Wow, die Trottinett-Offensive

Die Velo-Offensive ist dem «Poller»-Kolumnisten Markus Dütschler so richtig um die Ohren gefahren - in Tel Aviv.

 

Nein, liebe Frau Wyss, ich schreibe nicht über Sie oder Ihre Velo-Offensive, aber Sie dürfen trotzdem gerne mitlesen, sozusagen als Trittbrettleserin. Sie müssen ja in den beiden verbleibenden Amtsjahren den Tag irgendwie herumkriegen. Also, ich war eben in Tel Aviv, zu Deutsch Frühlingshügel. Die junge Stadt, die erst ein gutes Jahrhundert auf dem Buckel hat, wirkt jugendlich, und in den Strassen sieht man viele flotte, optimistische, lockere junge Leute. Viele von ihnen fahren nicht nur Bus, Auto oder Taxi, sondern oft auch Velo. Genauer gesagt E-Bike. Wobei mir aufgefallen ist, dass sie nicht strampeln und treten, aber trotzdem rassig vorwärtskommen. Es sind sehr kompakte E-Bikes, die ihren Fahrgast allein mit der Kraft des Elektromotors bewegen. Ich staunte, denn für mich gehörte bisher das Treten zwingend zu einem E-Bike, zumindest das «dergliiche tue».

Viele E-Bike-Fahrerinnen und -Fahrer kommen von ausserhalb der Stadt und legen locker 20 Kilometer zurück, ohne verschwitzt im Büro anzukommen. Der wundersamen Dinger sind aber noch mehr. In Tel Aviv wimmelt es von E-Trottis. Bei den schlanken Vehikeln weiss man kaum, wo sie ihren Motor verstecken. Man sieht lediglich indirekt, was dieser leistet. Es ist ein wunderlicher Anblick, wenn aufrecht stehende Menschen mit 40 oder 50 Sachen auf der Hauptstrasse an einem vorbeibrettern. Einige tragen Helm, andere nicht.

Ich wage mir gar nicht vorzustellen, was passiert, wenn es einmal «chlepft». Jedenfalls hatte ich furchtbar Bammel, wenn ich mit dem Mietwagen von einer Seitenstrasse einbiegen wollte. In der bereits hereingebrochenen Dunkelheit erspähte ich auf der Hauptstrasse scheinbar keinen herannahenden Verkehr – und wurde im letzten Augenblick eines Trottinetts ansichtig, das wie ein Blitz herannahte – selbstverständlich ohne Beleuchtung. Diesbezüglich habe ich mich in dieser fremden Stadt fast schon wie zu Hause gefühlt. Auch weil die Zweiräder selbstverständlich auf Trottoirs unterwegs sind.

Wer keinen eigenen Drahtesel sein eigen nennt, kann sich einen besorgen. Allein die Firma Tel-O-Fun versprüht ihre Standplätze geradezu übers Stadtgebiet, viele sind weniger als 500 Meter voneinander entfernt. Auffällig ist, dass manche Standorte weit mehr Veloparkplätze anbieten, als dort giftgrüne Velos stationiert sind. Man braucht sie nicht dort zurückzugeben, wo man sie genommen hat.

Die Firma, so locker sie sich auch gibt, kommt um ermahnende Worte nicht herum. So schreibt sie auf ihrer Webseite bezüglich Trottoirs: «The sidewalk (pavement) is designed for pedestrians. Don’t ride on the sidewalk unless it is marked.» Es kommt noch knüppeldicker, wenn Tel-O-Fun über Strassenverkehrsregeln generell sagt: «As a bike rider, all the traffic signs and traffic laws apply to you too.» Aus Gründen der seelischen Stabilität vieler Velofahrer wollen wir das nicht so «blutt» auf Deutsch übersetzen. Auch bei der Rückgabe an einem Standort gilt es laut Tel-O-Fun Wichtiges zu beachten: «The rental process is only complete after the bike is properly locked.» Auweia, Veloschloss – heikles Thema!

Heutzutage muss man vorsichtig sein mit Dienstreislein ins Ausland, das kann der Öffentlichkeit oder dem Parlament rasch in den falschen Hals geraten. Aber interessant wärs vielleicht trotzdem. Besuchen Sie die Stadt am Mittelmeer, Frau Wyss. Oder schicken Sie einmal Ihren Verkehrsplaner Karl Vogel dorthin. Aber vielleicht will er zuerst noch rasch die grüne Welle in Bern einrichten, um die ich ihn anlässlich seiner Ernennung inständig gebeten habe («Dütschlers Deutungen» vom 3. Juni 2014: «Möge Ampel-Mayr Ihr Vorbild sein!»). Aber vielleicht möchte Herr Vogel nach vierjährigem Wirken in Bern doch noch zuerst seine Schriften von Luzern nach Bern verlegen. Dafür hätte ich volles Verständnis – so viel Zeit muss sein!

Markus Dütschler
Der Velofahrer und «Bund»-Lokalredaktor ist nächstens erneut in TLV. Allfällige Abklärungswünsche sind rechtzeitig einzureichen.

3 Kommentare zu «Wow, die Trottinett-Offensive»

  • Max Muster sagt:

    Hätten Sie diesen Text als Kommentar erfasst, wäre er nicht veröffentlicht worden..

  • Markus Dütschler sagt:

    Lieber Herr Muster, woher wollen Sie das wissen? Ich verstehe nicht, wie Ihre Behauptung gemeint ist. Richtig ist höchstens, dass eine Kolumne und ein Kommentar nicht das gleiche sind.

  • Hans Meier sagt:

    Mich würde interessieren ob die israelischen Autofahrer genau so Mimosen sind wie ihre Schweizer Pendants. Und entsprechend Kommentarspalten mit Heulgeschichten über „Velo-Rowdies“ füllen, beim Bau von Velospuren gerne die rot-grüne angebliche Diktatur beklagen und z.B. häufig auch korrekt fahrende Velos anhupen? Könnten Sie das bitte abklären?

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