Erdmanns Bar

«Poller»-Kolumnist Martin Erdmann grämt dem Zeitgeist und will deshalb eine Bar eröffnen.

 

Als «Bund»-Mitarbeiter steht mir das Privileg zu, sämtliche Artikel dieser Zeitung unentgeltlich lesen zu können. Neulich machte ich von diesem Vorzugsangebot Gebrauch. Dabei stiess ich auf eine aussagekräftige Lektüre über die städtische Gastroszene. Ich vernahm, dass mit der Bonsoir GmbH eine einstige Galionsfigur des Jungunternehmertums gedenkt, die Segel zu streichen. Ein Mitinhaber befürchtet, dass durch ihren Rückzug ein Vakuum in der Berner Bewirtschaftungswelt entstehen könnte, weil es an Nachwuchs fehlt, der über den Mut verfügt, Geld in die Hand zu nehmen.

Im Leben eines jeden Menschen kommt einmal der Zeitpunkt, an dem er mit sämtlicher verfügbaren Ernsthaftigkeit darüber nachdenkt, eine Bar zu eröffnen. Bei mir traf dieser ein, als ich im besagten Text die Stelle erreichte, an der erwähnt wird, dass es dazu innovative Ideen braucht. Ich mag keine innovativen Ideen. Besonders, wenn es um Gastrokonzepte geht. Innovation ist da meist Unternehmerdeutsch und bedeutet nichts anderes, als im Gleichschritt einem Trend hinterherzuhecheln, um ihm in aller Prätention zu frönen, bis er von der nächsten Modewelle weggespült wird. Die erfinderische Essenz dieses Berner Pop-up-Winters bestand übrigens in etwa darin, geschmolzenen Käse mit Glühwein in den Magen zu zwängen.

Deshalb hat Innovation in meiner Bar aus prinzipiellen Gründen Hausverbot. Sie ist ein Ort der Hype-Verweigerung, eine Oase des antizyklischen Lebensgefühls. Sonnenlicht wird durch schwere Vorhänge verhindert. Das schwache Schimmern der Deckenlampe mischt sich mit nervösem Flackern einer neonblauen Leuchtreklame eines Unternehmens, dessen Konkurs schon zu lange zurückliegt, als dass sich noch jemand daran erinnern könnte, in welcher Branche es tätig war. Die sperrhölzerne Tresenoberfläche wirkt oft etwas klebrig und ist es in den meisten Fällen auch. Über ihr hängt ein Röhrenfernseher, auf dem ununterbrochen Formel-1-Aufzeichnungen aus den 80er-Jahren ab VHS-Kassetten laufen. Manchmal erinnert das monotone Rauschen der Motoren an das Meer.

In innovativen Bars reden schöne Menschen in innovativen Kleidern über ihre innovativen Hobbys und trinken dazu Pale Ale mit dem Nährwert einer Schweinshaxe, das von Männern mit pomadisierten Bärten im Keller eines Quartiers mit rasendem Mietzins-Anstieg gebraut wird und pro Kasten die Kosten eines Kleinwagens konkurriert. Bei mir wird dieser Gentrifizierung des Biertrinkens entgegengewirkt. Es gibt ausnahmslos braune Halbliterflaschen aus einer Grossbrauerei, deren jahrhundertelange Tradition darin besteht, unbeliebt zu sein. In einem kleinen Hinterzimmer steht zudem eine kalkige Badewanne, in der ich Schnaps brenne, der sehr betrunken, aber auch etwas blind macht. Die Lebensmittelkontrolle darf nie davon erfahren.

Szenebars haben innovative Häppchen auf der Karte stehen, deren Ingredienzen dermassen lokal sind, dass sie nicht weiter als eine chefköchische Armlänge von der Küche entfernt aus dem Boden gezogen werden. Bei mir stehen Restpostenkäufe sowjetischer Tiefkühlprodukte im Angebot, deren Haltbarkeitsdatum zeitgleich mit dem eisernen Vorhang verfallen ist. Wenn jemand auf die Idee kommen sollte, etwas Gesundes zu ordern, dann kann ich mit Erdbeersalat dienen. Aber nur im Winter. Einzige Zahlungsoption ist Hartgeld.

Martin Erdmann
Der «Bund»-Redaktor stellt seinem Arbeitgeber sein Lokal gerne für die nächste Weihnachtsfeier zur Verfügung.

5 Kommentare zu «Erdmanns Bar»

  • Ruprecht S. sagt:

    Genau, Glühwein mit geschmolzenem Käse ist die Antriebsfeder Bernerischer Gastro-Inivationskraft. Und wer schreibt gerne darüber? In Ihre Bar würde ich auch kommen. Essen muss man ja nicht unbedingt.

  • Natischer sagt:

    Ir Ysebahn sitze die einte ä so,
    dassi alles was chunnt
    scho zum Vorruss gseh cho
    und dr Rügge zue cheere
    dr Richtig vo wo,
    dr Zug chunnt.
    die andre die sitze im Bank wisawii,
    dassi lang no chöi gseh
    wo dr Zug scho isch gsii,
    und dr Rügge zue cheere
    dr Richtig wo hii,
    dr Zug fahrt
    Itz schtellet nech vor,
    jede bhouptet eifach,
    so win ärs gseht sigs richtig
    und scho heisi Krach,
    si gäbe enander mit Schirme ufs Dach,
    dr Zug fahrt
    und ou wenn dr Kondüktör itze no chunnt,
    so geit dr däm Sachverhalt nid ufe Grund
    är seit nume was für ne Ortschaft itz chunnt,
    sisch Rorschach

    • Martin Erdmann sagt:

      Guten Morgen Herr Natischer

      Ich habe mir ja fast ein wenig erhofft, dass ein prominenter Bierbaron wie Sie einer sind, Wortmeldung ablegen wird. Es freut micht sehr, dass das geklappt hat.

      Auf Ihr Wohl,

      Martin Erdmann

  • Mirko Baumgartner sagt:

    Diese Bar ist sehr sehr gut.

  • Graxer sagt:

    Nichts gegen Kontestation. Aber diese retrosuizidale Bier-und Schnapsoase wird an Autoimmunschwäche vergammeln, denn es ist zu befürchten, dass die meisten Kunden, die ja zur Spezies der alkoholkranken Lemminge gehören werden, gewiss nicht über das nötige Hartgeld verfügen.

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