Die unheimliche Gleichschaltung der Zeit

«Poller»-Kolumnist Martin Erdmann widersetzt sich der Wirtschaft und begeht einen Ausstieg der besonderen Art.

Das Wankdorf-Center wurde 2018 von drei Millionen Menschen besucht. Diese Information ist wichtig, um den Zufall zu verstehen, auf dem das nun Folgende gründet. Denn aus dieser beträchtlichen Besuchermasse hat eine Frau ausgerechnet mich ausgesucht, um mir eine seltsame Frage zu stellen. Es war im Untergeschoss, ich erledigte Besorgungen, und sie wollte wissen, was für Zeit es ist. Diese Erkundigung erschien mir aussergewöhnlich antiquiert. Denn die Frage wurde mir seit Dekaden nicht mehr gestellt. Zwar ist die Antwort auf diese nicht ganz einfach, da sie sehr variabel ist. Doch weil die Technik seit der Einführung der Sonnenuhr bemerkenswert gediehen ist, ging ich davon aus, der Zugang zu Zeitmessinstrumenten sei so niederschwellig, dass die öffentliche Erkundigung nach der Uhrzeit der Vergangenheit angehöre.

Weil ich im Untergeschoss des Wankdorf-Centers keine direkte Sicht auf den Stand der Sonne hatte, antwortete ich der Frau, indem ich mich auf die zeitliche Angabe meines Smartphones bezog. Sie bedankte sich und verschwand aus meinem Leben. Da ich dadurch wieder mehr Zeit für mich hatte, begann ich über die Bedeutung der Uhrzeit nachzudenken. Früher, als die Erde noch eine Scheibe war, spielte sie keine Rolle. Die Kenntnis von Raum war wichtiger, weil permanent Gefahr bestand, ins Weltall zu plumpsen. Auch später war das Wissen über die Uhrzeit keine Notwendigkeit. Das Leben war zu monoton, um auf eine Einteilung des Tages in 24 Stunden angewiesen zu sein. Die Industrialisierung als Beispiel: am Morgen in die Fabrik, am Abend nach Hause, und mit 43 wird an Tuberkulose gestorben. Ein solcher Lebensentwurf brauchte keine feingliedrige Zeiteinteilung.

Uhrzeit wurde erst wichtig, als der Bevölkerung Reichtum zur Verfügung stand. Denn zwischen Uhrzeit und Wirtschaftskraft besteht ein Zusammenhang. Das hat eine Studie der Universität Michigan ergeben. In dieser wurden öffentliche Uhren verschiedener Städte auf ihre Genauigkeit gemessen. Dabei wurde festgestellt, dass die exaktesten Uhren in den wohlhabendsten Städten ticken. Daraus wurde geschlossen, dass Pünktlichkeit zu Einkommensstärke führt. Die Studie attestiert Bern sehr genaue Uhren. Das macht die Bundesstadt zwar ökonomisch attraktiv, hat aber eine Schattenseite. Wie die Studie besagt, entsteht durch Pünktlichkeit zwar Wohlstand, aber auch ein schnelleres Lebenstempo, das Herz-Kreislauf-Erkrankungen fördern kann.

Um nicht einem Herzinfarkt zu erliegen, beschloss ich, die Uhr auf meinem Smartphone leicht abzuändern. Doch diese Funktion bot das Gerät nicht an. Auch die Zeitanzeige meines Laptops liess sich nicht gesundheitsbewusst manipulieren. Beide waren von ihrer tödlichen Präzision nicht abzubringen. Diese unheimliche Gleichschaltung der Zeit lässt vermuten, dass gewiefte Wirtschaftsimperatoren eine Diktatur der Pünktlichkeit errichtet haben, um den Wohlstand zu steigern, was die Absatzmärkte maximiert. Doch ich habe ein Schlupfloch gefunden. Zwar lassen sich an meinen Uhren keine Feinjustierungen anbringen, jedoch können die Zeitzonen geändert werden. Um der mörderischen Pünktlichkeit unserer Gesellschaft zu entkommen, orientiere ich mich ab sofort an der Zeitzone IDLW, die nur auf zwei unbewohnten Pazifikinseln gilt.

Martin Erdmann

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