Die Jahreszeit des Bösen

Vor dem Fenster des «Poller»-Kolumnisten Martin Erdmann häufte das pure Böse Herbstlaub.

Vielleicht verurteilen Sie die heutige Kolumne bereits nach dem ersten Satz. Auch den zweiten Satz empfinden Sie unter Umständen als reine Zeitverschwendung. Ja, selbst der dritte Satz bleibt möglicherweise weit unter Ihren Erwartungen. Tja. Mit Erwartungen ist es wie mit SBB-Zügen – sie treffen nicht immer ein, wie geplant. Stets gehen wir davon aus, dass alles so gut wird, wie wir uns das erhofft haben. Dabei blenden wir oft sämtliche Eventualitäten aus, die unser künftiges Glück schmälern könnten. Ich bin zum Schluss gekommen, dass der Grossteil dieser Eventualitäten aus Laubbläsern besteht.

Von dieser Erkenntnis wurde ich neulich im Schlaf überrascht. Es war ein sehr wichtiger Schlaf, weil ihm eine äusserst lange Phase des Wachseins vorausgegangen war. Doch wurde er empfindlich früh durch bestialisches Getöse unterbrochen, das durch mein offenes Schlafzimmerfenster drang. Ich dachte zuerst, die Russen kommen. Doch es war wesentlich schlimmer: Laubbläser. Wie meine Recherche ergeben hat, handelte es sich beim Modell, dass vor meinem Fenster wütete, nicht um ein Standardgerät, sondern um schweres Geschütz. Der Black+Decker GW3030 arbeitet mit integriertem Elektromotor und erreicht einen Schalldruckpegel von wütenden 106 Dezibel.

Ich starrte auf diesen Menschen hinunter, der diese Gräueltat der Gerätetechnik bediente, und fing an zu zweifeln, ob es noch so etwas wie Nächstenliebe gibt. Was mich bei diesem Mann am meisten verstörte, war, dass er in privater Mission unterwegs war. Hätte er Arbeitskleidung eines städtischen Diensts getragen, hätte ich seiner schwarzen Seele etwas Verständnis entgegenbringen können. Schliesslich unterliegen auch Folterknechte dem Zwang von Lohnarbeit. Doch da dieser monetäre Anreiz wegfiel, attestierte ich dem Mann einen ausgeprägten Hang zum Sadismus. Das pure Böse häufte also vor meinem Fenster Herbstlaub.

Als aufrechte Stütze der Gesellschaft sah ich meine Pflicht darin, das Böse zu bekämpfen. Dies erwies sich aber als komplizierter als gedacht. Wie ich feststellen musste, ist Bern längst nicht so progressiv wie beispielsweise die Österreichische Gemeinde Kaindorf an der Sulm. Die hat in der Steiermärkischen Luftreinhalteverordnung ein Laubbläser-Verbot festgehalten. Die hiesige Politik scheint dem Kampf gegen das Böse aber noch nicht gewachsen zu sein. Zaghafte Bemühungen verliefen im Sand. Doch habe ich einen anderen Ansatzpunkt für das Ende des herbstlichen Terrors gefunden. Folgendes: Die einzige Legitimation für die Existenz von Laubbläsern ist das Vorhandensein von Laub. Laub ist eine Zusammenrottung von Blättern. Diese wachsen an Bäumen. Wer gegen Laubbläser ist, sollte also auch gegen Bäume sein. Bäume sollten der Stadt verwiesen werden.

Nun gut, einige Bäume sind in der Stadt Bern tief verwurzelt. Doch gerade im Herbst treiben sie es oft zu bunt und fallen immer wieder durch massive Farbgewalt auf. Und ist das unachtsame Verteilen ihrer Blätter auf unseren Gehwegen und Strassen genau genommen nicht so etwas wie Littering der Natur? Die Integration des Baums in städtisches Gebiet kann also als gescheitert betrachtet werden.

So habe ich mich beinahe aufgemacht, die Platanen vor meinem Haus zu fällen, überlegte es mir aber anders, schloss mein gut isoliertes Schlafzimmerfenster und schlief bis weit in den Tag hinein.

Martin Erdmann
Der «Bund»-Redaktor mag übrigens auch das schleifende Geräusch von Reisbesen nicht.

2 Kommentare zu «Die Jahreszeit des Bösen»

  • Rihs sagt:

    Das Böse im Herbstlaub entlockte mir heute Morgen beim Lesen ab der ersten Zeile ein Grinsen, was zunehmend bis zum Schluss in einem Lachkrampf endete.
    Wenn man das Übel der Herbstlaubbläser und ihrem schrecklichen Sound ertragen muss, zeitgleich jedoch diese Wahrnehmung mit humoristischem Charme zu verarbeiten versteht, dann hat das Gute das Böse mehr als besiegt!
    Vielen Dank für diesen Aufsteller heute Morgen, auch für den Wiederstand
    der vielen schönen Bäume, welche in keiner Weise im Widerstand zur Natur und
    Freude der Freunde der Natur stehen, es lebe die Vielfalt und Schönheit des Herbstes!

  • Gerda Burkhard sagt:

    Der heutige Poller spricht mir aus dem Herzen. Laubbläser sind der Prototyp akustischer Umweltverschmutzung und von geradezu gigantischer Sinnlosigkeit. Das Schleifen von Reisbesen ist dagegen Musik in meinen Ohren. Und wenn ich den Zeitaufwand zur Reinigung einer bestimmten Fläche vergleiche, dann schneidet der Besen allemal besser ab. Oder ist es tatsächlich der reine Sadismus des Laubblasenden, dass er so lange als möglich an einer Stelle verharrt…..?

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