Liebe Sirona,

«Poller»-Kolumnistin Gisela Feuz findet: Mehr innerer Hund braucht die zwischenmenschliche Kommunikation.

«Jösses, ist das ein Herziger! Gell du, ja du du du, so ein Herziger aber auch! Hooooi, hoooi du! Och herrjeh, du du duuu, bist du aber ein Herziger, jööööö, gell, so ein Herziger, hooooi, hooooi!»

Diese Art von Äusserungen musst du beim Gassigehen ab und zu über dich ergehen lassen, gell Sirona. Als distinguierte Hundedame im besten Alter weisst du die Vollbekloppten-Sprache, zu welcher wir Menschen neigen, wenn wir mit deinesgleichen sprechen, aber mit Würde zu ertragen. Frau Feuz nimmt sich da übrigens keinesfalls aus, sondern marschiert ganz vorne mit im Vollbekloppten-Sprach-Umzug. Blicke ich in braune Hundeaugen, hör ich mich plötzlich eine halbe Oktave höher sprechen und Dinge sagen wie: «Gömer use, he, gömer use? Use? Ja, wottsch use, he? Chumm, mir gö use! Gö mer use?! Use, he?! Use! He? Chumm, iz gömer use!» Ich sags ja: vollbekloppt. Aber item.

Wir zwei haben ja letzte Woche zusammen den Alltag bestritten, quasi aufeinander aufgepasst, gell Sirona. Dabei hast du mir ein Lehrstück in zwischenmenschlicher Kommunikation beschert.

Während du dich auf dem morgendlichen Erleichterungsrundgang an den Bäumen, Laternenpfosten und Mäuerchen dieser Stadt über die neusten Nachrichten informiertest, kam die Frau am anderen Ende der Leine (ich) mit erstaunlich vielen Leuten ins Gespräch. Weisst du, wir Zweibeiner sprechen ja normalerweise nicht miteinander, ausser wir hätten uns in der Vergangenheit bereits einmal ausgiebig gegenseitig am Auspuff beschnüffelt. Also das mein ich jetzt natürlich im übertragenen Sinn. Was ich sagen will, ist: Menschen reden nur miteinander, wenn sie sich kennen. Wir wedeln nicht mit dem Schwanz oder winseln freudig, wenn wir einen fremden Artgenossen sehen. Vielmehr versuchen wir so gut als möglich jeden Augenkontakt zu vermeiden oder, Gott bewahre, jemanden anzulächeln oder gar anzusprechen. Warum das so ist? Soziale Ladehemmungen.

Kaum hat man dann aber so ein herziges Appenzeller Basterli wie dich an der Leine, fliegen einem die Herzen und Lebensgeschichten nur so zu, wenn man an der roten Ampel wartet. Eine Eisbrecherin sondergleichen bist du. Läck. Wahrscheinlich würdest du selbst sibirischen Permafrost zum Schmelzen und Drauflosplätschern bringen.

Kannst du dich zum Beispiel noch an den älteren Herrn vor dem Beck Glatz in der Länggasse erinnern? Ja, genau der, der dir die Wampe gekrault hat und dabei mit Tränen in den Augen von seinem eigenen Hund sprach, der leider nicht mehr unter uns weile. Ganz rührend war das. Als wir zwei dann tags darauf wieder beim Glatz vorbeimarschiert sind und ich dich anbinden wollte, um Brot kaufen zu gehen, sass der ältere Herr zusammen mit zwei Kumpanen draussen an einem Tisch und rief: «Madame, bringen Sie den Hund doch zu uns, wir passen auf!» Und wie die dann auf dich aufgepasst haben. Von drei Seiten hat dich das rüstige Männertrio betüdelt, gekrault und gehätschelt, sodass du dich gar nicht mehr so recht von ihnen trennen mochtest. Man wünsche der Frau am anderen Ende der Leine (mir) dann also noch einen recht schönen Tag und man solle doch gerne mal wieder vorbeischauen mit dem jössesaberauchdochsowahnsinnigherzigen Hundi.

Als dich deine Besitzerin nach einer Woche wieder abgeholt hat, war ich ehrlich gesagt ein bisschen traurig. Vorbei ists mit den lustigen Gesprächen mit Fremden, ab sofort herrscht hier wieder kommunikative Eiszeit, hab ich gedacht. Eigentlich ausnehmend schade, dass wir spontane Unterhaltungen im Alltag nicht ohne tierische Unterstützung zustande bringen, nicht? Aber weisst du was, Sirona: Ich geb jetzt Gegensteuer und tu einfach so, als hätten wir alle stets einen inneren Hund mit dabei. Will heissen: Ich schwatze beim Warten an der roten Ampel auch ohne dich andere Leute an. Das ist sehr unterhaltsam. Zumindest für mich. Was sagst du? Zuerst an deren Auspuff schnüffeln? Nun ja.

Pfötchen, Deine

Frau Feuz

Gisela Feuz ist freie Kulturjournalistin und wünscht sich vom Chef einen Bürohund zu Weihnachten. Doch doch, Chef. Kann man auch schenken, wenn man nicht verwandt ist.

poller.derbund.ch

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