Tattoo – oder zweimal Weihnachten

«Poller»-Kolumnist Markus Dütschler sieht in der Hitze des Sommers vieles, aber nicht das, was Sie meinen.

Im Sommer sind Menschen und Menschinnen weniger verhüllt. Keine Angst: der Pollerist wird Sie nicht mit sabbernden Erwägungen belästigen. Doch es fällt auf, dass unbedeckte Beine, Arme oder Schulterpartien nur noch selten à la nature sind, sondern künstlerisch gestaltet. Zwar scheint das Arschgeweih ausser Mode zu sein, doch haben Tattoo-Studios, mit denen Immobilienbewirtschafter B-Lagen auslasten können, andere Ideen entwickelt.

Einst waren Tätowierungen ein Merkmal von Gefängnisinsassen oder Schaustellergehilfen. Oder von Angehörigen einer Strassengang, die so ihre Treue auf eine Weise zeigten, die unter die Haut ging. Matrosen liessen sich Anker tätowieren. Dazu gibts eine pikante Anekdote: («Achtung: Die nachfolgende Sendung ist für Kinder unter 16 Jahren nicht geeignet.») Ein Matrose auf Landgang soll in einem einschlägigen Etablissement von der Dame gefragt worden sein, was die Buchstaben «Rumbalotte» auf seinem besten Freund bedeuteten. Kurze Zeit später konnte sie die Botschaft lesen: «Ruhm und Ehre der baltischen Handelsflotte!»

Es gibt harmlosere Anwendungsgebiete. Dennoch war die Aufregung im Jahr 2003 gross, als bei einem sommerlichen Anlass mit Bundesratsbeteiligung auf der Schulterpartie der Magistraten-Gattin Babette Deiss eine tätowierte Rose sichtbar wurde. Das Provokatiönchen hätte man der Frau des als steif und professoral geltenden Joseph Deiss nicht zugetraut. So kann man sich täuschen. Der damalige CVP-Generalsekretär, ein gewisser Reto Nause, sah darin den Beweis, dass die CVP eine trendige Partei sei. So kann man sich schon wieder täuschen.

Ein Telefonprovider verfiel einst auf die Idee, in der Werbung Menschen zu zeigen mit eintätowierter Telefonnummer auf dem Arm. Geschichtsbewusste erschauderten, erinnerte dies doch an die Vernichtungslager der Nazis, in denen den Insassen eine Erkennungsnummer in die Haut geritzt worden war, als wären sie Vieh. So blieben selbst die wenigen Überlebenden buchstäblich für ihr Leben gezeichnet.

Die Mode ändert sich rasch, und vielleicht ist es mit dem Tattoo-Boom bald vorbei. Doch während man die Schlaghosen der 1970er-Jahre im Kleidersack entsorgen konnte, geht das bei Tattoos nicht so einfach. Manche Tätowierer haben sich darauf spezialisiert, in Ungnade gefallene Schriften und Bilder mit einem neuen Motiv zu «übermalen» oder in ein neues Werk zu integrieren. Doch oft müssen andere ran, dermatologische Abteilungen von Spitälern, in denen in langwierigen, schmerzhaften, heiklen – und teuren – Behandlungen versucht wird, den Status quo ante herzustellen. So feiert das Bruttosozialprodukt zweimal Weihnachten.

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