Liebe Züri West

Die «Poller»-Kolumnistin schreibt über gefährliche Blasphemie an Berner Rockern, die im Westen Zürichs aufgewachsen sind.

Ihr werdet wohl kaum damit gerechnet haben, als ihr anno 1984 in irgendeinem popeligen Übungsraum eure ersten gemeinsamen Akkorde schrummeltet, dass ihr 35 Jahre später Gast bei eurer eigenen Tribut-Nacht sein würdet, gellet. Ich nehme an, dass euch der letzte Freitag im ausverkauften Dachstock der Reitschule ein Wechselbad der Gefühle beschert hat. Ein bisschen stolz seid ihr ja hoffentlich schon gewesen – welche Band wäre das nicht, wenn sich rund 30 Musiker und Musikerinnen zusammentun, um einem Tribut zu zollen?

Andererseits: Normalerweise muss man ja zuerst tot sein, um Gegenstand einer Tribut-Veranstaltung zu werden. Wird nun eine solche ausgerichtet, obwohl man doch eigentlich noch quicklebendig ist, könnte man dies theoretisch auch als Kritik am eigenen gegenwärtigen Schaffen empfinden. War es aber nicht. Vielmehr war diese Show eine 30-stimmige Liebesbekundung. Warum Frau Feuz das weiss? Weil sie für diesen Abend als Moderations-Tätschmeisterin engagiert worden war und mitbekam, wie gross die Ehrfurcht hinter der Bühne war. Läck Bobi waren die alle nervös. Selbst namhafte Vertreter der Unterhaltungsindustrie tigerten aufgeregt durch den Backstage-Bereich, und manch eine und einer dürfte sich verflucht haben, diesem Unterfangen überhaupt zugestimmt zu haben.

Es ist aber auch ein Kreuz mit euch, liebe Züri West. Ihr seid in Bern ja so etwas wie der heilige Gral. Unantastbar. Egal, wen man nach euch fragt, «Züri West si geili Sieche», ist die Antwort, die man bekommt. Und wer Schindluderei mit eurem Liedgut betreibt, der läuft Gefahr, geteert und gefedert aus der Stadt verjagt zu werden. Das schüchtert ein. Ich mein: Wenn man morgens um drei strunzblau in irgendeiner Karaoke-Bar «Sisch schpät amne  Donnschti*hicks*abe im Februaar» ins Mikrofon nuschelt, ist das ja noch eines. Aber vor 500 Leuten inklusive euch einen eurer Songs zu intonieren, oh wow, das braucht Eier. Dicke, grosse, haarige Eier.

Keine andere Band stösst in der Schweiz auf dermassen breite Zustimmung wie ihr. Das hat damit zu tun, dass ihr mit eurer Musik vielen aus dem Herzen sprecht. Ihr besingt nicht die grossen Helden, welche nach Los Angeles fliegen und dort reich und berühmt werden, sondern die Antihelden, die in Bümpliz rumdümpeln und denen nicht immer alles mit Bravour gelingt. Wir alle kennen deren Sehnsüchte, Hoffnungen, Probleme, Zweifel und Ängste. Wir alle haben uns schon einmal über die zu grosse Fresse eines Hanspeter aufgeregt, haben zu viele Mojitos getrunken oder haben jemandem unser Herz verschenkt, der es nicht haben wollte. Es ist die Authentizität und Menschlichkeit in euren Songs, welche dafür sorgt, dass wir uns verstanden und aufgehoben fühlen.

Aber zurück zur Züri West Tribute Show im Dachstock. Zu wenig Mut und zu viel Respekt habe man vor euch gehabt, um aus den Songs eigene Adaptionen zu kreieren, schreibt Musikjournalist Gregi Sigrist in seiner Besprechung des Abends. Einfach nur wie Züri West klingen zu wollen, reiche nicht. Ganz unrecht hat er ja nicht, der werte Herr Sigrist. Allerdings hätten komplett andersartige Songadaptionen auch eine ganz andere Herangehensweise und viel mehr Ressourcen bedingt. Um einem Song ein neues Gewand zu verpassen, muss sich eine Band mehrmals hinsetzen und pröbeln und tüfteln, was wie funktioniert. Das mit insgesamt 17 verschiedenen Sängern und Sängerinnen aufzugleisen, ist 1. ein logistischer Albtraum sondergleichen, 2. eine Frage von Zeit und Finanzierung und 3. stellt sich auch die Frage der Verhältnismässigkeit, wenn dieser Song dann nur einmal an einem einzigen Anlass gespielt wird. Dass ihr die ausgefallensten Adaptionen der Welt verdient hättet, liebe Züri West, darüber sind wir uns alle einig: «Fische versänke» in Freejazz, «Fingt ds Glück eim» in Gabber und «Redt si no vo mir» in Hustensaft-Trap. Das wäre Klasse. Wenn doch aber nach zwei Konzertstunden 500 glückliche Menschen nach Zugabe schreien, dann kann das Unterfangen so verkehrt auch nicht gewesen sein. O.k. Los Angeles war es vielleicht nicht. Aber dafür Bümpliz authentisch und mit viel Herz und das zählt doch auch was, nicht?

Herzlichst, euer nicht mehr ganz junges Feuz-Huhn.

Gisela Feuz ist freie Kulturjournalistin und moderiert Podien und Anlässe, so auch die «Züri West Tribute Show» vom vergangenen Freitag im Dachstock der Reitschule. Mit der eigentlichen Organisation des Abends hatte sie nichts zu tun. Der Chef (nicht verwandt) glaubs auch nicht.

5 Kommentare zu «Liebe Züri West»

  • Res von Gunten sagt:

    „Dicke, grosse, haarige Eier„? Das ist nun aber eher peinlich.

  • Clint sagt:

    Liebe Gisela, wollte einfach noch anmerken wie saumässig gut deine Moderation des Abends war. Du hast es doch tatsächlich nahezu geschafft, in deinen Ankündigungen mehr ZW-Text zu verbraten als die vielen Sänger/innen zusammen; und wie gut das gepasst hat. Danke dir und allen Beteiligten für den wundertollen Abend.

  • Daniel Hofer sagt:

    Diese Lobhudelei ist Kuno Lauener vermutlich peinlich. Sicher, Züri West ist toll und schon der Band Name ist und war revolutionär. Aber es gibt noch viele andere gute Bands, vor allem im Berner Land – neben guten Acts, gängiger Musik und einprägsamen Text gehört auch gutes Marketing und ein kräftige Portion Glück zum Erfolg. Es sind die letzten beiden Punkte die leider vielen fehlen.

  • Pesche Gerber sagt:

    Also ich fands saumässig glatt im Dachstock. Aber einige waren dann schon unterirdisch mittelmässig. Dieser Althaus zum Beispiel! Was hatte der da zu suchen?

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