Liebe Seniorin mit violetten Haaren

Alter macht asozial. Ältere Damen mögen violettes Haupthaar. «Poller»-Kolumnistin Gisela Feuz stellt steile Thesen auf, die nicht ganz von der Hand zu weisen sind.

 

Wenn vordrängeln olympisch wäre, hätten Sie letzte Woche vor der Take-away-Glastheke in der Migros die Goldmedaille abgeräumt. Doch, doch, tun Sie nicht so bescheiden. Das war Füredrücke in Perfektion. Techniknote sechs. Frau Feuz hat höchstens eine Zehntelsekunde auf ihr Telefon geschaut und zack, als ich wieder aufblickte, hatte ich Ihre violette Lockenwicklerfrisur vor der Nase. Also eigentlich vor der Brust, weil ich bin ja sehr gross und Sie nicht.

Als Sie dann begannen, dem Herrn hinter dem Tresen, der im ganzen Mittagsstress furchtbar beschäftigt war, mit dem Zeigefinger zuzuwedeln, habe ich Sie höflich darauf hingewiesen, dass ich und mindestens vier andere gerechterweise vor Ihnen bedient würden, wenn denn da überhaupt noch mal jemand bedient werden würde im laufenden Jahrhundert. «Ou Entschuldigung, ich habe Sie nicht gesehen», haben Sie gesagt. Ja genau. 1,88 m übersieht man ja auch leicht. Schon klar. Das Faszinierendste an der ganzen Situation war allerdings Ihr strafender Blick, mit welchem Sie mich von oben bis unten musterten. Sie, also ich hab mich glatt wie eine Sechsjährige gefühlt, die soeben aus Versehen den Familienhamster umgebracht hat. Vordrängeln und dann auch noch hinkriegen, dass sich die anderen schuldig fühlen. Grosses Kino. Das gibt nicht nur Techniknote sechs, sondern auch Stilnote sechs.

Generell sind Sie mit Ihrer Fähigkeit ja in guter Gesellschaft. Vordrängeln ist ja so bisschen ein Volkssport, gellen Sie. Fahren Sie eigentlich auch Fahrrad? Kennen Sie diejenigen, die bei roten Ampeln immer neben allen stehenden Velofahrerinnen durchkurven, um sich an der Spitze der Schlange zu positionieren? Das wäre per se ja noch halbwegs okay, wenn diejenigen dann auch wirklich wie Miguel Indurain losflitzen würden, sobald die Ampel auf Grün wechselt. Tun sie aber nie. Vielmehr merken sie dann, dass sie erst noch mindestens fünf Gänge runterschalten müssen, um richtig anfahren zu können. Somit wird dann auch der Rest der Velo-Karawane zu Schneckentempo verdammt. Überholen? Sie fahren definitiv nicht Velo im innenstädtischen Morgenverkehr, gellen Sie, werte Seniorin mit violetten Haaren.

Aber Zug fahren Sie doch bestimmt ab und zu, nicht? Ist Ihnen auch schon mal aufgefallen, dass, sobald der Zug auf dem Perron einfährt, sich alle Wartenden hektisch in Bewegung setzen, obwohl noch gar nicht klar ist, wo die Einstiegstüren sein werden? Ein bisschen wie sturme Hühner. Sturme Hühner, die oftmals violette oder gar keine Haare mehr haben, weil Ihre Altersklasse ist gut vertreten auf den Zugperrons dieser Welt. Nein nein, Sie verstehen mich falsch. Ich finde es ganz fantastisch, wenn Senioren und Seniorinnen rüstig sind und Ausflüge machen. Wirklich.

Einfach das mit dem Einsteigen will vielleicht noch etwas geübt sein. Wenn sich links und rechts der Türe Schlangen entlang des Zuges bilden, dann aus dem Grund, dass so die Türe frei bleibt und die Ankommenden zuerst aussteigen können. Soziale Menschen stellen sich bei diesen Schlangen hinten an und bleiben da. Ja, man kann beim Warten natürlich auch ein kleines Schrittchen machen, unschuldig in die Luft schauen, wieder ein kleines Schrittchen machen, nicht vorhandenen Dreck unter den Fingernägeln kontrollieren, ein kleines Schrittchen machen und sich mit dieser Taktik an die Spitze der Warteschlange schleichen. Oder aber man kann sich natürlich auch gleich von Anfang an mitten in den Strom der Aussteigenden stellen. Kann man durchaus. Muss man aber nicht.

Werte Seniorin mit violetten Haaren, sagen Sie, ist die Kunst des Vordrängelns etwas, was man sich im Alter aneignet? Wird man im Alter asozial? Warum ist das Haupthaar älterer Damen oft violett? Und gibt es da vielleicht sogar einen Zusammenhang? Fragen über Fragen.

Nur medium herzlich und trotzdem ein bisschen Ihre,

Frau Feuz

Gisela Feuz ist trotz vertiefter Ahnenforschung immer noch nicht mit dem Chef verwandt, dafür aber freie Kulturjournalistin und passionierte Zug- und Velofahrerin.

5 Kommentare zu «Liebe Seniorin mit violetten Haaren»

  • Felix Adank sagt:

    Liebe Frau Feuz, Ihre Kolumne hat mich bestens unterhalten – nicht zuletzt, weil mir gewisse Verhaltensweisen von Trägerinnen gefärbter Dauerwellen bekannt vorgekommen sind. Auch ich bin begeisterter Velofahrer und ÖV-Benutzer, allerdings etwas kleiner als Sie.
    Ich erlaube mir trotzdem, an dieser Stelle den Hashtag #metoo einzufügen.

  • Michel Gsell sagt:

    werte Frau Feuz
    Vergessen haben Sie die der Bettflüchtigkeit geschuldeten Rudelbildung ab 6 30 Uhr im HB Bern beim Treff. Im angeregten Geplauder (um diese Zeit!) versperren sie mir den direkten Weg RBS-Tibits. Auch gefährden sie die Arbeiterklasse mit ihren lose an Rucksäcken gebundenen Wanderstöcken. Und diese gute Laune schon früh.
    #ausdemwegichmusszurarbeit
    Hochachtungsvoll

  • Elmar Scherrer sagt:

    Ganz im Sinne dieser Kolumne sei mir doch bitte verziehen, dass ich hier noch ebenjene Violett-Dauerlocken-Tragenden Migros-Kundinnen erwähne, welche jeweils erst wenn sie an der Kasse dran sind zu überlegen beginnen, mit welchen Coupons, Rabattscheinen und Gutschriften denn dieser Einkauf zu bezahlen wäre. Dass dann der durch Beratung der Kassiererin ausgeheckte Plan doch nicht aufgeht, weil die meisten Gutscheine bereits abgelaufen sind, zieht jeweils ein kurzes Innehalten zum Ausdrücken der Enttäuschung nach sich – und dann kommen die Münzen (oje !)…
    Ganz unironisch: mein Beispiel ist nun wirlich nichts zum aufregen, sondern zum schmunzeln. Aber der mit dem Einsteigen in den Zug (sich mitten in den gebildeten Ausgangskorridor stellen) ist absolut bireweich und Aufregen ist gestattet.

  • Dan Baciu sagt:

    Liebe Frau Feuz
    Wie wird es ihnen gehen mit violet Dauerlocken und 8 cm weniger wegen osteoporose? Es wird uns alle treffen, auser…

  • Jacqueline Gafner sagt:

    Freie Kulturjournalistin und passionierte Velo- und Zugfahrerin? Na, dann ist ja alles klar, hoffentlich funktioniert die Akquise zulasten der „Seniorin mit violetten Haaren“ auch. Wer hatte denn die Idee dazu, Frau Feuz? Ihre Mutter? Oder war es Ihr Grosi?

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