Langsame Bahnstrecken erhalten die Freundschaft

«Poller»-Kolumnist Markus Dütschler reaktiviert auf der Reise ans Bachfest seine altbewährten Pfadfinderqualitäten.

Tag! Schon wieder ich. Sie kennen meine Masche: zu Beginn ein gekünstelter Bern-Bezug zur Beschwichtigung. Also: Sie erinnern sich an den Eurocity-Zug von Bern über München nach Prag namens Einstein – samt tschechischem Speisewagen. Ist lange her. Heute verkehren EC-Züge nur noch zwischen Zürich und München. Einen solchen nahm ich, um ans Bachfest zu reisen. Ich hätte auch den IC-Bus («kostenloses WLAN») wählen können, mit dem sich die DB selbst konkurrenziert. Ich aber bevorzuge den Zug, dessen Langsamkeit seit Jahrzehnten beklagt, aber nie behoben worden ist. Wie schlägt man die Zeit tot? Im Speisewagen. Dort dringt die laute Stimme eines Rentners an mein Ohr. Am Handy erläutert er der Gattin, dass er in Chur gewesen und auf dem Heimweg nach Innsbruck sei. Der EC umrundet den Bodensee und zuckelt nach Lindau. Dumm gelaufen: Der Mann mit dem Rucksäcklein hätte in Bregenz umsteigen müssen, um den letzten Anschlusszug ins Tirol zu bekommen. «Der See war so schön», sagt er, darum habe er es glatt vergessen. Da ist auch der volle Teller mit Rollschinkli und Kartoffelsalat, der seiner Leerung harrt.

Nun kommt die DB-Schaffnerin und rät, in Kempten auszusteigen und zurückzufahren und stellt ihm eine Fahrkarte aus. Leider ist seine Maestro-Karte auf den mobilen Geräten des Personals nicht lesbar. Er kann nicht bezahlen, hat auch fast kein Bargeld mehr, da er beim Speisewagenkellner («Herr Ober!») mehrmals etwas bestellt und bar bezahlt hat. Darum füllt die Zugbegleiterin ein Formular für eine Fahrpreisnacherhebung aus, in Österreich als Erlagschein bekannt: Billett auf Rechnung. Seinen Personalausweis findet er in seinem dicken Portemonnaie nicht, dafür ÖBB-Vorzugscard, Uni-Ausweis für Senioren, Autoclub-Karte und vieles mehr, was jetzt nicht dienlich ist. Ich versuche zu eruieren, wie er noch nach Innsbruck gelangen könnte, doch das Handy ist tot: kein Netz. Wenn in der Dämmerung GSM-versorgte Siedlungen auftauchen, erhalte ich immer wieder eine SMS: «Sie haben auf ein ausländisches Mobilfunknetz gewechselt.» Versuche ich dann die DB-Seite aufzurufen, ist das Dorf in der Düsternis schon wieder verschwunden und das Handy tot. Der Schaffnerin geht es auch nicht besser.

Dem alten Herrn, der Medizinprofessor war und im Alter einen Magister in Geschichte nachgeholt hat, schlage ich vor, nach München weiterzufahren, dort zu übernachten und am Morgen nach Innsbruck zu reisen. Sonst würde er irgendwo stranden. Er findet das gut und ruft seine Frau an, die aufgelöst ist wegen ihres vagabundierenden Gatten. Ich verspreche ihr, ihn in München sicher unterzubringen. Als wir dort endlich festen Boden unter den Füssen haben, stehen wir nach einer Odyssee zu geschlossenen Schaltern und überfordertem Auskunftspersonal am Billettautomaten. Für den kommenden Morgen buche ich ihm einen Platz im EC nach Innsbruck. Hier funktioniert seine EC-Karte, er kennt sogar den Code auswendig. Dann checke ich ihn in einem Bahnhofshotel ein, begleite ihn aufs Zimmer, ziehe die Vorhänge und bestelle für ihn einen Weckruf.

Da mein Hotel in der Nähe ist und mein Zug fast gleichzeitig fährt, hole ich ihn tags darauf im Hotel ab, wo er beim Frühstück sitzt, und bringe ihn zum Zug. Er, der voller Zuversicht von einem Abenteuer ins nächste stapft wie Eichendorffs Taugenichts, findet, er könnte mit mir nach Leipzig fahren. «Nein, Herr Professor, ich habe Ihrer Gattin versprochen, Sie nach Hause zu schicken.» Die Anzeigetafeln sind verwirrend, auch die Wagenstandsanzeiger. Hätte der 85-Jährige alles selber gefunden? Wohl kaum. Ich setze ihn auf seinen Platz neben einer Dame, die verspricht, ihn in Innsbruck an den Ausstieg zu erinnern. Nachdem ich ihren Koffer auf die Ablage gehievt habe, merkt sie, dass ich mit ihrem Sitznachbarn im Grunde nichts zu tun habe, und sagt anerkennend: Ich hätte «da oben» einen Ehrenplatz verdient. Sie meint nicht die Gepäckablage.

«Bund»-Redaktor Markus Dütschler vollbringt keineswegs immer gute Taten, aber hie und da häufen sie sich auf fast beängstigende Weise.
derpoller.derbund.ch

Kommentar

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Die benötigten Felder sind mit * markiert.

800 Zeichen übrig

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.