Berns Trämli-Schnellfahrstrecke

«Poller»-Kolumnist Markus Dütschler geniesst es wahnsinnig, wenn er einem Tram der Linie 6 beim Stehen zuhören darf. Trotzdem sucht er in dieser Kolumne den Rausch der Geschwindigkeit.
 
Väter haben früher ihren Söhnen zu Weihnachten eine elektrische Eisenbahn geschenkt. Die Mütter schmunzelten: Da der Bub dafür noch zu klein sei, schenke der Vater sich diese im Grunde selber. Doch wir wollen uns nicht über Modelleisenbahnen der Grösse H0 («H null», Massstab 1:87) auslassen, sondern über Originale, die Trämli. Allerdings sind diese in der Schweiz auch nicht so gross, weisen sie doch eine Spurweite von einem Meter auf (zum Vergleich: Normalspur SBB: 1435  Millimeter). Ich hoffe, die Nicht-Ferrosexuellen sind noch dabei.
 
Wir erinnern uns an die Linie Mattstetten–Rothrist, die erste Schnellbahnstrecke auf Schweizer Boden. Unter dem Label Bahn 2000 affichiert, ging sie erst 2004 in Betrieb. Das Stadtberner Pendant zum 48 Kilometer langen Schnellbahnabschnitt heisst Helvetiaplatz–Brunnadernstrasse. Nun wundern Sie sich. Ich mich auch, denn Bernmobil ist nicht für Spitzentempi bekannt. Wer etwa unter dem Baldachin auf ein Trämli wartet, sieht am Hirschengraben eins um die Kurve fahren, doch scheint es, als werde es nicht grösser und komme somit auch nicht näher, obwohl es dies tut, wenn auch quälend langsam.
 
Wer den Rausch der Geschwindigkeit bei Bernmobil auskosten will, muss lange suchen, denn Musse ist der Normalfall. Man denke nur an den Fischermätteli-Ast der Linie 6, auf dem die Haltestellen Pestalozzi und Munzinger keine 200 Meter auseinanderliegen, die das Tram mit Tempo 15 erschleicht. Auf dem anderen, längeren Ast, der bis nach Worb hinauswächst, ist es anders. Dort gibts die Schnellfahrstrecke. Wenn das blaue Bähnli am Helvetiaplatz bergaufwärts beschleunigt, hält es nach 30 Sekunden nicht an der Haltestelle Luisenstrasse, sondern prescht weiter, leicht gezügelt durch das Tramsignal am Thunplatz, das erst kurz vor Ankunft die Fahrt freigibt. Dort fährt es durch und hält erst wieder an der Brunnadernstrasse. Vom Helvetiaplatz an die Brunnadernstrasse sind es 1,2 Kilometer, die das Express-Bähnli in 2 Minuten 23 Sekunden schafft, ich habs gemessen. Das ergibt ein flitziges Durchschnittstempo von 30. Das normale Tram braucht dafür etwa 3 Minuten 20 Sekunden (21,6 km/h).
 
Wer dieses Expressgefühl erleben möchte, muss sich sputen. Ab dem Fahrplanwechsel vom nächsten Sonntag ändert sich das. Wenn das blaue Bähnli die Thunstrasse hinunterbolzt, hält es neu an der Luisenstrasse an. Dort bemerkten manche Fussgänger auf dem Zebrastreifen zwar, dass das Gefährt grösser wurde (siehe oben), meinten aber, es halte an der Luisenstrasse an – was es nicht tat. So kam es zu heiklen Situationen. Im Quartier war dies ein Thema. Dieses akzentuierte sich, seitdem das blaue Bähnli oft gar keins mehr ist, sondern ein gewöhnliches rotes Bernmobil-Combinotram. Da muss man als Fussgänger genau hinsehen, um zu merken, dass eine Sechs draufsteht – und keine Sieben oder Acht.
 
Heikle Situationen schafft die Politik aus der Welt. So gabs im Stadtrat 2015 eine Motion, die den Gemeinderat aufforderte, sich einzusetzen, dass das «Worbbähnli» wie alle andern Trams an Luisenstrasse und Thunplatz anhalte. Das wären vier zusätzliche Halte gewesen, jetzt gibt es nur einen, was wenigstens das schlimmste Problem ausmerzt – so gehts in der Politik. Haben Sie übrigens gewusst, weshalb die alten blau-roten Tramzüge von ABB/Schindler beim Stehen dieses geheimnisvolle Geräusch («düdü-dööö – düdü-dööö») ausstossen? Das ist ein 2010 eingebautes Signal, das inbesondere behinderten Menschen den Weg zur Einstiegstüre weist. Geniessen Sie es, solange das alte Rollmaterial zirkuliert.
 
 
Markus Dütschler
 
Der «Bund»-Redaktor outet sich keineswegs als ferrosexell, hat aber ein Faible für Schienen­fahrzeuge.
 

1 Kommentar zu «Berns Trämli-Schnellfahrstrecke»

Kommentar

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Die benötigten Felder sind mit * markiert.

800 Zeichen übrig

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.