Leben unter Wasser

«Poller»-Kolumnist Martin Erdmann weiss vieles über Meerjungfrauen zu erzählen.

Sie wurden zwar noch nie einer offiziellen Zählung unterzogen, doch über den Daumen gepeilt lässt sich mit Bestimmtheit sagen, dass es sehr viele Dinge auf der Welt gibt. Das wäre nicht weiter schlimm. Nun liegt es jedoch in der Natur des Menschen, dass er dem Trieb der Neugier nicht widerstehen kann. Das führt dazu, dass er diese Dinge auf der Suche nach Fortschritt in möglichst vielen Variationen kombiniert. Dabei ist es nur im Sinne der statistischen Logik, dass dabei Zusammenstellungen entstehen, deren Berechtigung auf Existenz zumindest angezweifelt werden darf. Zum Beispiel belegter Hefeteig und Ananas. Im Fachjargon wird diese Zusammenführung Pizza Hawaii genannt und seit ihrer Erfindung in der kanadischen Provinz Ontario im Jahr 1962 als schlimmster Auswuchs der Globalisierung an Kunden verkauft, die vermutlich gerade eine dunkle Phase ihres Lebens durchschreiten. Doch wie Zeitdokumente belegen, hat es die Menschheit bereits lange vor 1962 geschafft, fragwürdige Kombinationen zu erstellen. Schon damals, als die Welt noch eine Scheibe war, wurden wunderliche Kreationen angefertigt. Eine von ihnen wollen wir aus aktuellem Anlass mit besonderer Sorgfalt beäugen: Die Meerjungfrau – die Pizza Hawaii der Fabelwesen.

Was ich Ihnen nun anvertrauen werde, entspricht vollumfänglich der Wahrheit. Es widerspricht jedem Anspruch auf Rationalität, aber sie sind unter uns. Hybride aus Mensch und Fisch. Halb Flosse, halb Frauenoberkörper. Meerjungfrauen stellen zurzeit in Berner Bädern eine aufkeimende Randgruppe dar. Ein Verein bietet im Weyermannshaus wöchentliche Kurse an, in denen nicht nur die Schwimmtechnik von Meerjungfrauen auf dem Lehrplan steht, sondern auch wie man sich möglichst vorteilhaft unter Wasser fotografieren lässt, was ein ausserordentlich wichtiger Punkt im Meerjungfrau-Lifestyle zu sein scheint. Die Population dieser merkwürdigen Spezies hat dermassen sprunghaft zugelegt, dass sich bereits landesweite Vernetzungen feststellen lassen. So wurde vergangenes Wochenende in Murten die beste Meerjungfrau der Schweiz gekürt, die ihr Talent an den Meerjungfrau-Weltmeisterschaften in Ägypten unter Beweis stellen darf.

An dieser Stelle halte ich es wiederholt für meine Pflicht, Ihnen zu versichern, dass dies alles der Realität entspricht. Und weil dem so ist, stellt sich nun die Frage, wie die moderne Gesellschaft damit umzugehen hat. Schon nur juristisch wirft die meerjungfräuliche Lebensform schwer zu klärende Fragen auf. Haben Meerjungfrauen Anspruch auf Menschenrechte oder werden sie bloss vom Tierschutzgesetz geschützt? Falls die Meerjungfrau den Status als humanes Wesen erlangen sollte, ergeben sich bereits die nächsten Schwierigkeiten. Der Arbeitsmarkt ist nicht auf die Eingliederung von Meerjungfrauen ausgerichtet. Die einzige bisher bekannte Karrieremöglichkeit für die Wasserbewohner ist, bei den Meerjungfrau-Weltmeisterschaften in Ägypten zu gewinnen. Da diese Stelle nur einmal pro Jahr vergeben wird, dürfte die Arbeitslosenquote unter Meerjungfrauen massiv hoch sein. Der Weg zum Arbeitsamt bleibt unumgänglich. Und selbst dieser entpuppt sich als unüberwindbare Hürde. Denn die städtische Infrastruktur ist nicht auf die Bedürfnisse von Wasserbewohnern angepasst. Solange bloss Velowege anstatt Wasserstrassen gebaut werden, bleiben Meerjungfrauen einkommensschwache Aussenseiterinnen am äussersten Rande der Gesellschaft.

Es könnte natürlich alles anders kommen, wenn Meerjungfrauen beginnen, sich zu organisieren. Zunächst würden die Halbfische wohl eher harmlose Anliegen wie das Verbot von Anti-Schuppen-Shampoos anbringen. Doch bald dürften sie radikale Massnahmen wie den Rückbau sämtlicher Hochwasserschutz-Anlagen und Staumauern fordern. Denn Meerjungfrauen sind keineswegs nur gutmütige Wesen, wie uns Disneys Meeres-Doku «Ariel» weismachen wollte. Ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt, dass sie mitunter feindselige Geschöpfe sind. So ist einem altnordischen Lehrtext aus dem 13. Jahrhundert zu entnehmen, dass Meerjungfrauen dazu neigen, Schiffe mit Fischen zu bewerfen. Demnach ist es nicht ausgeschlossen, dass Ihnen beim nächsten Aareböötle plötzlich eine Bachforelle ins Gesicht geschleudert wird.

Martin Erdmann ist «Bund»-Redaktor und organisiert Grümpelturniere für Zentauren auf der Grossen Allmend.
derpoller.derbund.ch

1 Kommentar zu «Leben unter Wasser»

  • Lili sagt:

    Papperlapapp, die Meere sind viel größer als das bizzeli Land. Wenn sie sich mit den Meerjungfrauen und -männern anlegen, dann werden die Arbeitsämter bald geschlossen, denn die haben wirklich besseres zu tun, als zu arbeiten.

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