Mit der Veloinitiative kann mans auch übertreiben

«Bund»-Redaktor Markus Dütschler hatte eine ungemütliche Begegnung mit einem Velofahrer - vermöbelt wurde er zum Glück nicht.

Wenn Kollege Erdmann das kann, dann ich auch: Er hat die olle Kamelle mit dem Schwarzen Panther ausgegraben («Bund» vom 25. Juli 2018). Also buddle ich meinen Velo-Hate-Speech mit dem Titel «Rad mal, wer da behämmert ist» aus («Bund» vom 27. November 2009). Jene Kolumne über sich um sämtliche Regeln foutierenden Radler verschaffte mir einen soliden Ruf als Velo-Hasser, der gänzlich unberechtigt ist. Zwischen mich und mein Fahrrad passt kein Blatt Papier. Wir verstehen uns blind und hatten noch nie Streit. Vorhin passierte ich mit meinem treuesten Begleiter am Bubenbergplatz Frau Wyss’ Zählsäule. Ich war, soweit ich es erkennen konnte, Velofahrer Nummer 2225. Auch habe ich brav den imaginären Gessler-Hut darauf gegrüsst, ohne den Lenker ganz loszulassen, und dazu aus voller Brust gebrüllt: «Forza, Velo-Initiative!»

Manche Kollegen tun erstaunt, wenn ich mit dem Velo auf den Tamedia-Parkplatz einfahre, und dies nur, weil meine Figur nicht so drahtig ist wie die Räder meines Vehikels. «Fährst du Velo?» raunen sie. Ja, tue ich – und ich habe noch nie in der TV-Medizin-Doku «Mein Leben mit 300 Kilogramm» mitgespielt. Velofahren ist nicht nur für die Obersportlichen, sondern für alle. Aber es ist nicht überall zulässig. Ich spreche hier ein grosses Wort gelassen aus. Es gibt Regeln, angezeigt in Form von Signalen, die zu lernen fast so mühsam ist wie das Chinesische. Darum scheitern viele daran.

Oftmals signalisieren schon die baulichen Umstände, dass hier nicht gefahren werden darf. Das dachte ich zumindest. Vielleicht kennen Sie das Einkaufszentrum Freudenberg am Ostring. Dort gibt es zwischen der Coop- und und der Migros-Filiale einen Gang. Dessen Boden ist mit glatten Steinplatten gefliest, typisch Innenraum halt. Dieser Durchgang ist nicht breit. Würde man ein Bett quer hineinstellen, wäre er ziemlich blockiert.

Ich traute darum meinen Augen nicht, als mir dort ein wild aussehender Velofahrer in voller Fahrt entgegenkam. Ohne viel zu denken streckte ich für einen Augenblick meinen Arm seitlich aus. Das wiederum erschreckte ihn so, dass er mir ein paar üble Schimpfworte zurief. Erst nach einigen Metern kam der rasante Mann zum Stehen und drehte den Kopf. Das gab mir die Gelegenheit, eine nicht näher zu definierende unfreundliche Geste zu machen. Was ihm wiederum die Gelegenheit gab, mich mit noch mehr nicht zitierfähigen Verbalinjurien einzudecken. Ich dachte schon, er steigt ab und vermöbelt mich. So weit kams dann doch nicht. Zum Glück. Es hätte die Velo-Initiative moralisch arg zurückgeworfen.

Der «Bund»-Redaktor hofft inständig, dass sich sein Velo die Beschimpfungen nicht allzu sehr zu Herzen genommen hat.  

poller.derbund.ch

9 Kommentare zu «Mit der Veloinitiative kann mans auch übertreiben»

  • Ruedi Schibler sagt:

    Hunderttausende sind täglich mit dem Velo gesetzeskonform unterwegs: vom Kindergärteler über die Floristin und den SVP-Politiker bis hin zu Markus Dütschler. Das sind «die» Velofahrer, nicht die Minderheit der Rowdys, die es notabene auch unter Automobilisten gibt. Nur herrscht, folgt man den notorischen Online-Kommentierern (ohne Prophet zu sein: siehe unten), unter Radlern Sippenhaftung. Wäre Markus Dütschler dasselbe mit einem Autofahrer passiert, würde hier (unten, nicht oben) nicht pauschal über «die» Autofahrer hergezogen. Warum ist das so?

    • Christoph B. sagt:

      Weil heute kaum jemand mehr neidisch auf „die“ Autofahrer schaut. Sie dröhnen nicht mehr über die Landstrasse, irgendwo zwischen wagemutig, zukunftsselig und fortschrittsprophetisch. Sondern sie stehen im Stau und bleiben auch auf dem Schleichweg durch die Tempo-30-Zone stecken. Überhaupt sind heutige Autos nicht mehr sexy, sondern (im Fall der Schweiz) übergewichtige, lächerlich übermotorisierte und weitgehend durchdigitalisierte Wohnzimmersurrogate. Die Verhältnisse haben sich verkehrt: Heutzutage schauen zumindest im städtischen Umfeld die Autofahrer neidisch den Velos nach, die mit viel geringerer Breite, minimalem Kurvenradius und einer gewissen Lässigkeit den vielen Verkehrsregeln gegenüber besser vorwärtskommen. Und dann noch die hochmotorisierten E-„Velos“, die keine sind…

    • Hans sagt:

      100’000 sind gesetzeskonform unterwegs und genausoviele nicht. Die Hälfte der Velofahrer foutiert sich um rote Ampeln und Fahrverbote. Ist in der Innenstadt durch Zählen leicht zu verifizieren. 15 Minuten Marktgasse oder Baldachin oder irgendein Quergässchen (Velofahrverbot) sowie Fussgängerstreifen vor dem Bahnhof oder Hirschengraben (rote Ampeln) reichen. Die Hälfte der Velofahrer hält sich nicht an die Regeln.

      • Heiri sagt:

        Wie viele Velos haben Sie denn in der Marktgasse «gezählt», lieber Hans? Und wie viele sind das Doppelte, nach Ihrer «Statistik» also «alle Velofahrer»?

  • Peter Müller sagt:

    Ich kenne den Velorowdy. Der arbeitet im Auftrag des ACS mit den Auftrag die Veloinitiative zu verunglimpfen. Erstaunlicherweise gibt es immer noch genügend, auch überdurchschnittlich intelligente Menschen, die darauf reinfallen.

  • Reto sagt:

    Ich war letzte Woche auf einer Velotour über Alpenpässe…..was man dort an Verkehrsverstössen unserer ach so korrekten Auto- und Töfffahrer erlebt, ist der durch SVP Politiker gern zitierte rechtsfreie Raum in Reinform. 80km/h sind nur als Richtwert zu betrachten, praktisch jeder Töff ist viel zu schnell unterwegs und verletzt vor allem die geltenden Lärmvorschriften und zwar massiv. Je mehr Lärm ich produziere, desto höher mein Ansehen in der Töff-Community. Bei den Autos ist es nicht viel besser, gefährliche Ueberholmanäver mit 10-20cm Abstand inklusive. Weist man einen Autofahrer darauf hin, dass es unangenehm und gefährlich ist mit 20cm bei 100km/h zu überholen wird man aufs Gröbste beleidigt und tätlich angegriffen., so geschehen letzte Woche am Grimselpass…..

  • Christine Elbe sagt:

    Lieber Herr Dütschler
    Herzlichen Dank für Ihren Artikel. Diesen Durchgang kenne ich sehr gut. Und: es bräuchte eine Kampagne für rücksichtsvolles, tolerantes Verhalten im engen Stadtraum aller Verkehrsteilnehmer mehr als die Diskussion, welcher Verkehrsanteil grösser werden soll. Im Moment wird einem schon beim aggressiven Sprachgebrauch Angst und Bang.

  • Annalena Moser sagt:

    So kommst, wenn sich Velorowdies über allen Anstand und alle Vernunft hinweg setzen und meinen, sie dürfen sich alles erlauben. Velofahrer werden nie gebüsst, müssen sich nicht an geltende Strassenverkehrsgesetze oder Geschwindigkeitslimiten halten und reklamieren dann noch. Die Akzeptanz der Velofahren wäre besser, wenn sie sich benähmen wie vernunftbegabte Individuen und nicht wie verwöhnte Trötzeler. Dieses Verhalten rührt davon, dass Velofahren denken, ihr Lebensstil rette die Welt, sie seien deshalb bessere Menschen und hätten das Recht, sich über andere zu erheben, und ihre Lebensweise allen anderen aufzudrängen, ob die nun wollen oder nicht. Nur, ich widerstehe.

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