Von Haien und E-Bikes

Für «Poller»-Kolumnist Martin Erdmann ist der Strassenverkehr das reinste Haifischbecken.

Normale Velos und E-Bikes auf der Schanzebruecke. © Franziska Rothenbuehler

Der Hai ist ein völlig überbewertetes Tier. Ein Körper wie ein unförmiges Baguette mit stummelartigen Brustflossen. Ein Maul, als hätte ein Kind mit fehlerhaften feinmotorischen Fähigkeiten einen Mund in einen ranzigen Halloween-Kürbis hinein malträtiert. Von jeglichem Ausdruck befreite schwarze Rosinenaugen. Nur weil wir uns vor ihm fürchten, ist er ein recht populäres Tier. Dabei ist er nichts anderes als ein Hochstapler. Je nach Bildungsgrad ist Ihnen dieses wichtige Stück Wissen bisher vielleicht verwehrt geblieben, aber in New York werden jährlich zehnmal mehr Menschen von Menschen gebissen als weltweit von Haien. Der Hai ist gegenüber dem Menschen statistisch gesehen sogar recht handzahm. Die Datenbank International Shark Attack File zählte 2018 bloss vier Aufeinandertreffen zwischen Hai und Mensch, die für die Vertreter unserer Spezies tödlich endeten.

Wie eminent harmlos der Hai für den Menschen ist, ist am eindrücklichsten unter Beweis zu stellen, wenn seine vier Menschenmorde aus dem vergangenen Jahr den Todesopfern von Berns Strassenverkehr gegenübergestellt werden. 2018 hatte dieser fünf letale Fälle aufzuweisen. Dadurch sind Berns Strassen faktisch gefährlicher als die gesamte Haipopulation aller sieben Weltmeere. Im Gegensatz zum Hai hat Steven Spielberg aber noch keinen oscarprämierten Spielfilm über den Berner Strassenverkehr gedreht. Und die Chancen, dass es dazu kommt, werden immer geringer. Denn kontinuierlich finden Bemühungen statt, um die Strassen sicherer zu machen. Diese haben sich im Verlauf der Jahrzehnte stark verändert. So wurde beispielsweise 1981 das Gurtenobligatorium für Fahrzeuglenker vom Schweizer Stimmvolk haarscharf angenommen. Heute haben wir mit ganz anderen Problemen zu kämpfen: E-Bikes.

Der einst so unschuldige Drahtesel wurde durch modernste Technik zu einer monströsen Gefährdung der öffentlichen Sicherheit herangezüchtet. Dank Tretunterstützung können E-Bikes nun Geschwindigkeiten erreichen, die bisher eigentlich bloss vom vordersten Teilnehmerfeld der Tour de France erlangt werden konnte. Besonders gefährlich scheinen E-Bikes in der Berner Sulgenbachstrasse zu sein. Denn die Stadt wollte dieser ein E-Bike-Verbot aufdrücken, zog es nach Protesten von Leuten, die anscheinend gerne hart am Limit leben, wieder zurück. Ganz klein beigeben will die Stadt aber doch nicht und prüft nun, wie diese Basejumper des Veloverkehrs durch bauliche Massnahmen zur Einhaltung räsonabler Tempi gezwungen werden können.

Ich würde mich nicht als besonders mutig bezeichnen, doch ich wandelte kürzlich auf eben dieser Sulgenbachstrasse. Nennen Sie mich ignorant, aber ich verspürte kaum ein durch E-Bikes hervorgerufenes Gefühl von Unsicherheit. Eher begleitete mich eine diffuse Angst, von einem Hai angegriffen zu werden. Und doch störte ich mich ab diesen E-Bikes. Deren Fahrer waren mir schon immer suspekt. Die müssen immens wichtig sein. Sonst würden sie wohl kaum so viel Wert darauf legen, der Öffentlichkeit unmissverständlich klarzumachen, dass ihre Person dermassen unabdingbar ist, dass sie es sich nicht leisten können, länger als nötig im Strassenverkehr zu stehen, und daher astronomische Summen in diese zweirädrigen Symbole der Leistungsgesellschaft investieren. Gleichzeitig frage ich mich, wo ich als überzeugter Fussgänger in der gesellschaftlichen Hackordnung stehe. Bin ich als Verfechter der langsamsten aller Fortbewegungsformen zu wenig wichtig, um unbedingt und so schnell wie möglich irgendwo sein zu müssen? So schlenderte ich durch die Sulgenbachstrasse und sorgte mich um meine Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Der Strassenverkehr ist wahrlich das reinste Haifischbecken.

6 Kommentare zu «Von Haien und E-Bikes»

  • Toni sagt:

    Ganz richtig. Mich würde auch mal interessieren wie viele Unfälle in den berüchtigten Mischverkehrzonen effektiv passieren und wie häufig einfach gemotzt wird auch wenn alle Verkehrsteilnehmer sich korrekt verhalten.

  • Rolf Weber sagt:

    Sehr schöner Bericht… leider lesen diesen wahrscheinlich nur nicht betroffenen Leute. Und das ganze läuft erst noch unter dem Label Öko. Man sieht diesen Bikern deren Verbissenheit und den Heiligenschein ja regelrecht an.

  • Hans Ferdi sagt:

    Ein richtiger Glas-halb-leer Post. Dank meinem Ebike brauche Ich weniger das Auto und komme schneller rum. Hör mal auf zu Jammern.

    • Hans Huggentobler sagt:

      Wenn Sie jetzt auch mental das Auto in der Garage lassen, wenn Sie auf Ihrem E-Bike fahren, ist alles in Ordnung.

  • Clemenzia sagt:

    E-Biken sieht einfach nicht gut aus: fehlende optische Dynamik des Fahrenden ohne jegliche Spur von Eleganz, dann trampliges Treten statt dynamisches Pedalen und der Sound der pittoiablen Erscheinung: ein Sirren, das an eine Fliegenklappe erinnert, wenn man daneben haut…ein ästhetischer Fauxpas auf der ganzen Linie
    Lieber ein gepflegter Drahtesel und das mit Stil…
    (Wieso braucht es den Vergleich mit dem Auto? Was ist das geringere Übel: Kopfweh oder lieber Bauchweh?)

  • Chromo Klopp sagt:

    Als Stadtbewohner mit Benzin im Blut (besitze 4 (!) Autos mit insgesamt 28 Zylindern) pendle ich neuerdings mit einem ultraschnellen Stromer zur Arbeit, trockenes Wetter vorausgesetzt. Umsichtiges und rücksichtsvolles Fahren ist angesagt und was kann ich sagen: Macht viel mehr Spass als mit dem Auto! Dass jetzt nun doch eine Neiddebatte gegen E-Bikes aufkommt, lässt mich nur amüsiert und leicht irritiert den Kopf schütteln. Liebe Neider: Gönnt doch der 10%-Wadenkraft-Fraktion ihren Spass und seid froh, dass sie nicht mit vier Rädern unterwegs ist!

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