Überbewertete Glückwünsche

«Poller»-Kolumnist Martin Erdmann zweifelt an der guten Absicht des Glückwunschkartengewerbes.

Manchmal schlurfe ich von grossem Missmut begleitet durch die Berner Innenstadt. Mit hängendem Kopf wünsche ich mir dann, das Bevorstehende bereits überstanden zu haben. Aber weil das Leben ein unbarmherziges Konstrukt ist, bleibt mir nichts anderes übrig, als mich an diese Pforte der Biederkeit zu schleppen. Es ist die Tür einer Papeterie, die ich immer dann aufsuche, wenn ich in die bedauernswerte Situation gerate, eine dieser schrecklichen Karten zu besorgen, die meine Glückwünsche zum Ausdruck bringen soll. Das tritt immer ein, wenn jemand aus meinem von Narzissmus durchtränkten Freundeskreis es für unabdingbar erachtet, ein bestimmtes Lebensereignis, wie Geburtstag, Hochzeit oder geglückte Reproduktion, an die grosse Glocke zu hängen.

Erst kürzlich hat mich der gesellschaftliche Usus des Anstands wieder in jene Papeterie geprügelt. Aus früheren Besuchen wusste ich, dass sich die Kartenregale im hinteren Teil des Ladens befinden. Mit gesenktem Blick und zusammengekniffenen Augen trottete ich auf dieses grafische Gruselkabinett zu. Erst als die Unumgänglichkeit meiner Lage zu erdrückend war, um den Widerstand aufrechtzuerhalten, hob ich meinen Blick. Da waren sie alle: Diese Erzeugnisse abgehalfterter Gestalter, welche die Reste ihrer ausgeschlachteten Kreativität auf kleinformatige Rechtecke klatschten. Während sich meine Netzhaut aus wütendem Protest abzulösen begann, liess ich die Fülle des Inventars über mich ergehen. Ein Ozean sepiagefilterter Sektflöten tat sich vor mir auf, vierblättriger Klee wucherte, dümmliche Comictiere tummelten sich auf Glückwunschkarten für Erwachsene, als wäre Infantilität ein lebenslanger Begleiter. Und erst diese Schriftzüge. Sie klangen wie eine Mischung aus T-Shirt-Aufdruck von Partytouristen in den Grossraumdiscos Mallorcas und «Glückspost»-Schlagzeilen.

Ein Glückwunsch sollte im Grunde genommen ein von positiven Emotionen geleiteter Akt sein. Durch diese grässliche Industrialisierung der Gefühle durch das Glückwunschkartengewerbe begann ich an der Beglückwünschung an sich zu zweifeln. Vielleicht wird mit ihr zu inflationär umgegangen. Vielleicht ist sie nach unserem gesellschaftlichen Standard zu einfach zu ergattern. Vielleicht wird dadurch das Angebot an Beglückwünschungsmöglichkeiten überflutet und die Qualität der damit eingehenden Karten vermindert.

Schlussendlich ist es auch eine Frage, was unsere Anforderungen an die Menschheit sind. Sollte beispielsweise ein Geburtstag, selbst wenn er rund ist, Grund genug für einen Glückwunsch sein? In der heutigen Zeit ist es schliesslich nicht mehr schwer, Geburtstag zu haben. Früher, in Zeiten von Pest und Cholera, wäre eine Glückwunschkarte zu jedem überstandenen Jahr angebracht gewesen. Doch mit Expansion der Lebenserwartung hat dies grundsätzlich an Bedeutung verloren. Oder nehmen wir die Sicherstellung von Nachwuchs. Gemessen an den Errungenschaften der Menschheit ist es keine besondere Leistung, ein Kind zu zeugen. Eine Pyramide zu bauen, ist bedeutend schwieriger. Das ist nur schon daran zu erkennen, dass es wesentlich weniger Pyramiden als Kinder gibt. Wie wollen wir eine Epoche des Fortschritts sein, wenn für einen Glückwunsch schon der blosse Umstand der eigenen Existenz reicht? Progressive Papeterien sollten demnach ganz andere Karten im Sortiment führen. Glückwunsch  zur Begehung des Mars!

Herzliche Gratulation zur Erfindung des Perpetuum mobile! Besten Dank für  den Weltfrieden!

5 Kommentare zu «Überbewertete Glückwünsche»

  • Lago Mio sagt:

    Zu diesem regelmässigen Poller von Erdmann kann man nur eines sagen: Schwachsinn und völlig überflüssig!

    • Ornella K. sagt:

      Der Erdmann soll doch den Ständer mit den Trauerkarten leerkaufen und sie allesamt an sich selber schicken…

  • Werner Steiger sagt:

    Aufmerksamkeit über ein Karte zu geben, ist weit beeindruckender als nichts zu tun. Gerade in der heutigen Zeit wo vieles ungesagt oder mit einem alltäglichen WhatsApp erledigt wird, gewinnt ein geschriebenes Wort an Wert. Eine Karte sollte nicht geschrieben werden weil es erwartet wird, sondern weil der mit der Karte Beschenkte es Wert ist die Aufmerksamkeit zu bekommen. Das aussuchen eines passenden Sujets, das übrigens meist mit viel Begeisterung von einem Künstlerin oder einer GrafikerIn entworfen wurde, gehört ebenso zu dieser Aufmerksamkeit dazu. Die Auswahl ist ja schliesslich gross genug. Sie motivieren mich geradezu wieder mehr Karten zu schreiben.

  • A.J. sagt:

    Mit Schmunzeln habe ich Ihre Kolumne gelesen, mich amüsiert und mich über Ihre bildhafte Sprache gefreut.
    Wie wärs mit eigenen Karten? Im digitalen Zeitalter keine Kunst mehr.

  • Vera Sonderegger sagt:

    Hey wir haben in Bern das Chat noir- da macht das Aussuchen Spass und der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Kein Grund zum Trübsal blasen.

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