Gefährliches Halbwissen

«Poller»-Kolumnist Martin Erdmann erklärt, wieso das Internet dem Gedächtnis schadet und was das mit der Fussball-WM 1994 zu tun hat.

Viele sind sich dessen nicht bewusst, aber ich kenne die Resultate der Fussball-Weltmeisterschaft 1994 lückenlos. Das mag eindrücklich klingen, doch wie ich in den vergangenen 25 Jahren feststellen musste, ist die exakte Erinnerung an diese stattliche Datenmenge im alltäglichen Leben erstaunlich nutzlos. Ich gehe gar so weit, zu behaupten, dass sie mich sabotiert. Denn manchmal, wenn ich auf die Hilfe des Kurzzeitgedächtnisses angewiesen bin, werden die Gedankengänge durch Brocken dieser fussballerischen Wissenskonstante blockiert. Beispiele: Ich will in der Migros Zwiebeln wägen, doch habe ich die entsprechende Ziffer vergessen. Nicht vergessen habe ich hingegen, dass Irland überraschend 1:0 gegen Italien gewann. Trotz regelmässigem Gebrauch weiss ich nicht, in welchen Intervallen das 9er-Tram am Viktoriaplatz hält. Hingegen bin ich mir sicher, dass Russland Kamerun 6:1 besiegte. Es bedarf fast unmöglicher Fügungen des Schicksals, dass ich Desoxyribonukleinsäure auf Anhieb richtig buchstabiere, doch kann ich versichern, dass sich Kamerun und Schweden 2:2 trennten.

Mein Gehirn ist also ein selektiver Klops, dessen Fokus sich auf Sportresultate fixiert hat, die ein Vierteljahrhundert zurückliegen. Denn alles, was danach in mein Bewusstsein drang, kann ich nicht mit solcher Sicherheit rezitieren wie die Ergebnisse der Fussball-Weltmeisterschaft 1994. Ich weiss ein bisschen etwas über die Beschaffenheit der Oberfläche des Mondes, aber nicht wirklich viel. Ich kann so ungefähr Antananarivo verorten, allerdings ohne Anspruch auf Präzision. Ich glaube zu wissen, wie alt Alec von Graffenried ist, würde aber nicht darauf wetten.

Ich stelle mir also die Frage, wieso sich nach 1994 ein solch dichter Nebel des Halbwissens über meine Gedanken gelegt hat. Dank ausschweifender Recherche bin ich auf eine wunderliche Antwort gestossen. Exakt einen Monat nach der Fussball-Weltmeisterschaft 1994 wurde im «Bund» erstmals ein Phänomen vorgestellt, das die Welt verändern sollte: das Internet. Unser ehemaliger Wirtschaftsspezialist Hans Galli beschrieb es als Ort, welcher der Wissenschaft als Informationsmedium diene, sich nun aber auch der breiten Öffentlichkeit öffne. Zu dieser breiten Öffentlichkeit gehörte auch ich und mein damals noch auffassungswilliges Gehirn. Doch jeder angeklickte Link zog mich tiefer in ein Labyrinth hinein, aus dem mein Denken niemals wieder hinausfinden sollte.

Wissen war plötzlich nichts mehr, was angeeignet werden muss, sondern etwas, das ausgelagert werden kann. Es reichte zu wissen, was man nicht weiss. Den Rest weiss das Internet. Da dessen gesamtes Wissen zu gross ist, um es mit meinen intellektuellen Kapazitäten einzufangen, weiss ich von allem eben nur so viel, dass ich bei Bedarf im Internet darüber lesen kann. Dieser einseitige Wissensbezug ist jedoch mit gefährlicher Abhängigkeit verbunden. Würde das Internet eines Tages sterben, würde ich vermutlich behaupten, der Mond sei aus Käse, Antananarivo der Hauptort von Appenzell-Ausserrhoden und Alec von Graffenried bald volljährig.

Vielleicht treffe ich mit dieser Analyse aber dermassen daneben wie der Italiener Roberto Baggio damals im WM-Final 1994 mit seinem alles entscheidenden Penaltyschuss gegen Brasilien.

Martin Erdmann
Der «Bund»-Redaktor hat bei der Arbeit an diesem Text gelernt, dass Alec von Graffenried am 16.8.1962 in Chur geboren wurde.

poller.derbund.ch

3 Kommentare zu «Gefährliches Halbwissen»

  • H.Trickler sagt:

    Auch wenn der Autor hier sinnfrei lamentiert, wird er doch vom Tagesanzeiger dafür bezahlt 😉

    • Martin Erdmann sagt:

      Guten Tag Herr Trickler

      Sie haben die Sachlage erkannt. Aus Gründen meiner finanziellen Liquidität bitte ich Sie jedoch höfflichst darum, diese nicht mehr anzuprangern.

      Beste Grüsse,
      Martin Erdmann

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