Erziehungsfragen auf der Post

«Poller»-Kolumnist Martin Erdmann findet, dass es so etwas wie ein Recht auf Erziehung in der Öffentlichkeit gibt.

Im tiefsten Inneren wissen wir alle, dass dieser Zeitpunkt unaufhörlich naht. Wann und wie er eintreffen wird, bleibt vom Nebel des Unbekannten verhüllt. Doch wir spüren, dass er in der ungewissen Ferne der Zukunft auf der Lauer liegt und uns für unsere Furcht vor ihm verspottet. Bei manchen kommt er mit Ankündigung, andere sucht er ganz plötzlich heim: der Zeitpunkt, an dem man auf die Post muss. Bei mir war es eine Abholungseinladung. Da ist nichts zu machen. Terminlich befristete Endgültigkeit. Also machte ich mich auf zur quartiereigenen Postfiliale und durchquerte die sich automatisch öffnende Schiebetür aus Glas, die ihrer Aufgabe mit solchem Widerwillen nachkommt, dass alle, die sie passieren wollen, das Schritttempo drastisch drosseln müssen, um nicht mit den Nasenrücken an ihrer gläsernen Härte zu zerschellen.

Dieses Licht. Es war kälter als sibirische Winternächte und von der grausamen Grelle der ersten Sonnenstrahlen nach einer durchzechten Nacht. Die gespenstische Stille eines Mausoleums rauschte durch den Raum. Völlig geräuschlos zuckten die Fensterscheiben vor den Schaltern, von Nervosität getrieben, auf und ab, als wollten sie keine Zweifel offen lassen, dass sie jede Gelegenheit nutzen würden, um komplette Fingerglieder auf der kühlen Schalterfläche zu zerquetschen. Dahinter sassen Angestellte in fahlgelben Hemden, die wie welkende Narzissenblüten an ihren Körper klebten. Sie kannten alle Preise vom Versand eines Maxi-Briefs bis zur Verfrachtung eines Pakets nach Übersee, als wäre mit diesem Wissen jedes schöne Gefühl ersetzt worden, das ihrem Herzen je entsprungen ist. Regale reihten sich wie Wellenbrecher durch den Raum. Es gab alles, was man nicht unbedingt braucht. Grusskarten für jede erdenkliche Lebenssituation, preislich stark reduzierte DVDs, deren Inhalte es mit gutem Grund nie ins Kino geschafft hatten, und alles, wofür es im Grunde genommen Papeterien gibt.

Und dann war da noch dieser Apparat. Er spuckte kleine Zettelchen aus, die regelten, wer wann bei welchem Schalter anzutraben hatte. Vor dem Apparat stand ein kleines Mädchen. Es drückte unaufhörlich auf den Knopf für die Zettelausgabe. Zu ihren Füssen hatte sich bereits eine beachtliche Menge von dem weissen Papier angehäuft. Mit grossem Entsetzen versuchte ich ihr zu erklären, dass durch ihr Tun wartezeitlicher Leerlauf entsteht, wodurch das ganze Anstehsystem ins Stocken kommt, die Welt aus den Fugen gerät und wir alle bis in alle Ewigkeiten oder sicherlich bis Ladenschluss hier festsitzen werden. Das Mädchen schaute mich bloss mit ausdruckslosen Augen an, als hätte sie sich diesem Schicksal längst gefügt.

Dann gab es Ärger. Die Mutter des Mädchens stand plötzlich vor mir und herrschte mich an, was ich mir erlaube, ihrer Tochter zu sagen, was sie zu tun habe. Da musste ich zuerst einmal darüber nachdenken. Hatte ich etwa unbefugt elterliches Hoheitsgebiet betreten? Ich verwarf den Gedanken und kam zum Entschluss, dass es so etwas wie ein Recht auf Erziehung in der Öffentlichkeit gibt. Ich verlangte ja nicht, in wichtigen Erziehungsfragen eingebunden zu werden. Ich wollte weder zu Elternabenden eingeladen werden noch über Sorgerechtsfragen entscheiden. Ich wollte bloss nicht, dass die Welt aus den Fugen gerät und ich bis in alle Ewigkeiten oder sicherlich bis Ladenschluss in der Postfiliale festsitze.

Während ich darüber sinnierte, wanderte mein geistesabwesender Blick Mutter und Tochter hinterher, die durch die widerwillige Schiebetür schritten und dort vom warmen Sonnenlicht verschluckt wurden, während hinter ihnen die Welt langsam im Chaos versank.

Martin Erdmann
Der «Bund»-Redaktor geht ab und zu auch in Lebensmittelläden und an ganz schrecklichen Tagen sogar in Kleidergeschäfte.

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