Liebes Afrika

«Poller»-Kolumnistin Gisela Feuz war in Tansania - und hat ihren Blick darauf verändert.

Wir zwei… Was sagst du? Ich soll dich nicht einfach «Afrika» nennen? Du hast recht, exgüsi. Schliesslich sagt man ja auch nicht einfach «Frau», sondern Frau Feuz. Liebes Tansania, wir zwei haben uns ja die letzten Wochen ein bisschen kennen gelernt, weil ich dir einen Besuch abgestattet habe. Ich muss gestehen, dass meine Vorstellung von dir im Vorfeld dieser Reise, nun ja: Wikipedia-rudimentär war. Ungebildet sagst du? Du hast ja recht. Noch schlimmer ist allerdings, dass ich mit solchem Halbwissen wahrscheinlich noch zu den besser informierten Zeitgenossinnen in unseren Breitengraden gehöre. Wir haben hier in diesem Europa ja nicht wirklich eine Ahnung von dir. Wir reden von «Afrika», obwohl sich dein Kontinent aus 54 anerkannten Staaten zusammensetzt. «Krieg, Hunger, Aids, Löwen, Giraffen, Elefanten» – so würde ein Durchschnittsschweizer wohl antworten, fragte man ihn nach dir. Vielleicht würde er dann auch noch den 80er-Jahre-Heuler «Africa» von Toto zu summen beginnen, und damit hätte es sich wohl schon. Du bist entsetzt? Zu Recht.

Anfänglich war ich mit deiner für Schweizer Bünzli-Gemüter doch eher unkonventionellen Art etwas überfordert, liebes Tansania. Weisst du, hier in Bern lacht man nicht einfach grundlos Fremde an. Gott bewahre. Wenn auf einer Strasse zwei Spuren angezeichnet sind, dann befinden sich auf diesen Spuren auch höchstens zwei Autos nebeneinander und nicht wie bei dir drei Autos, ein Lastwagen, ein Handkarren, eine Kuh und eine Herde Ziegen. Wenn in einem Minibus von Gesetzeswegen maximal neun Leute mitfahren dürfen, dann fahren bei uns auch maximal neun Leute mit. Nicht 25 wie bei dir. Langweilig und Platzverschwendung sagt du? Du hast ja recht.

Liebes Tansania, ich möchte mich bei dir bedanken, und zwar genau dafür, dass du mich in meiner Berner Behäbigkeit immer wieder etwas überfordert hast. Es ist der eigenen Kreativität und Grosszügigkeit nur zuträglich, wenn man sieht, dass Dinge durchaus auch ausserhalb geordneter Bahnen funktionieren können. Ausserdem möchte ich mich für die intellektuelle Schmalspurigkeit entschuldigen, die wir in unseren Breitengraden oftmals an den Tag legen, wenn es um dich geht. Wir tragen ein undifferenziertes Bild von kriegsversehrten Kindern mit Hungerbäuchen von dir herum, und das obwohl in Tansania seit der Unabhängigkeit 1961 nie Krieg geherrscht hat. Der urbane, gebildete und tätowierte Jüngling, der einem in einem Café am Fusse des Kilimandscharo eine fundierte Filmanalyse zu «Black Panther» liefert, ist nicht das, was wir von dir erwarten.

Klar doch, es liegt vieles im Argen auf deinem Kontinent – gesundheitlich, politisch wie auch wirtschaftlich. Aber es gibt eben auch die andere Seite. Fakt ist: Deine wirtschaftliche, medizinische und infrastrukturelle Lage hat Fortschritte gemacht. Die Armut sinkt, viele sind daran, ein eigenes Business aufzubauen, die durchschnittliche Lebenserwartung steigt, junge Menschen hören gerne lokalen kritischen Rap, und Intellektuelle sind auf der Suche nach neuen Visionen und Utopien, die sich nicht am westlichen Vorbild der Kolonialmächte orientieren.

Wie es die amerikanisch-nigerianische Autorin Chimamanda Ngozi Adichie korrekt ausdrückt, ist das Problem mit Vorurteilen nicht, dass sie nicht stimmen, sondern dass durch diese ein unvollständiges Bild erzeugt wird. Wenn wir nur das eine Bild von Afrika als Katastrophen-Kontinent pflegen, verschliessen wir uns der Realität, die niemals nur eindimensional ist. Und gerecht werden wir damit weder dir noch den anderen 53 afrikanischen Staaten, gell liebes Tansania.

Herzlich, deine Frau Feuz

Frau Feuz
Gisela Feuz ist freie Kulturjournalistin und gehört zu einem anderen Stamm als das Oberhaupt des «Bund». Zum eindimensionalen Blick auf den afrikanischen Kontinent empfiehlt sich Chimamanda Ngozi Adichies Vortrag «Die Gefahr einer einzigen Geschichte», den Sie im Netz finden.

poller.derbund.ch

3 Kommentare zu «Liebes Afrika»

  • Yvette Bärtschi sagt:

    Vielen Dank für den Lese-Tipp! Ich merke mir die Autorin vor für die nächsten Ferien.

  • Christof Jaussi sagt:

    Liebe Frau Gisela Feuz
    Tausend Dank für „Liebes Afrika“! Da ich durch nahe Verwandte, die „dort unten“ gelebt haben oder „aus diesem Afrika“ stammen, diesen wunderprächtigen Kontinent bis heute sieben Mal besuchen durfte (leider nur drei Länder), nerve ich mich oft darüber, dass man in unseren Breitengraden den zweitgrössten Kontinent dieser Kugel meist wie ein kleines, kriegsgeschädigtes Land voller hungernder Menschen betrachtet. Einer meiner Lieblingssätze eines Reporters einer renommierten Zeitung ist: „Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak und Afrika…“. Wow! Viel Erfolg mit den Monofones und liebe Grüsse!

  • Therese sagt:

    Wie wahr. Als langjährige Afrikareisende ärgere ich mich jedesmal wenn ich nach Hause komme über das veraltete Bild das die Leute im Kopf haben.
    Super geschrieben!

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