Die Trauer des Clowns

«Poller»-Kolumnist Markus Dütschler denkt nach dem Tod des Zirkusclowns Spidi über die Nähe von Glamour und Tristesse nach.

Jetzt, wo der Circus Knie in Bern gastiert, erwartet man, dass im Vorzelt Spidis Stimme ans Ohr dringt: «Illuschtrierti bitte!» Doch man weiss, dass er nicht mehr da ist. Seit Mitte der 1990er-Jahre war ich jedes Jahr im Knie, und er gehörte fast zum Inventar. Der kleinwüchsige Spidi war das Begrüssungskomitee. Wenn die Leute nach Hause gingen, hörte er, welche Nummer ihnen am Besten gefallen hatte. Spidi, bügerlich Peter Wetzel, war näher am Publikum, als es die Leitung je sein konnte. Das Verkaufen des Programmhefts war ein Teil seines Jobs. In einigen Saisons trat er im Programm auf, manchmal mit Tieren, oder er spielte Trompete. 

Ein Klischee besagt, dass Clowns traurige Menschen seien. Es mag sein, dass die Trauer und das Lachen über Bedrückendes zusammenhängen. Wahr ist auch, dass es im Showbiz viel Schminke und Scheinwerferlicht gibt, dass die Protagonisten aber wie andere Menschen einen Alltag mit Problemen haben. Als ich vor einigen Jahren vor der Knie-Premiere in Bern die Vorstellung in Solothurn besuchte, entdeckte ich nach dem Zirkusbesuch Spidi in einer Kneipe in der tristen Bahnhofsunterführung, vor sich eine Stange Bier: Feierabend. Rückblickend dünkt mich die Diskrepanz zwischen dem illuminierten Zirkuszelt und der Bahnhofsunterführung fast symbolisch: Der 51-jährige Spidi, der den Freitod wählte, litt zeitweise unter Depressionen, was vielen verborgen blieb – auch seinem Freund, dem Zirkuspfarrer Ernst Heller, wie dieser an der Trauerfeier im Zirkuszelt bekannte («Bund» von gestern).

Einst wurden Kleinwüchsige in Freakshows zur Begaffung vorgeführt. Später hatten sie Jobs in Zirkussen, man denke an Volker Schlöndorffs Film «Die Blechtrommel», wo der kleinwüchsige Oskar Mazerath einer Truppe von Liliputanern begegnet, wie sie genannt wurden. Einige Kleinwüchsige brachten es zu Starruhm, so Helmut Werner (1936–2014), bekannt aus der Fernsehserie «Salto Mortale». Auf die alten Tage bekam «Klein Helmut» als Clown eine Art Gnadenbrot im Zirkus Gasser Olympia: Seine Reprisen liefen unter dem Motto «Lachen ist gesund». Doch die Zeiten hatten sich gewandelt. Aus Gründen der Political Correctness mochten viele nicht mehr über Menschen mit Behinderung lachen – was den Betroffenen auch nicht half. Wie sehr litt Spidi unter der Kleinwüchsigkeit? Ich weiss es nicht. Darum kann auch ich nur sagen: «Machs guet, Spidi!» 

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