Liebe WM-Nichtmöger

«Poller»-Kolumnistin Gisela Feuz erklärt, warum das Public Viewing wichtig ist für das tägliche Zusammenleben.

Nirgends könne man mehr hin, überall werde man von diesem elenden Fussball-Seich belästigt, bemerkte kürzlich eine Dame aus dem Bekanntenkreis etwas säuerlich. «‹Nirgends› und ‹überall› gehören in die Kategorie der Pfui-Wörter, weil sie verallgemeinernd und drum selten adäquat sind», hörte Frau Feuz die Deutschlehrerin aus sich heraus dozieren. «Ausserdem gibt es diverse Orte, wo kein Fussball läuft. Zu Hause im Bett zum Beispiel.» – «Also da jubeln auch alle, wenn er drin ist», wandte ein anwesender Zeitgenosse ein, was der Ernsthaftigkeit des Gesprächs nicht gerade zuträglich war.

Die Unterhaltung wollte mir nicht aus dem Kopf. Was wäre, wenn während vier Wochen um mich herum Menschen bei einer Sportart mitfieberten, mit der ich selber so gar nichts anfangen könnte? Das Gedankenexperiment scheiterte, weil mir keine Sportart einfallen wollte, für die ich mich nicht zumindest partiell erwärmen könnte. Wobei: Bei Segway-Rennen müsste wohl selbst ich abwinken. Gibt es eine absurdere Art der Fortbewegung? Aber das ist ein anders Thema.

Man kann berechtigte Kritik an einem Giga-Anlass wie der Fussball-WM üben, die dann auch noch in einem Land wie Russland stattfindet, wo Menschenrechte mit Füssen getreten werden. Kommerzialisierung, übertriebener Nationalstolz und fehlende Nachhaltigkeit etwa. Und dass die Fifa eine Gaunerbande ist (Chef, gell, wir haben einen guten Anwalt?!), die es mit den eigenen Statuten nicht allzu genau nimmt, ist auch nichts Neues. Das sind alles durchaus legitime Gründe, die WM doof zu finden. Aber dass das persönliche Wohlergehen von Fussball schauenden Menschen eingeschränkt werde, ist kein Grund, beziehungsweise ein ganz furchtbar egoistischer. Denn wenn der WM-Fussball eines tut, dann ist es, Menschen zusammenzubringen und Berns Quartiere zu beleben.

So zum Beispiel den Loryplatz, wo dieses Jahr zum ersten Mal Spiele übertragen werden. Der tätowierte Hipster sitzt hier neben dem portugiesischen Büezer, beide fallen sich zuerst in die Arme und dann fast von der Holzbank vor lauter Freude, als Ronaldo seinen Freistoss versenkt. Der ansonsten eher einsame Quartier-Alki ist begeistert darüber, dass endlich einmal etwas geht in seinem Revier, und bietet Frau Feuz überschwänglich einen Schluck aus der Denner-Bierdose an. Diese (Frau Feuz, nicht die Bierdose) staunt derweilen darüber, wie viele Menschen doch eigentlich in ihrem Quartier leben, die sie noch nie zu Gesicht bekommen hat.

Egal wo man hinschaut, die Bilder ähneln sich. Auf dem Waisenhausplatz boxt ein älterer Deutschland-Fan einen jungen Mann aus Eritrea freundschaftlich in den Oberarm, als die deutsche Elf den Schweden in letzter Sekunde noch einen hineinwürgt. Der Eritreer grinst und tätschelt dem euphorisierten Deutschen die Schulter. Alles ohne Worte, gesagt wird trotzdem viel. Im Wartsaal wird ein Argentinien-Fan, der kurz vor dem Heulen ist, weil Messi Arbeitsverweigerung betreibt, von zwei Seiten gleichzeitig betüdelt. Im weissen Zelt am Cäcilienplatz halten sich sämtliche Anwesenden grinsend die Ohren zu, weil die Goofen nicht wissen, wie laut sie kreischen wollen, wenn ein Tor fällt. So etwas verbindet.

Liebe WM-Nichtmöger, es geht bei Fussballübertragungen nicht einfach nur darum, jungen Männern mit fragwürdigen Tätowierungen und noch fragwürdigeren Frisuren bei ihrem Gekicke zuzuschauen. Also schon auch. Aber öffentliche Spielübertragungen bieten auch einen niederschwelligen Zugang zu sozialem Leben und sind deswegen so etwas wie Gesellschafts-Leim. Menschen jeglicher Couleur kommen zusammen, nehmen Kontakt auf und tauschen sich aus. Klar doch: nur für 90 Minuten. Aber vielleicht grüsst man sich dann später im Quartierladen und hält einen Schwatz. Keine Sorge. Nicht mit euch. Weil, worüber würde man sich mit euch unterhalten können? Segway-Fahren?

Herzlichst,

Eure Frau Feuz

Gemäss dem Diskriminierungsverbot in den Statuten der Fifa müssten Länder wie der Iran sanktioniert werden, weil dort immer noch keine Frauen ins Stadion dürfen. Iran spielte bei der aktuellen WM in der Gruppe B.

5 Kommentare zu «Liebe WM-Nichtmöger»

  • Peter Wunder sagt:

    Das ist in etwa dieselbe Argumentation wie die retrofixierten Ballerfreunde zur Rechtfertigung der Rekrutenschule und der WK’s schwingen. Wenn man einen richtig tiefen Standard als Referenz ansetzt, dann findet sich sogar in einem Botellon und gemeinsamer Pinkelorgie in einen Hauseingang etwas Verbindendes. Oder in einer Göbbels-Geburtstagsfeier – hey, die Jungs und Mädels singen zusammen Lieder dort! Aber vielleicht… vielleicht ist es für das Weiterkommen der Menschheit auch gut, wenn man nicht immer nur den tiefstmöglichen Referenzwert anstrebt und einsetzt?

    • Sgt.Pepper sagt:

      …und was ist jetzt Ihr Problem? Dass gefeiert wird oder was gefeiert wird? Seien Sie froh ist es der Fussball der die Leute so zusammenbringt und nicht z.B. Führers Geburtstag.

      • Rönzito sagt:

        Da bin ich tatsächlich auch froh darüber. Wenn dann allerdings diese WM-Heuchelei vorbei ist, werden sich die Fussballfans bei Länderspielen (und die Fans von Basel, YB, Sion, etc.) wieder an die Gurgel gumpen, Pyros ablassen und Menschen verletzen…! Nö, für mich ist der Fussball nichts anderes als Gladiatorenspiele (mit Diven, die v.a. Schwalben produzieren!) zur Unterhaltung des tumben Volks. Prosit!

      • würg sagt:

        Alle Leute, die Fussball mögen, als tumb zu bezeichnen, spricht nicht gerade von Intelligenz. Auch die Tatsache, dass Sie den Fussball als Gladiatorenspiele sehen, sollte Ihnen die Berechtigung entziehen, hier einen Kommentar zu hinterlassen. Aber wie wir alle wissen, besteht der Fussball ja sowiso nur noch aus geldgeilen Kriminellen, Schwalbenkönigen und Pussys. Ich hoffe für Sie, dass Ihnen solche Kommentare das Leben versüssen. Bei mir bewirkt es eher das Gegenteil…

      • Roenzito sagt:

        Gut gewürgt, Würg! Wie sieht’s aus mit einem gut überlegten Konter zu Pyros, sich an die Gurgel gehen, Menschen verletzen? Und dann noch so empfindlich, Würg – Widerrede ist hier wohl nicht geduldet und wird dann wie immer mit mangelnder Intelligenz oder dem klassischen Argument von „nicht berechtigt zu…blabla“ abgetan. Lahmer geht’s nimmer! Aber keine Angst – heute Abend läuft Fussball. Ihre Welt (?) ist also in Ordnung!

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