Stachelschweine im Tram

«Poller»-Kolumnist Martin Erdmann sorgt sich über den Untergang aller Umgangsformen.

Ich stand im Tram, das gerade über die Kornhausbrücke rollte, und dachte an Arthur Schopenhauer. Es ist nicht so, dass ich oft an Schopenhauer denke. Eigentlich tue ich das eher sporadisch. Doch aufgrund dessen, was mir widerfahren ist, konnte ich nicht anders, als an den deutschen Philosophen zu denken. Genauer gesagt an seine Parabel über eine Herde Stachelschweine. Diese kämpfen an einem kalten Wintertag gegen die Kälte und sehen sich in einem Dilemma gefangen. Rücken sie zu weit voneinander ab, erfrieren sie. Nähern sie sich einander zu sehr an, bohren sich ihre Stacheln gegenseitig ins Fleisch. Natürlich ist dieses Problem auf die menschliche Gesellschaft umzumünzen. Die Lösung liegt in der Findung der mittleren Entfernung, die von Schopenhauer als Höflichkeit bezeichnet wird.

Nun war es aber eben diese Höflichkeit, die mich im 9er-Tram öffentlicher Demütigung aussetzte. Dabei wollte ich mich bloss einer älteren Dame nähern. Präziser ausgedrückt: Mein Interesse galt vielmehr dem freien Sitzplatz, der an den ihren grenzte. Nun ist es so, dass meine Eltern aus mir ein besonders höfliches Stachelschwein zu formen versuchten. Deshalb wurden mir von Kindesalter an gesellschaftliche Gepflogenheiten antrainiert, die in Manövern wie der Besetzung von Sitzen im öffentlichen Verkehr zur Geltung kommen sollten. Das hat so gut funktioniert, dass ich einige dieser Umgangsformen bis heute nicht losgeworden bin und der älteren Dame mein Interesse am Sitzplatz in gesitteter Fragestellung kundtat.

Die ältere Dame blickte zu mir hoch. Ihre Augen waren wie Bergseen, blau und kalt. Sie starrte mich an, als probierte sie, mich mit ihrem eisigen Blick in die Hypothermie zu treiben. Sekunden quälten sich vor sich hin. Nichts passierte. Dann sagte sie Nein. Es war ein Nein, dessen Vehemenz selbst jenes zur Selbstbestimmungsinitiative deutlich zu überragen vermochte. Ich war perplex. Eine solche Abweichung vom Höflichkeiten-Protokoll hatte ich in dieser Form noch nie erlebt. Deshalb wusste ich nicht genau, was der Duktus in einer solchen Situation vorsieht. Ich schlich davon, unter Begleitung von eisigem Starren, das sich an meinen Rücken heftete.

Das Tram rollte in Richtung Bahnhof, und ich dachte darüber nach, was mich als Sitznachbar disqualifizieren könnte. Mir wollte nichts in den Sinn kommen. Ich war vollständig gekleidet, hatte die Zähne geputzt und meine Achselhöhlen mit geruchsüberdeckendem Körperpflegemittel behandelt. Also überlegte ich mir, ob nicht einfach das Konzept der Höflichkeit gescheitert ist. Vielleicht ist Anstand ein Auslaufmodell. Vielleicht befindet sich die Gesellschaft in zwischenmenschlicher Rezession.

Da ich auch nach einem allfälligen Ende der gesellschaftlichen Umgangsformen auf den öffentlichen Verkehr angewiesen sein werde, wollte ich wissen, wie in diesem Szenario die Besetzung von Sitzplätzen geregelt werden soll. Ich fragte bei Bernmobil nach und erfuhr, dass meine zwangsneurotische Fragerei nach Sitzplätzen nie nötig gewesen wäre. «Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass freie Sitze ohne Nachfrage besetzt werden dürfen», teilte die Medienstelle mit.

Martin Erdmann

Der «Bund»-Redaktor hat durch Recherche zu diesem Text viel über Anatomie, Lebensraum und Fortpflanzung des Stachelschweins (Hystricidae) gelernt.

poller.derbund.ch

4 Kommentare zu «Stachelschweine im Tram»

  • Fredi Gsteiger sagt:

    Wer blöd fragt, kriegt blöde Antworten. Insbesondere in Trams in der Deutschschweiz.
    Die bessere Frage: „Kann ich mich setzen, oder haben Sie lieber meine Einkaufstasche?“ Dann muss sie sich in Ihrem Sinn entscheiden.
    Bei allzu schroffen Abfuhren hilft eine Anspielung auf eine mangelnde respiratorische Etikette weiter. Einfach ohne Hand oder Armbeuge auf die Person draufhusten, aus dem Stand, von oben herab. Wenn sie sich beschwert, darauf verweisen, dass ihr dieses nicht zugestossen wäre, hätten sie sich neben sie setzen und von ihr weghusten können.
    Furzen ist eine Möglichkeit, insbesondere vor dem Aussteigen. So wird das hier in Seilbahnkabinen gehandhabt gegen renitente Klappbankbesetzter bei Überfüllung. Aber das setzt den Gebrauch von Zwiebeln oder Luftdruckänderungen voraus.

  • Andrea Bertolini sagt:

    Wunderbarer Text! Vielen Dank !
    Ja, in Tram und Bus widerfahren einem doch die interessantesten Sachen.
    Mit Krücken und frisch operiertem Knie unterwegs und stolz, nicht mehr aufs Taxi angewiesen zu sein, um in die Physiotherapie zu gelangen, wagte ich mich gegen Feierabend in den Bus und erfragte eine circa fünfundfünfzigjährige Frau, die sich auf dem Einersitz gleich beim mittleren Eingang des Busses niedergelassen hatte, ob ich mich dahin setzen dürfe. „Nei, ig bi ou müed!“ war ihre Antwort. Der Bus fuhr ruppig los, ich wurde von aufmerksamen Fahrgästen aufgefangen und die müde Frau bekam von einer älteren Dame die Leviten gelesen, wie ich es seit meiner Kindheit nicht mehr gehört hatte.

  • Manuel C. Widmer sagt:

    Deckt sich mit meiner Beobachtung an der Schule, dass das Wort “ Bitte“ als Endung einer bedürfnisorientierten Frage in die Bedeutungslosigkeit abgesinken ist – und eher als mittelalterliche Satzverzierung, denn als Höflichkeit empfunden wird. Nutzlos ist es in ihren Augen auf jeden Fall – denn das Verlangte bekommt man ja auch ohne „Bitte.“ Sonst kann man ja nicht lernen…

  • Kurt Gygax sagt:

    Ich finde es eine nette Geste, wenn man fragt. Es sollte aber nicht nur eine Floskel sein und man muss auch damit leben können, wenn man ein Nein bekommt. Vieleicht hat die Frau ihre Frage falsch verstanden. Und meinte sie wollten betteln.

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