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Türkei, wieso nur?

Von Philippe Zweifel, 8. Mai 2014 Kommentarfunktion geschlossen
Heute tritt die Schweiz im Song-Contest-Halbfinal an. Von welchen Ländern sind Punkte zu erhoffen? Ein historischer Datencheck zeigt Fans und Verächter der Schweizer ESC-Beiträge.
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Katzenjammer, Windmaschinen und ein Schweizer Beitrag, der heute von Sebalter präsentiert wird. So weit die Aussichten auf den Eurovison-Halbfinal. Und wie jedes Jahr, wenn wir sang- und klanglos ausgeschieden sind, wird das grosse Lamento losgehen: zweckentfremdete SRG-Gebühren! Sofortiger Rückzug aus dem Contest! Sind sowieso alle gegen uns!

Wirklich?

Ein Blick auf das Abstimmungsverhalten des Auslands zeigt Erstaunliches. Gefühlt bekommt die Schweiz ja von Deutschland am meisten Stimmen. Doch tatsächlich ist es Malta, das uns in den letzten zwanzig Jahren mit 51 die grösste Anzahl Punkte beschert hat. Spielt hier die Kleinstaatenverbundenheit eine Rolle?

Die folgende Grafik zeigt, wer uns in den letzten zwanzig Jahren freundlich oder eben unfreundlich gesinnt war. Zu sehen ist die addierte Anzahl Punkte, die ein Land seit 1993 an die ESC-Teilnehmer der Schweiz vergeben hat.

Eurovision Contest

 

Schaut man sich den gesamten Zeitraum seit der Contest-Lancierung im Jahr 1957 an, gibt es an der Spitze der Schweizfreunde einen Wechsel. Nun sind die Engländer die grössten Fans der Schweiz. Ein Schelm, wer nun denkt, dass dies am Hang zur Ironie und am schwarzen Humor der Inselbewohner liegen könnte:

Auffallend wenig Punkte bekamen wir in den letzten 60 Jahren von osteuropäischen Staaten. Notabene liegt dies nicht daran, dass diese erst in den 90ern entstanden sind – auch der Blick auf die letzten zwanzig Jahre zeigt, dass unsere Beiträge im Osten nicht gut ankommen. Das mag politische Gründe haben – oder ästhetische: Die Schweizer Künstler zeigen kaum nackte Haut.

Am wenigsten Punkte bekamen wir in den letzten zwanzig Jahren allerdings von der Türkei. Ausgerechnet dieses Land erhielt von der Schweiz aber am meisten Punkte überhaupt, wie folgende Tabelle zeigt:

Der scheinbare Widerspruch ist mit dem Diaspora-Effekt erklärbar. Weil die Länder nicht für sich selbst abstimmen können, spielen ausländische Minoritäten in einem anderen Land eine wichtige Rolle. So gereichen die vielen Türken in der Schweiz (und vor allem in Deutschland) ihrem Heimatland zu einem Startvorteil.

Der Diaspora-Effekt zeigt sich auch in der Schweiz anhand der albanischen Migranten. Albanien bekommt abgesehen von den benachbarten Ländern Griechenland und Mazedonien am meisten Punkte aus der Schweiz:

Ist ein Sieg beim ESC nur mit guten Freunden oder einer starken Diaspora im Ausland möglich? Nun, die Qualität eines Songs spielt schon auch eine Rolle, wie etwa der Sieg von einem «neutralen» Staat wie Deutschland im Jahr 2010 zeigt.

Doch Überraschungssieger sind selten; Teilnehmern aus solchen Staaten sei geraten, Songs mit einer positiven Nachricht zu präsentieren – solche haben statistisch gesehen mehr Chancen als traurige Lieder. Wie man eine solche Botschaft am besten verfasst, ist übrigens auch statistisch belegt. Folgende Word Cloud zeigt die am meisten verwendeten Wörter in «glücklichen» Siegersongs:

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PS: Im diesjährigen Schweizer Song «Hunting for Stars» kommen die Wörter «Evil», «Moody» und «Imperfection» vor. Aber vielleicht gibt es ja trotzdem ein paar Punkte von Malta.