Liebe Notaufnahme

«Poller»-Kolumnistin Gisela Feuz ist vertraut mit der Notaufnahme. Ja, sie ist sogar eine Art Freundin. Und sie ist eine bessere Freundin als das Internet.
 
Wenn du ins Spiel kommst, ist meistens irgendwas nicht gut. Das tut mir fast ein bisschen leid für dich, weil eigentlich bist du doch gar nicht so eine Ungmögige. Wir zwei sind ja mittlerweile per Du, gell. Letztes Jahr hab ich dir eine Freundin vorbeigebracht. Russendisko, Fahrrad und Tramschienen seien keine gute Kombination, sagtest du. Wo du recht hast, hast du recht.
 
Das Gefühl haben, man sei Denise Biellmann, obwohl man im Eiskunstlaufen ja nie über das Nilpferd-Abzeichen hinausgekommen ist, entpuppte sich letzten Silvester auch nicht als der Weisheit letzter Schluss. Also doch, Schluss war dann schon. Zumindest mit Schlöflen. Der abverreckte dreifache Feuzberger auf der Weyerli-Eisbahn bekam nicht allen Körperteilen gleich gut. Der rechte Unterarm meldete Schiffbruch und verlangte umgehend nach der nächsten Werft – also nach dir. Was hast du da eben gesagt, liebe Notaufnahme? Dunning-Kruger-Effekt-Opfer?
 
Der Ausdruck «Dunning-Kruger-Effekt» geht zurück auf eine Publikation der Herren David Dunning und Justin Kruger aus dem Jahr 1999. Die beiden Wissenschaftler hielten in ihrer Studie fest, dass wenig kompetente Personen dazu neigten, ihre eigene Fähigkeit zu überschätzen, dabei das Ausmass ihrer Inkompetenz nicht realisierten und gleichzeitig überlegene Fähigkeiten bei anderen nicht erkennen würden. Wie war das, liebe Notaufnahme? Du willst wissen, ob im Lexikon beim Dunning-Kruger-Effekt Frau Feuz als Beispiel aufgelistet sei? Ey, Klappe! Bloss weil du mich an Silvester so speditiv zusammengeflickt hast und ich bereits nach 1,5 Stunden geröntgt, gegipst und mit Schmerzmitteln wohlig gemacht wieder von dannen zog, heisst das noch lange nicht, dass man jetzt hier frech werden muss. Hab ich etwa der Dame im Röntgen-Zimmer oder dem Herrn in der Gipsabteilung reingeschwatzt? Nobis! Höchstens ein bisschen. Trotzdem: Frau Feuz und Dunning-Kruger-Effekt, das ist wie Tag und Nacht, grundverschieden, grösstmögliche Diskrepanz, ein anderes Paar Schuhe.
Warum ich denn vorletzte Woche schon wieder bei dir gelandet sei, willst du wissen?
  
Ob da vielleicht jemand selber Diagnose gestellt habe? Das war nicht ich. Das war das Internet. Mit einem Tanklaster Tee und Pillen auf Pflanzenbasis bringe man eine Blasenentzündung weg, hat es gesagt, das olle Internet. Ähä. Fünf Tage später wachte Frau Feuz mitten in der Nacht auf und war sich im ersten Moment nicht sicher, ob nicht vielleicht die internationale Organmafia bei ihr eingestiegen war und sich ihrer Nieren bemächtigt hatte. Läck Bobby tat mir der untere Rücken weh. Immerhin vermochte ich noch herzuleiten, dass einem die Nieren wohl kaum wehtun würden, wenn sie nicht mehr vorhanden wären. Das bestätigte dann auch die nette Dame an deinem Empfang, liebe Notaufnahme. Überhaupt sind ja alle deine Mitarbeitenden immer schampar freundlich und liebenswürdig, selbst wenn die zu verarztende Kundschaft hässig ist und pampig tut, weil sie aus der letzten Niere pfeift.
 
Der langen Rede kurzer Sinn: Frau Feuz ist sehr froh, gibt es dich, liebe Notaufnahme. Ich danke dir für alles. Und ich verspreche dir, dass ich das nächste Mal auf der Schlöf die schiebbare Kinder-Laufhilfe in Anspruch nehmen werde. Und Diagnosen stell ich auch nicht mehr selber. Obwohl ich ja eigentlich jeweils schon recht habe und wüsste, wie man jetzt müsste.
  
Sehr herzlich,
  
deine Frau Feuz
 
Gisela Feuz ist weder bluts- noch nierenverwandt mit dem Chef und möchte der internationalen Organmafia Folgendes ausrichten: Meinen Nieren gehts wieder prima. Aber klaut doch trotzdem die von jemand anderem, ja?! 
 

4 Kommentare zu «Liebe Notaufnahme»

  • Hans Lauri sagt:

    Hmm liebe Frau Feuz, so sieht unser Bild der Notaufnahme aus, rein und wieder raus. Dachte ich die ersten 40 Jahre meines Lebens auch. Als Partner einer schwer kranken Partnerin mit einer seltenen Erkrankung , ist dieser Ort mittlerweile genau der Ort an dem man nicht sein will. Wie viele Nächte und Tage habe ich da neben dem Bett auf dem Stuhl gesessen, Die immer wider gleichen Routine Fragen von AssistenzärztInnen Innen beantworte, und mir gedacht, scheisse so etwas lassen die auf kranke Leute los. Den Flyer wir dulden keine Gewalt und Unfreundlichkeiten Gelesen, und mir gedacht, ob das nicht auch umgekehrt für das Personal gelten sollte. Am Schluss stehen sie da, deine Partnerin krümmt sich und sieht elend aus, sie verkünden Stolz, das Labor ist OK, auf dem Röntgen sieht man nichts….

  • Hans Lauri sagt:

    , sie werden daher wohl in den nächsten Stunden nicht sterben. Möchte sie noch etwas mehr Schmerzmittel, gehen sie nach Hause und melden sich doch bitte wenn sie noch können am Montag bei Ihrem Arzt. Und nein ich bin nicht Zynisch, ich hasse Menschen nicht, bin eigentlich ordentlich sozialisiert, aber glauben sie mir Frau Feuz, so sieht ein Notfall aus (und ich kenne mittlerweile jeden in der Stadt Bern), wenn’s mal etwas schwieriger ist, und man nach 2h nicht wider vondannen ziehen kann.

  • hanshuber sagt:

    Ich danke auch der Notfallaufnahme. Die uns 4 Stunden hat warten lassen auf Morphium bis zum Röntgen, 2 weitere Stunden bis zum Ultraschall und 1 Stunde auf eine Antwort was los ist. Auf die Frage, ob die Ärzteschaft überlastet sei war die Selbstbewusste Stellungnahme der Oberärztin. Nein, das sei richtig so. Könnte ich wählen, würde ich anders.

  • Anne Brecht sagt:

    Die Mitarbeitenden der Notfallstation im Inselspital sind kompetent, freundlich und menschlich sehr angenehm. Wir haben bisher nur gute Erfahrungen gemacht. Herzlichen Dank für den grossen Einsatz!

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