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Alles Müller

Von Barnaby Skinner, 5. Januar 2015 Kommentarfunktion geschlossen
Unsere interaktive Schweizer Namenskarte zeigt, welche Geschlechter welche Regionen prägen. «Die meisten Menschen sind auch heute noch sehr in ihrer Region verwurzelt»: Zu den Auffälligkeiten der Karte haben wir Namensforscherin Simone Berchtold befragt.
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Der häufigste Schweizer Nachname ist mit Abstand Müller – insgesamt 21’427 im Telefonverzeichnis registrierte Haushalte lauten so. Das zeigt eine Auswertung aller 2’687’640 bei Search.ch eingetragenen privaten Telefonanschlüsse. Von Region zu Region – in den Bergen gar von Dorf zu Dorf – unterscheiden sich die dominierenden Namen markant. Das überwiegende Familiengeschlecht des Kantons Schwyz etwa ist Kälin, dasjenige des benachbarten Kantons Zug lautet Iten. Aber sehen Sie selber. Die folgende Karte zeigt den häufigsten Nachnamen in der jeweiligen Region:

kantonsnames_karte

 

 

Suchen Sie in der nachfolgenden interaktiven Grafik Ihren eigenen Namen. Sie können zwischen der absoluten und der relativen Verteilung eines Nachnamens hin und her wechseln. Wenn Sie einen Namen nicht finden, ist er nicht im Onlinetelefonbuch registriert. Verwendet wurden nur Namen, die schweizweit mindestens zehnmal im Telefonbuch von Search.ch vorkommen.

Zur Vollbildansicht: Mobilnutzer klicken bitte hier.

Wir haben uns mit der Namensforscherin Simone Berchtold vom Deutschen Seminar der Universität Zürich über die Auffälligkeiten der Schweizer Namenskarte unterhalten. Dieses Interview bildet den Auftakt einer sechsteiligen Serie über Nachnamen in der Schweiz, die in den kommenden Tagen im «Tages-Anzeiger» erscheinen wird.

Simone Berchtold ist Expertin für Namensforschung am Deutschen Seminar der Universität Zürich

Frau Berchtold, hätten Sie Müller als häufigsten Schweizer Namen erwartet?
Der Name Müller ist nicht nur in der Schweiz, sondern im gesamten deutschsprachigen Raum der häufigste Name. Der Müller war in der Agrarwirtschaft ein sehr häufiger Beruf. Gleichzeitig gibt es davon nur wenige Namenvarianten. Der Bauer kann der Ackermann sein, der Bumann oder der Feldmann. In den Schweizer Bergregionen gab es deshalb weniger Müller, weil dort weniger Getreide angebaut wurde.

Wie sind Nachnamen überhaupt entstanden? In der Antike und in vielen anderen Kulturen reichte oft der Vorname.
Der Prozess beginnt schon im 12. Jahrhundert. Das hatte damit zu tun, dass immer mehr Menschen den gleichen Vornamen trugen. In gewissen Gegenden hiess jeder zweite Mann Heinrich, jede zweite Frau Mechthild. Durch einen weiteren Namen wurde die Identifikation einfacher. Dies war nicht unerheblich, um Erbansprüche geltend zu machen. Das Aufkommen eines zweiten Namens dürfte auch durch die romanische Nachbarschaft beeinflusst gewesen sein. In Venedig etwa kommt Zweinamigkeit bereits im 9. Jahrhundert auf. In Urkunden sieht man, wie nachträglich noch Bezeichnungen hinzugefügt wurden. Man spricht in dieser Entstehungsphase noch nicht von Familiennamen, sondern von Beinamen, die auf den Träger passten. Der Müller war jemand, der tatsächlich Müller war. Inauen hiess jemand, der «In der Au» wohnte, also im nassen Wiesland.

Stammen alle Namen auf der Karte aus dieser Zeit?
Aus der Frühen Neuzeit, ja. Dann, um 1800, hat man in der Helvetischen Republik das Bürgerrecht eingeführt. Im Familiennamenbuch der Schweiz werden den Gemeinden und Städten die dort jeweils alteingesessenen Familien zugeordnet. Natürlich wurden keine Mägde oder Hilfspersonal erfasst, sondern die ökonomisch mächtigere Klasse. Was mich überrascht: Über 200 Jahre später dominieren an denselben Orten noch immer dieselben Familiennamen. Etwa in der Bündner Gemeinde Vrin die Caminadas oder in St. Antönien die Flütschs. Das zeigt, dass noch heute die meisten Menschen sehr in ihrer Region verwurzelt sind. Ein grosser Teil der Bevölkerung bleibt eben doch am selben Ort, oder er kehrt wieder zurück. Zumindest ist dies bei den Männern der Fall. Denn nach wie vor wird der Name meist über die männlichen Nachkommen vererbt.

Wir sind also weniger mobil, als wir denken?
Oder die Mehrheit der Bevölkerung bewegt sich in einem kleineren Radius als gemeinhin angenommen.

Was bedeuten die Namen? Was zum Beispiel heisst Aebischer?
Das ist ein Ort nahe der Gemeinde Frauenkappelen bei Bern. Auf diesen Ort geht der Name zurück. Es handelt sich um einen Herkunfts- oder Wohnstättennamen. Hinter den Familiennamen im deutschsprachigen Raum stecken fünf Motive: der Beruf, wie im Falle von Müller, oder der Ort, entweder der Wohnort oder der Herkunftsort, wie bei Aebischer im Kanton Freiburg. Der vierte Namenstyp geht auf Vornamen zurück, meist auf denjenigen des Vaters. Wie Arnold, der beliebteste Name im Kanton Uri. In Island gibt es nach wie vor keine Nachnamen, sondern nur den Vaternamen als Beinamen: Otto-son zum Beispiel oder Otto-dóttir, der Sohn oder die Tochter des Otto. Der Ausdruck der Zugehörigkeit zum Vater ist ein europaweites Phänomen. In Skandinavien sind es Namen wie Svenson oder Erikson. In Osteuropa Namen, die auf -ic oder -ov enden: Petric oder Petrov, Sohn des Peter.

Welches ist das fünfte Namensmotiv?
Als letztes gibt es die Übernamen, Bissig zum Beispiel oder Fux. Also Namen, die nach bestimmten Eigenschaften vergeben wurden. Oft sind diese Bezeichnungen weniger schmeichelhaft. Es kann für mich sehr unangenehm werden, wenn ich jemandem die Herkunft seines Namens erklären muss.

Machen Sie ein Beispiel.
Nehmen wir Tschirky. Das kommt von langsam, schleichend, schlurfend gehen. Es handelt sich wohl um ein lautmalerisches Wort, das das Geräusch wiedergeben soll.

Das ist für das St. Galler Dorf Weisstannen tatsächlich nicht sehr schmeichelhaft. In dieser Gemeinde dominiert der Name Tschirky.
Manche erklären sich die vielen unvorteilhaften Namen mit der Mentalität der damaligen Gesellschaft; dass sich die Menschen eher am Negativen orientierten. Doch auch heute werden die Spitznamen in einem ähnlichen Verfahren vergeben. In der Gebärdensprache etwa orientieren sich die Gebärden für Namen an auffälligen Merkmalen, um jemanden zu beschreiben – etwa danach, ob jemand besonders gross oder klein ist.

Das Wallis hat auffällige Namen wie Abgottspon oder Anthamatten. Weshalb?
Das sind ortsgebundene Namen. Anthamatten heisst also auf der Matte, eine Wiese. Abgottspon ist ein Herkunftsname zum Ort beziehungsweise Ortsnamen Gspon, einem Weiler in der Gemeinde Staldenried VS. Das Besondere dieser Namen ist das Zusammenwachsen von Präposition und Nomen. So etwas kommt sonst nur im Nordwesten Deutschlands und teilweise in den Niederlanden vor; häufig sind das Rand- oder Reliktgebiete.

Was sind Reliktgebiete?
Orte, wo ältere Sprachformen bewahrt werden, die im restlichen Sprachgebiet eine Veränderung durchgemacht haben. Das Wallis ist eine solche Region. In der Zentralschweiz kommt es von Kanton zu Kanton zu einer Häufung unterschiedlicher Namen: Burch, Odermatt oder Arnold. Burch ist ein Wohnstättenname und geht auf eine Örtlichkeit zurück. Aber warum ein Name so oft in einem bestimmten Kanton auftritt, kann ich nicht erklären. Dass es so viele Heftis in Glarus gibt, hat auch etwas Willkürliches.

Was heisst Hefti?
Das ist ein Berufsübername. Das Heft ist der Griff einer Säge oder Waffe. Vergleichbare Namen sind Bickel oder Hammer. Hier entsteht der Name nach einem Material, einem Werkzeug oder einem Produkt.

Und die Namen Kälin im Kanton Schwyz oder Iten in Zug?
Kälin ist ein Übername und bezeichnet einen schwerfälligen Menschen, einen Tölpel oder einen Grobian. Iten ist ganz interessant. Der Name geht wohl auf eine Frau zurück. Nur selten wurde der Name der Mutter zum Familiennamen. Iten ist eine Abwandlung vom weiblichen Rufnamen Ita. Eine Erklärung dafür ist, dass die Frau des Hauses eine höhere Stellung genoss als der Mann; oder dass der Name der Frau im Ort besser bekannt war, etwa wenn der Mann zugezogen war; vielleicht auch wenn das Kind unehelich war.

Woher kommt der Name Flütsch? Er dominiert den Ort St. Antönien in Graubünden.
Flütsch ist die deutsche Kurzform des lateinischen Namens Florinus, genauso wie Flury. In Graubünden dominieren in vielen Gebieten Namen, die mit Ca- beginnen. Das ist die Kurzform von Casa. Der Name drückt also Zugehörigkeit zu einem bestimmten Haus aus. Capeder zum Beispiel heisst zum Haus des Peter gehörend. Auffällig ist der Name Hunger. Er fällt in Graubünden etwas aus dem Rahmen. Möglicherweise ist das eine alte Form für den Ungarn, ein Herkunftsname also. Im Kloster Disentis wird im 9. Jh. in den Mönchslisten dreimal die Bezeichnung Pannonius (= Ungar) genannt. Der dürfte wohl keine Nachkommen gezeugt haben. Doch es zeigt, dass es sehr früh Kontakte zwischen Graubünden und Ungarn gegeben hat.

Wie kann ein Name, der von ausserhalb kommt, in einer Region dominant werden?
Es ist genauso schwer zu erklären, weshalb gewisse Namen aussterben. Wir führen beim Deutschen Seminar in Zürich eine Datenbank aller Schweizer Namen seit 1800. Es ist schon eine ganze Reihe ausgestorben. Kinimann, Dikelmann oder Hüselmann gibt es zum Beispiel in der Schweiz nicht mehr gemäss Telefonbuch.

Die Nachnamen werden also immer weniger?
Die Immigration sorgt dafür, dass immer neue Namen hinzukommen.

Gehen wir in die Westschweiz. Sie ist von französischen Namen geprägt.
Das stimmt nur bedingt. Der häufigste Name des Wallis, Aymon, kommt zum Beispiel vom althochdeutschen Heimon. Auch Aubry im Jura hat germanische Wurzeln, ist in seiner Aussprache und Schreibung natürlich romanisiert. Er kommt vom germanischen Alberich und bedeutet Elb, Naturgeist und reich. Es gibt also nur auf den ersten Blick auf der Namenskarte einen Röstigraben.