Ob Hugo wieder die Arme hochreisst, hängt ganz von mir ab

«Poller»-Kolumnist Markus Dütschler ist bestimmt nicht hartherzig, helfen würde er nämlich gerne. Aber er ist halt schon Götti.
Nie öffnen sich selbst verstockte Herzen so willig wie in der Vorweihnachtszeit. Das wissen auch die Hilfswerke. Darum lauern sie uns besonders intensiv bei der Heiliggeistkirche auf. Es sind stets junge Leute mit Torhüterqualitäten. Sie sehen voraus, in welche Richtung sich das «Opfer» bewegt, das dem Anpumpgespräch auszuweichen versucht. Die sicherste Gegenmassnahme besteht darin, in kurzem Abstand einem potenziellen Opfer zu folgen. Während dieses angesprochen wird, schlägt man sich diskret in die Büsche. Wie viele Spenden wendet das Hilfswerk wohl auf, um diese Anwerber zu bezahlen? 
     
Doch darf mich das Schicksal armer Menschen kalt lassen, wenn ich bald an sich biegenden Festtafeln schlemme? Natürlich nicht. Darum fluten die Hilfswerke unsere Briefkästen derzeit mit herkömmlichen Bettelbriefen. Die Hilfswerkis, die Leute von den Hilfswerken, werden aber auch bei der Briefwerbung immer raffinierter. So notieren sie Stichworte aufs Couvert, damit ich den Umschlag freudig öffne. Ein Brief war kürzlich scheinbar von Hand adressiert, es war aber eine Computerschrift. Auf dem Umschlag hiess es: «Meine Bewerbung». Huch, dachte ich, habe ich ganz vergessen, dass ich eine Firma besitze, die Leute anstellt? Im Brief schrieb mir dann ein Mensch aus einem fernen Land, dass er sich eine Patenschaft von mir wünsche. Ich bin aber schon Götti.Den Vogel schoss ein anderes Hilfswerk ab, das in roten Buchstaben aufs Couvert schrieb: «Zweite Zustellung». Es tönte so, als hätte ich vom Gerichtsvollzieher eine zweite Chance erhalten, um eine alte Schuld zu tilgen. Ich verstehe all diese Helf-das, Amnesie international, Mogelschwarte, Unizoff, Pro Jubeltüte, Vier Zoten, SOS Rinderschorf, Kuchen für Otti, Zwergelfe, Keks, Rülpswette, Schenk-an-mich, Kastenklopfer – und wie sie alle heissen. Der Spendenkuchen wird für sie alle auch nicht grösser.
 
Letzthin schrieb mir das Hilfswerk Gravitas einen gravitätischen Brief. Darin stand, sehr frei wiedergegeben: Ich hätte drei Jahre nichts gespendet. Sie müssten sparsam mit ihren Mitteln umgehen und könnten es sich daher nicht leisten, jedem Blindgänger für nichts und wieder nichts Briefe zu schicken. Ich bekäme ab jetzt keine Post mehr, es sei denn, ich würde die letzte Chance nutzen und den Einzahlungsschein seiner wesensgerechten Bestimmung zuführen.
 
Unterzeichnet war der Brief von Oberhilfswerki Hugo. Ich erinnerte mich dunkel, dass es dieser Hugo mit dem markanten Schnauz war, der im Nationalrat im Jahr 2007 begeistert die Arme emporriss, als Bundesrat Blocher abgewählt wurde. Das ist lange her, und seither hatte Hugo keine Gelegenheit mehr, die Arme hochzureissen. Vielleicht liegt es an mir, ihm einen Grund zu liefern. Also Hugo, ich überlegs mir ernsthaft, versprochen. Der Bettelbrief kommt auf den Urgent-Stapel. Wobei ich ehrlicherweise anfügen muss, dass dort noch etwa 200 weitere Dokumente ihrer Erledigung harren. Doch gebe ich in Hugos Freiburger Idiom feierlich Folgendes zu Protokoll: «Mer wei juscht gugge, dass ummi iizaut chunnt.» 
 
Markus Dütschler
Die vorweihnächtlichen Spenden­akquisitionen gehen selbst am notorisch hartherzigen «Bund»-Redaktor nicht spurlos vorüber.

1 Kommentar zu «Ob Hugo wieder die Arme hochreisst, hängt ganz von mir ab»

  • Mark Müller sagt:

    Danke für die weihnachtliche Freude die wohlig meinen Körper flutete, als ich an die Szene mit hochgerissenen Armen erinnert wurde. Nie sonst hat ein Politiker meine Gefühle so treffend ausgedrückt. Noch heute ein Grund, die Gravitas regelmässig mit Geld zu fluten, obwohl ich sonst nur Säkulares unterstütze.

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