Der Panther ist zurück

«Poller»-Kolumnist Martin Erdmann steigt wagemutig in die Tiefen des Sommerlochs herab.


Schön, dass Sie es geschafft haben. Bitte schliessen Sie die Tür hinter sich und ziehen Sie die Vorhänge zu. Wir werden nun eine publizistische Schandtat begehen. Wird schon niemand merken, wir sind schliesslich unter uns. Alle anderen sind in den Ferien. Will heissen, es ist Sommerloch-Zeit. Und in die Niederungen dieses Sommerlochs wollen wir nun hinabsteigen. Bringen Sie eine Öllampe mit, es ist ein düsterer Ort und wir haben einen langen Weg vor uns. Wir klettern hinunter, bis wir den Boden dieses Schattentals der Tagesaktualität erreichen. Riechen Sie diesen modrigen Gestank? Es sind die vor sich hin verwesenden Textkörper von ausgedienten Sommerloch-Geschichten. Kaum hat die Newslage wieder Fahrt aufgenommen, werden sie hier unten zur Verrottung deponiert. Packen Sie bitte einmal an. Wir werden jetzt einen von ihnen zurück in das Tagesgeschehen hieven. Nein, das hat nichts mit journalistischer Leichenschändung zu tun. Ich befürchte, in diesem Textkörper zuckt immer noch etwas Leben. Er erzählt die Geschichte vom Schwarzen Panther.

Ältere Leser erinnern sich: Es war 2012 und ein warmer Frühsommer legte sich über den Kanton Bern. Doch eine geheimnisvolle Bestie zog durch bernisches Hoheitsgebiet und liess der Bevölkerung das Blut in den Adern gefrieren. Augenzeugen berichteten mit stockendem Atem von einer katzenartigen Erscheinung von gigantischer Grösse und pechschwarzem Fell. Experten und «Blick»-Leserreporter waren sich schnell einig: Das Ungetüm kann nichts anderes als ein Schwarzer Panther sein. Der Kanton befand sich im Ausnahmezustand. Meine Erinnerungen an das Klima des Terrors jener Zeit sind schärfer als die Krallen dieses Biests. Von Furcht triefende Schlagzeilen waren an der Tagesordnung, Schulreiserouten wurden umgeplant, waldnahe Kindergeburtstage abgesagt. Doch mit dem Sommer verschwand auch die Berichterstattung über den Schwarzen Panther. Es begann ein Herbst, der mich mit klammer Kälte erfüllte. Mich liess das Gefühl nicht los, dass er immer noch irgendwo da draussen ist. In nebelverhangenen Nächten glaubte ich, giftiges Fauchen aus den Wäldern des Stadtrands zu hören. Auch jetzt, da sich der Sommer seines ersten Erscheinens zum sechsten Mal jährt, befinde ich mich in konstanter Alarmbereitschaft. Um den unsichtbaren Ketten zu entkommen, die der Panther um mich gelegt hat, fasste ich einen wagemutigen Entschluss. Ich machte mich auf, um ihn zu finden.

Meine Expedition führte mich in die Tiefen des Bremgartenwalds. Es ist eine Umgebung, die für die Nahrungsbeschaffung eines Schwarzen Panthers wie geschaffen ist. Hier wurden Waldmenschen in Freilandhaltung angesiedelt, und es gibt mehr als genug dumme Hunde, die sorglos in das Dickicht tapsen, ohne darin die offensichtlich tödlichen Hinterhalte zu erkennen. Jegliches um Hilfe flehendes Heulen würde vom monotonen Rauschen der nahe gelegenen Autobahn überdeckt werden.

Bei einer besonders engen Anballung von Gestrüpp und Baumstümpfen machte ich Halt. Ich legte mich auf die Lauer. Was ich sah, hat meine schlimmsten Erwartungen erfüllt. Denn ich sah absolut kein Anzeichen eines Schwarzen Panthers. Dazu muss ich hinzufügen, dass der Schwarze Panther ein Meister der Tarnung ist. Deshalb ist ein Waldabschnitt, in dem kein Panther zu sehen ist, beinahe ein klarerer Beweis für seine Anwesenheit, als wenn er in Fleisch und Blut vor mir stehen würde. Einerseits war ich erleichtert, dass ich mich all die Jahre nicht geirrt hatte und der Schwarze Panther tatsächlich im Bremgartenwald wohnt. Andererseits ist diese Schilderung vielleicht aber auch nur eine Mär, um in einer flauen Sommerwoche diese Kolumne zu füllen.  

Der «Bund»-Redaktor vermutet zudem, dass das Ungeheuer von Loch Ness während der Sommermonate in der Aare wohnt.

Kommentar

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Die benötigten Felder sind mit * markiert.

800 Zeichen übrig

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.