Darknet des analogen Handels

«Poller»-Kolumnist Martin Erdmann findet Kundeninserate im Zeitalter der Digitalisierung tröstlich, hat aber auch seine Bedenken.

Es ist ein Ort, dessen Existenz dem schussligen Kollektivgedächtnis unserer Gesellschaft schleichend entgleitet. Wie eine verblasste Erinnerung segelt er sanft dem nebligen Vorhang der Vergessenheit entgegen. Dabei streifen wir ihn bei jeder Lebensmittelbesorgung. Er war schon hier, als Ende der 1970er-Jahre das Einrappenstück merklich an Bedeutung verlor. Er erlebte, wie 1984 die ersten Leser für Strichcodes installiert wurden und wie Kunden diese gut 30 Jahre später an der Selfscanning-Kasse eingelesen haben. Im tiefen Schatten dieser Entwicklungen bewahrte dieser Ort stets eiserne Unveränderlichkeit. Immer noch besetzt er Wandabschnitte hinter Supermarkt-Kassen. Es ist das Reich der Kundeninserate.

Es ist ein Reich, das an Einfluss verloren hat. Wie kümmerliche Krümmel seiner einstigen Macht hängen am schwarzen Brett der Migros-Filiale in der Lorraine nur ein paar vereinzelte Inserate. Sie wirken wie Relikte aus vergangenen Zeiten. Wo gibt es im öffentlichen Raum denn noch von Hand geschriebene Wörter zu sehen? Im anonymen Zeitalter der Digitalisierung wirken sie beinahe wie obszöne Zurschaustellungen von Intimitäten. Dabei sind sie von Charakterstärke, die es in Online-Auktionshäusern nicht zu finden gibt.

Da ist die präzise Schrift eines Herrn, der einen Ledermantel verkauft. Daneben hängt ein hieroglyphisches Rätsel, dessen Lösung wohl darin besteht, dass jemand Hausbesuche zwecks Fusspflege anbietet. Dann gibt es noch die grafischen Grenzgänger zwischen der alten und der neuen Welt. Mit Computern gestaltete Inserate, die nicht selten PC-Kurse anbieten. Nur sehen diese Annoncen immer aus, als hielten ihre Ersteller seit 1994 ihrem Betriebssystem die Treue und hätten die Inserate während einer mehrstündigen Sitzung mit einem knarrenden Tintenstrahldrucker zu Papier gebracht.

Kundeninserate sind oft ein Sammelsurium von Skurrilitäten. Zum Beispiel wegen des Angebots für eine Dentalreise nach Ungarn. Die Menschen auf dem beigefügten Bild sehen eher danach aus, als würden sie, anstatt Füllungen einzusetzen, Organe entnehmen. Vielleicht ist das vom Stadtteil abhängig, aber in den Quartieren Lorraine und Breitenrain sind die schwarzen Bretter fest in der Hand der Esoterik. Bei vielen Inseraten glaubt man, schwachen Geruch von Räucherstäbchen wahrzunehmen. Sie richten sich an alle, die schon immer einmal Genaueres über das Schicksalsrad der Druiden, den Ur-Schamanismus des Abendlandes oder Bachblütenberatung erfahren wollten.

Dann gibt es noch die Inserate, die unangenehmen Argwohn auslösen. Im Breitenrainquartier ist ein Herr beispielsweise gleich in mehreren Filialen auf der Suche nach einem Säbel. Fühlt man sich in den Kundeninseraten so unüberwacht, dass sie zum Umschlagplatz für Waffen werden? Sind sie das Darknet des analogen kriminellen Handels? Eine Nachfrage bei Coop zeigt, dass es durchaus Inserate gibt, die wegen illegalem oder anstössigem Inhalt entfernt werden.

Da ich mich um die öffentliche Ordnung im Breitenrainquartier zu sorgen begann, entschloss ich mich, den Säbelmann zu kontaktieren. Leider war er bis Redaktionsschluss nicht zu erreichen. Um die kriminelle Energie der Kundenanzeigen-Gemeinde besser einschätzen zu können, widmete ich mich dem zweitgefährlichsten Inserat. Eine Frau suchte eine Spitzhacke. Sie machte mir jedoch glaubhaft klar, dass sie diese nicht etwa zur Verscharrung von Leichen braucht, sondern um einen Kompost anzulegen.

Martin Erdmann

Der «Bund»-Redaktor bietet nebenbei Zahnbehandlungen nach schamanischer Art an.

5 Kommentare zu «Darknet des analogen Handels»

  • Felix Adank sagt:

    Nach akribischer Lektüre dieser profunden Analyse zum analogen Darknet buche ich gerne und mit grossen Erwartungen eine schamanische Zahnbehandlung!

    • Martin Erdmann sagt:

      Guten Tag Herr Adank,
      Es freut mich, mit Ihnen ins Geschäft zu kommen. Da mir jegliche Diplome fehlen, um praktizieren zu dürfen, schlage ich vor, wir klären die Details via Kundeninserate.

      Beste Grüsse
      Martin Erdmann

  • Stefan Bühler sagt:

    Kurzweilige und spannende Lektüre, Danke!
    Bei einem Ausdruck bin ich jedoch hängen geblieben: beim unangenehmen Argwohn. Sofort stellte sich mir die Frage: gibt es denn auch angenehmen Argwohn?
    Wie es sich herausgestellt hat, gibt es ihn tatsächlich schon seit Jahrhunderten, wie dieser Ausschnitt aus der Wochenzeitschrift „Berlinische privilegierte wöchentliche Relationen der merkwürdigsten Sachen aus dem Reiche der Natur, der Staaten und der Wissenschaften welche so wol [sic] mit dienlichen Anmerkungen als auch kurzen Abhandlungen versehen.“ aus dem Jahre 1755 belegt:
    „So viel Mühe sich der Verfasser gegeben, nach aller Schärfe zu erweisen, dass er kein schöner Geist sey, so wenig wird er diesem angenehmen Argwohn entgehen können.“
    Link zum Text: https://goo.gl/XvSudz

    • Stefan Bühler sagt:

      Was leider aufgrund der Zeichenbeschränkung keinen Platz mehr hatte und danach im weiteren Verlauf des Abends versickerte:
      Ich bin ja der Meinung, dass obenstehendes Zitat ganz gut zu den Poller-Kolumnen passt.
      Bewies hier jemand vor 260 Jahren post-nostradamische Weitsichtigkeit?

      • Martin Erdmann sagt:

        Besten Dank für dieses spannende Stück Sprachforschung. Gut zu wissen, dass die Wochenzeitschrift «Berlinische privilegierte wöchentliche Relationen der merkwürdigsten Sachen aus dem Reiche der Natur, der Staaten und der Wissenschaften welche so wol [sic] mit dienlichen Anmerkungen als auch kurzen Abhandlungen versehen» quasi der geistige Urvater dieser Kolumne ist.

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