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Die effizienteste Fussballnation der Geschichte

Von DB, 10. Juni 2014 8 Kommentare »
Pünktlich zum Start der Fussball-WM 2014: Eine Gesamtstatistik der erfolgreichsten Fussballnationen seit 1908. Und nein, an der Spitze steht nicht Brasilien.
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Ein Gastbeitrag von Marcel Senn

Welches ist das erfolgreichste Fussballland der Geschichte? Die meisten dürften da intuitiv an Brasilien, Italien, Deutschland oder Argentinien denken. In Wirklichkeit ist es aber das kleine Uruguay, welches bei total 58 Teilnahmen an allen wichtigen Fifa-, Kontinentalverbandsturnieren sowie Olympischen Spielen insgesamt 20 Titel gewonnen hat – und damit die effizienteste Fussballnation der Welt ist.

Uruguay ist bei 34,5 Prozent aller wichtigen Fussballturniere, an denen die Nation dabei war, als Sieger hervorgegangen. Noch vor Argentinien mit 19 Titeln und 65 Teilnahmen (29,2 Prozent) und Brasilien mit 17 Titeln bei 75 Teilnahmen oder 22,7 Prozent Effizienz.

Oder anders betrachtet: Uruguay benötigt im Durchschnitt nur 2,9 Turnierteilnahmen, um einen Titel zu gewinnen.

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Da Fussballturniere neben überragenden Einzelspielern und guter Teamarbeit auch immer wieder durch Zufall, Fehlentscheide oder politische Einflussnahme entschieden werden, muss für eine objektive Ermittlung der Effizienz von Fussballnationen die höchstmögliche Anzahl aller wichtiger Turniere berücksichtigt werden – und da ist das kleine Uruguay unangefochten an der Spitze.

Folgende Turniere wurden ausgewertet: Das erste Turnier für Nationalmannschaften fand an den Olympischen Spielen 1908 in London statt (1900 und 1904 nahmen nur Clubmannschaften an den OS teil), die erste Kontinentalmeisterschaft 1916 in Südamerika (in Europa ab 1960), die erste Weltmeisterschaft 1930 und der erste Konföderationen-Cup 1992 (damals noch König-Fahd-Cup genannt, ab 1997 dann Confed-Cup) sowie ein Mundialito 1980/81 mit allen ehemaligen Weltmeistern.

Wie kam Uruguay zum Fussball?

Die Engländer wollten zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine Puffernation zwischen den Grossmächten Argentinien und Brasilien und gaben damit den Anstoss zur Gründung Uruguays. Die Engländer brachten auch den Fussball gegen Ende des 19. Jahrhunderts nach Uruguay – und so gibt es heute noch Clubs, die Liverpool, Wanderers, River Plate (nicht zu verwechseln mit River Plate Buenos Aires), Rampla Juniors oder Boston River heissen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verloren die Einheimischen noch haushoch gegen die britischen Auswahlen, aber schon in den 20er-Jahren entwickelte sich der Fussball am Rio de la Plata zum weltweit besten seiner Zeit. Argentinien und Uruguay waren die dominierenden Nationen zu jener Zeit, was sich dann auch in Titeln manifestierte.

Den ersten Weltmeistertitel holte sich Uruguay 1924 mit einem 3:0-Sieg gegen die Schweiz an den Olympischen Spielen in Paris. Da der Fifa-Kongress entschied, dass die olympischen Fussballturniere 1924 und 1928 als Fussballweltmeisterschaften gelten, darf Uruguay auch vier Sterne auf der Celeste (himmelblaues Trikot) tragen, obwohl die erste eigene Fifa-Weltmeisterschaft in Uruguay erst im Jahre 1930 stattfand. Von seinen 20 Titeln gewann Uruguay zehn vor dem Zweiten Weltkrieg und zehn seit 1939.

Uruguay ist übrigens auch die grösste Whiskytrinkernation der Welt mit jährlich 2,4 Litern pro Einwohner. Ob es eine Kausalität zwischen Fussballeffizienz und Whiskytrinken gibt, sei dahingestellt – jedenfalls ist beides ein Erbe der Engländer.

Zur Person

Marcel Senn ist Betriebsökonom FH und spricht die sechs Sprachen aller bisherigen Fussballweltmeister. Vor fünf Jahren wanderte er nach Uruguay aus – unter anderem auch wegen der Fussballgeschichte. Er besitzt eine 6000-seitige Sammlung von fussballhistorischen Dokumenten wie Eintrittskarten, Weltmeister-Unterschriften und Fussballphilatelie.

Die aktuellen Titelhalter sind:

  • Weltmeister: Spanien 2010
  • Confederations-Meister: Brasilien 2012
  • Europameister: Spanien 2012
  • Südamerikameister: Uruguay 2011
  • Nord- und Mittelamerikameister: USA 2013
  • Afrikameister: Nigeria 2013
  • Asienmeister: Japan 2011
  • Ozeanien- und Pazifikmeister: Tahiti 2012
  • Olympiasieger: Mexiko 2012

 

8 Kommentare zu “Die effizienteste Fussballnation der Geschichte”

  1. Tömu sagt:

    Neuseeland und Australien gehören mit je 4 Ozeanienmeister-Titeln auch auf die Liste.

  2. Jean Engel sagt:

    Marcel Senn hat ganze Arbeit geleistet. Chapeau! – Als eh. Spieler (Linksaussen mit der 11) bin ich zwar immer noch ein “Garrincha-Anhänger”, in Bezug auf Südamerika, “Džajić” aus Ex-Jugoslawien war auch extrem gut – auf dieser Position.
    Daniel Jeandupeux aus CH auch – immer noch aktiv in F als Chef-Sportive. Aber die 11-er und auch 1-er (Torhüter) waren immer speziell. Unser Tor wurde durch einen Italiener gehütet, der es weiter als ich gebracht hatte, à la Dino Zoff oder Gianluigi Buffon. Merci beaucoup – lieber Claudio!

  3. Chläus sagt:

    WOW!!
    Danke für diese Infos! Da sieht man wieder einmal, wie Eindrücke täuschen können: Die “Grossen” sind halt eben nicht immer soo gross, wie die Medien sie machen.
    Das gilt nicht nur im Sport, sondern auch in der Politik, bei den “Promis” und vielen mehr! Da wäre genaues Hinschauen oftmals hilfreich…

  4. MBachmann sagt:

    Super Beitrag!
    An die Tagi-Redaktion: Bitte nehmt diesen Mann sofort unter Vertrag – die geneigte Leserschaft möchte weitere derartige Infojuwelen, wie es JTanner treffend bezeichnet hat, geniessen…

    • olga machado sagt:

      endlich ein Journalist Objetive, in wirklichkeit einen Infojuwelen!! die urus verdanken diese Annerkenung

  5. JTanner sagt:

    Spitze! Als Fan der hohen Kunst der Infografik und der dahinterstehenden aufklärerischen (statt manipulativen) Statistik beglückwünsche ich Sie zu diesem schlichten, kleinen Infojuwel. Dazu der gelassen-souveräne Ton im Text. Man erlebt nur noch selten einen zahlenbasierten Artikel, der alles richtig macht.
    So etwas weckt Begehrlichkeiten. So hätte ich zB liebend gerne noch eine Timeline zu jedem Land gesehen, auf der farbige Punkte die Teilnahmen und Erfolge markieren. Das gäbe dem frappanten Ergebnis eine sicher aufschlussreiche, historische Tiefe.

  6. Felix Baumbacher sagt:

    Ist in dieser Statisitk berücksichtigt, dass das vollständige “Turnier” aus der Qualifikation und der Endrunde besteht? So hat z.B. Uruguay 2006 die Endrunde in Deutschland nicht erreicht. Am Turnier teilgenommen hat das Land in der Qualifikation aber dennoch.

    • Marcel Senn sagt:

      Das Kriterium sind alle wichtigen teilgenommenen Turniere – die Quali nicht berücksichtigt, weil das statistisch unsinnig wäre, da man bei gewissen Turnieren automatisch qualifiziert war (v.a. frühere olympische Turniere, Kontinentalturniere teilweise, Mundialito (frühere Weltmeister) etc , bei anderen musst man sich mit vollem Einsatz qualifizieren. In den früheren Weltmeisterschaften waren z.B. auch die teuren Schiffspassagen oder die Bestrafung von Kriegsauslöser Deutschland 1950 für eine Nichtteilnahme ausschlaggebend.
      Es geht um die Bewertung von Wettbewerben mit Turniercharakter und wer sich in einer solchen Situation am effizientesten durchsetzen konnte.