Gutes Klima im Berner Münster

«Poller»-Kolumnist Markus Dütschler protzt in dieser Kolumne ungeniert mit seinen Kontakten.
 
Bei der Rückkehr aus den Skiferien herrscht im Kühlschrank Ebbe. Also gehts am Samstagnachmittag in den Supermarkt, wo auch der Stapi einkauft. Bei einem Schwatz erwähnt er, dass er im Münster die Predigt halte. Echt jetzt? Trennung von Kirche und Staat und so? Es ist Kirchensonntag, an dem politische Entscheidungsträger eingeladen werden, ihre Gedanken zu einem bestimmten Thema zu äussern. Zu Hause, nach dem Auspacken der Lebensmittel, läuft der Fernseher mit einer der handelsüblichen «Wort zum Sonntag»-Predigten. Darin werden Klima-Greta und demonstrierende Schüler gelobt, die wie die Propheten im Alten Testament die Stimme erhöben. Soll ich dennoch ins Münster? Vielleicht sagt der grüne Stadtpräsident genau das Gleiche.
 
Dennoch ziehe ich am Sonntag los und werde im Münster von Alec von Graffenried freundlich begrüsst. Auch ohne Talar und Beffchen ginge er problemlos als Pfarrer durch. In der Predigt zum Thema «Reichtum verpflichtet – Armut auch» gesteht er, dass dies für ihn ein «widerborstiger Satz» sei. Dass Reichtum verpflichte, sei das eine, aber Armut? Reichtum sei auch eine Frage der Selbsteinschätzung. «Wer von Ihnen fühlt sich reich?», fragt er ins Kirchenschiff. Fast alle heben die Hand. Einige Arme outen sich – auch Enthaltungen gibts. Er sei gerne Stadtpräsident, sei glücklich und fühle sich reich und «vom Schicksal verwöhnt». Nicht wegen des Salärs, sondern wegen der Möglichkeiten, frei zu reisen, Meinungen zu äussern, in Frieden zu leben, in einer Gemeinschaft aufgehoben zu sein. Man ahnt es: Greta kommt auch bei ihm vor, ebenso die streikende Schülerschaft, der er Lob zollt. Das ist o.k., denn der grüne Stapi soll seine Überzeugung nicht am Kirchenportal abgeben. Aber müssen Fernsehpfaffen ständig diese Leier spielen?
 
Im Gegensatz zu anderen grünen «Predigern», die den Weltuntergang beschwören, verweist der Stapi auch auf positive Trends: weniger Hunger und Kriege, zurückgehende Kindersterblichkeit, mehr Wohlstand, Bildung und Demokratie. Er nennt aber auch ungelöste Probleme: Meeresverschmutzung, Artensterben – und Klimawandel. «Die Welt ist nicht perfekt und wird es nie sein – trotzdem bin ich überzeugt, dass wir in der besten aller Zeiten, in der besten aller Welten leben!»
Mir fällt beim Anblick des Stapis im Münster plötzlich ein, dass ich noch nicht abgestimmt habe. Zu Hause hole ich die Unterlagen und eile ins Stimmlokal, was heutzutage angeblich keiner mehr tut. Denkste! Völkerschaften von mutmasslichen Skiferienrückkehrern umkreisen mit mir das von Bauzäunen umstellte Schulhaus. Dabei stosse ich übrigens per Zufall auf den einzigen Bürger, der weiss, was eine Planungsmehrwertabgabe ist. Habe ich nach dem «Wort zum Sonntag» und Stapis «Wort am Sonntag» auf dem Stimmzettel die richtigen Kreuzchen angebracht? Das weiss nur der Scanner im Abstimmungsbüro – und der liebe Gott.  
 
Markus Dütschler
 

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