen. Im Auto hingegen befindet man sich zwar auch in der Öffentlichkeit, gleichzeitig aber eben auch in einem privaten Raum, weil einen das Autoblech ja vor Aussenstehenden abschirmt. Dieser geschützte Rahmen gibt einem die Möglichkeit, seinen Ärger unmittelbar und ungefiltert herauszubrüllen, ohne gesellschaftliche Konsequenzen erwarten zu müssen.

Fluchen in den eigenen vier Blechwänden macht also durchaus Sinn, zumal Experimente zeigen, dass Menschen durch zetern und wettern kurzzeitig Stress abbauen und sich aufgestauter Aggressionen entledigen können. Machen Sie sich also keine Sorgen wegen ihres «Trottel», werter Herr Ris, das ist wichtig und richtig. Jedenfalls lieber im Auto fluchen, als sich eine Kanone auf die Kühlerhaube montieren, wie kürzlich in der Neandertaler-Runde diskutiert wurde. Oder aussteigen und jemandem die Faust auf die Nase hauen. Das würde man ja ab und an durchaus gerne tun, zum Beispiel bei diesen Mobility-Fahrern, die einmal pro Jahr ein Auto ausleihen und dann den ganzen Verkehr lahmlegen, weil sie nicht mehr wissen, welches Pedal denn nun das Gas und welches die Bremse ist, diese unfähigen Laueri-Hüng, elende Blaupistenfahrer, Flussabwärtspaddler, Weichschnäbeler,  Ampelgelbbremser, *****, *******, ********, *****-******,*****!!!

Aus dem Reich der Amöben,

Ihre Frau Feuz

Gisela Feuz ist freie Kulturjournalistin, Gelegenheitsautofahrerin und trägt den Übernamen Regazzoni. Roland Ris ist Germanist, emeritierter Professor der ETH Zürich und Experte in Sachen Fluchen und Schimpfen. Der Chef? Nicht mit Frau Feuz verwandt und ansonsten halt einfach der Chef.

3 Kommentare zu «Lieber Herr Prof. Dr. Roland Ris»

  • M. Beutler sagt:

    Jetzt verstehe ich endlich, warum die halben Dörfer hier täglich morgens ins Auto steigen und in die Städte blochen, statt gemütlich im Zug zu fahren. Im Auto lässt es sich anstandslos und so befreiend fluchen.

  • Simon Huber sagt:

    Liebe Frau Feuz
    Ihr heutiger „Poller“ , den ich beim Morgenkaffee gelesen habe, hat mich so schön erheitert. Danke sehr!
    Vor allem die Bezeichnungen für Mobility-Fahrer sind schön. Bei den Pünktchen käme wahrscheinlich noch „Schattenparkierer“ und „Warmduscher“.
    Schön dünkt mich auch Ihr Uebername „Regazzoni“.
    Das ist viel besser, als Rigozzi, gellen Sie!

    Frdl. Grüsse
    Simon HUber

  • Tobias Rentsch sagt:

    Ich fluche nie, weder im Auto noch auf dem Motorrad. Ich fahre ausschliesslich zu privaten Zwecken, auf der Fahrt zur Arbeit benutze ich den ÖV. Ich geniesse die Ausfahrten mit dem Auto oder dem Motorrad sehr und das es noch ein paar Wochen dauert bis es verboten wird, kann ich es noch geniessen bis ich dann gar nicht mehr fahren will. Im ÖV darf ich leider nicht fluchen Grund gäbe es schon. Vom Zehennagelschneiden über den Döner welcher verzerrt wird habe ich schon alles gesehen.

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