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Welche Nationalitäten wie häufig arbeitslos sind

Von Iwan Städler, 7. März 2014 Kommentarfunktion geschlossen
Die Arbeitslosenquote der Ausländer ist deutlich höher als jene der Schweizer. Und sie variiert je nach Herkunftsland stark. Das zeigt unsere ausgebaute Arbeitslosengrafik.

Newsnet hat seine interaktive Arbeitslosengrafik ergänzt. Neu lässt sich mit ihr nicht nur ergründen, welche Kantone, welches Alter und welches Geschlecht besonders stark von Arbeitslosigkeit betroffen sind. Sie zeigt nun auch auf, welche Nationalitäten wie häufig ohne Job sind. Die Grafik basiert auf den offiziellen Daten, die das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) monatlich veröffentlicht – letztmals heute Freitag. Das Seco tut dies nicht für alle Herkunftsländer, aber für die wichtigsten.

Im Gegensatz zu den Arbeitslosenquoten nach Kantonen, Geschlecht und Alter sind jene nach Herkunftsländern erst ab 2010 erhältlich. Zwischen den beiden Grafiken können Sie jederzeit hin- und herschalten. Wenn Sie mit dem Cursor über die Linien fahren, zeigt Ihnen der Browser die Legende und die entsprechende Arbeitslosenquote an. Beim Internet Explorer – vor allem bei älteren Versionen – sind die Funktionen eingeschränkt. Am besten nutzen Sie Chrome, Firefox oder Safari.

Generell zeigt sich, dass Ausländerinnen und Ausländer doppelt bis dreifach so oft arbeitslos sind wie Schweizerinnen und Schweizer. Oft sind sie in schwierigen Branchen tätig – oder in solchen mit grossen saisonalen Schwankungen (Bau, Gastgewerbe, Landwirtschaft). Im Durchschnitt sind sie überdies weniger gebildet.

Gross sind auch die Differenzen zwischen den verschiedenen Herkunftsländern. Am auffälligsten ist der rasante Anstieg der Arbeitslosigkeit bei Migranten aus Rumänien und Bulgarien. Ihre Quote ist von 5,5 (Sommer 2011) auf 13,5 Prozent gestiegen. Diesen Zuwachs gilt es allerdings zu relativieren, da er statistisch verzerrt ist. In der Realität stieg die Arbeitslosigkeit der Rumänen und Bulgaren weniger stark.

Verzerrender Effekt

Um die Zahlen richtig interpretieren zu können, muss man wissen, wie das Seco die Arbeitslosenquote berechnet: Es nimmt die aktuelle Zahl der Arbeitslosen und dividiert diese durch die Zahl der Erwerbspersonen 2010. Im Gegensatz zur Zahl der Arbeitslosen wird also jene der Erwerbspersonen nicht ständig aktualisiert, da sie nicht monatlich erhoben wird. Das spielt für die meisten Nationalitäten keine grosse Rolle, da sich ihre Population in der Schweiz seit 2010 nicht stark verändert hat. Bei den Rumänen und Bulgaren ist dieser Effekt aber beträchtlich und führt zu einer Verzerrung.

Dies verdeutlicht ein Blick in die Bevölkerungsstatistik: Insgesamt lebten 2012 rund 45 Prozent mehr Rumänen und Bulgaren in der Schweiz als 2010. Noch stärker zugenommen hat die Zahl der Erwerbspersonen, wie die sogenannte Strukturerhebung zeigt: Statt gut 5000 Personen wie 2010 zählte man 2012 bereits gut 8000 Rumänen und Bulgaren – also rund 60 Prozent mehr. Dies entspricht in etwa dem Anstieg der Arbeitslosen in jener Zeitspanne, weshalb die tatsächliche Arbeitslosenquote nicht massiv zugenommen hat.

Das Seco tappt im Dunkeln

Rasant in die Höhe geklettert ist die offiziell ausgewiesene Arbeitslosenquote aber vor allem seit Sommer 2013. Lässt sich auch dies mit der Zunahme der hier wohnenden Rumänen und Bulgaren erklären? Das Seco tappt mangels aktueller Bevölkerungsdaten im Dunkeln. Auffällig ist, dass die Zahl der rumänischen und bulgarischen Hartz-IV-Bezüger in Deutschland 2013 ebenfalls massiv angestiegen ist – deutlich stärker als die Zahl der Erwerbspersonen, wie die «Süddeutsche Zeitung» diese Woche berichtete. Sicher ist auch, dass die Arbeitslosenquote der Rumänen und Bulgaren überdurchschnittlich hoch ist.

Dies gilt auch für die Migranten aus Portugal, deren Arbeitslosenquote nur leicht verzerrt ist. Bei ihnen fallen vor allem die krassen saisonalen Schwankungen auf. Aufmerksame Leser brauchen nicht lange zu rätseln, in welcher Branche die Portugiesen überdurchschnittlich vertreten sind: im Bau. Dort ist es gang und gäbe, im Sommer Arbeitskräfte aus dem Ausland zu holen und sie im Winter auf die Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) zu schicken. Diese Praxis ist vor allem im Wallis beliebt, kommt aber auch anderswo vor (Link).

Jeden Winter mehr Arbeitslose

Manche Arbeiter, die zum Überwintern aufs RAV geschickt werden, finden im nächsten Frühling keine Stelle mehr. So bleiben sie beim RAV und landen später zum Teil bei der Sozialhilfe. Derweil holt ihr ehemaliger Patron neue Arbeitskräfte aus dem Ausland. Dies könnte erklären, weshalb die Arbeitslosenquote der Portugiesen in den letzten Jahren in jedem Winter etwas stärker angestiegen und im Sommer etwas weniger zurückgegangen ist.

Es ist eben für einen Arbeitgeber einfacher, einen bereits Entlassenen (mit dem man vielleicht nicht ganz zufrieden war) im Frühjahr nicht mehr einzustellen, als einen ständigen Mitarbeiter auf die Strasse zu stellen. Wer ohnehin jeden Herbst einen Teil seiner Belegschaft entlässt, hat weniger Skrupel, jemanden ganz der Arbeitslosigkeit zu überlassen und es mit einem neuen Mitarbeiter zu versuchen.

Kommt hinzu, dass viele Migranten aus Portugal schlecht gebildet sind, was die Gefahr der Arbeitslosigkeit erhöht. Auch sind mehr als die Hälfte der Portugiesen in der Romandie tätig, wo die Arbeitslosenquote deutlich höher ist als in der Deutschschweiz.

Weniger Arbeitslose aus dem Westbalkan

Anders die Migranten aus dem Westbalkan (Albanien, Bosnien, Herzegowina, Kosovo, Kroatien, Mazedonien, Montenegro und Serbien). Sie sind eher in der Deutschschweiz tätig. Und ihre Arbeitslosenquote ist seit 2010 gesunken, obwohl ihre Population in der Schweiz nur unwesentlich zurückgegangen ist. Möglicherweise ist dies ein Hinweis auf verbesserte Integration. Dies gilt auch explizit für die Kroaten, was politisch interessant ist. Denn Kroatien ist letztes Jahr der EU beigetreten, und die EU will die Personenfreizügigkeit mit der Schweiz auf Kroatien ausdehnen. Da könnte die Arbeitslosenquote eine Rolle spielen. Gegenwärtig ist sie tiefer als jene vieler anderer Ausländer – etwa der Franzosen.

Überhaupt ist die Quote der Migranten aus Frankreich erstaunlich hoch. Dies, obwohl die hier wohnenden Franzosen überdurchschnittlich gut gebildet sind und in gut bezahlten Berufen arbeiten. Mit ein Grund für ihre hohe Arbeitslosigkeit dürfte ihr Arbeitsort sein. Denn sie sind – wenig überraschend – vor allem in der Romandie tätig.

Die tiefste Arbeitslosenquote unter den Ausländern weisen die Österreicher und die Deutschen aus. Auch sie liegen aber immer noch rund ein Prozentpunkt über den Schweizern.