Logo

In welchen Kantonen am meisten geschieden wird

Von Michèle Widmer, 7. Mai 2014 8 Kommentare »
Die Zahl der Scheidungen in der Schweiz sinkt – im letzten Jahr wurden 17'000 Ehen geschieden. Das sind 13 Prozent weniger als im Spitzenjahr 2010. Eine Trendwende?

Es war das Rekordjahr: 22’081 Paare wurden 2010 geschieden – so viel wie noch nie seit Messung der Scheidungszahlen im Jahr 1960. Vor 54 Jahren zeichnete sich ein ganz anderes Bild: Lediglich 4656 Paare trauten sich, ihr Ehegelübde aufzulösen.

Der Bruch in der Reihe der Scheidungsziffer im Jahr 2000 resultiert aus einer Gesetzesänderung. Seit 2010 gilt zudem eine neue Definition der ständigen Wohnbevölkerung.

Seit dem Spitzenjahr 2010 nimmt die Zahl der Scheidungen wieder ab – wenn auch minim. 17’000 Paare haben 2013 ihre Scheidungspapiere unterzeichnet. 2012 waren es noch 17’550, ein Jahr davor 17’566.

Guy Bodenmann, Psychologieprofessor an der Universität Zürich, tut sich schwer, von einer Trendwende zu sprechen. «Ehen und Partnerschaften sind noch genau gleich anfällig für Krisen und Trennungen wie vor einigen Jahren», sagt er. Die Abnahme sei noch zu wenig signifikant und von Erfassungsänderungen verzerrt.

Damit spricht der Eheforscher einen weiteren Systemwechsel im Jahr 2011 an: Seit damals beruht die Scheidungsstatistik nicht mehr direkt auf den Gerichtsurteilen, sondern auf Angaben des elektronischen Zivilstandregisters (Infostar). Zudem ist die Erfassung der Scheidung von zwei Personen, die beide nicht das Schweizer Bürgerrecht besitzen, seither nicht mehr obligatorisch. Dies führt zu einer geringeren Erfassung von Scheidungen.

Fakt ist aber: Zwischen 2011 und 2013 wurden die Zahlen auf ein und dieselbe Weise erfasst. Basierend auf diesen Angaben nimmt die Zahl der Scheidungsfälle ab.

Interessant bei folgender Grafik: Die Anzahl Heiraten blieb in den letzten 50 Jahren stabil. Im Jahr 1960 vermählten sich 41’574 Paare, im Jahr 2012 waren es sogar mehr: 42’654. Pro 1000 Einwohner haben die Heiraten aber abgenommen. Waren es 1960 7,8 Heiraten, so sank die Zahl 2012 auf 5,3 Vermählungen je 1000 Einwohner.

In der Schweiz variiert die Scheidungsziffer stark nach Regionen.

Spitzenreiter ist der Kanton Neuenburg. Hier trennten sich im Jahr 2012 pro tausend Einwohner 2,8 Paare. Etwas weniger waren es in Genf (2,6). Am wenigsten wird in ländlichen Regionen geschieden – allen voran Appenzell Innerrhoden (1,5) und der Kanton Uri (1,6).

Bodenmann begründet die hohe Scheidungszahl in Städten mit Anonymität. In grösseren Städten erregen Scheidungen keine besondere soziale Aufmerksamkeit, sagt er. Für den Fall Neuenburg mit rund 33’000 Einwohnern dürfte dieses Argument jedoch nicht gelten. Hier vermutet der Psychologe demografische Gründe. Die Zusammensetzung der Bevölkerung der Uhren- und Industriestadt könnte zu mehr Trennungen führen, sagt er.

Im Vergleich mit dem Ausland sind die Schweizer eher scheidungsfreudig, wie folgende Infografik des deutschen Versicherers Allianz zeigt:

Bildschirmfoto 2014-05-06 um 10.26.41

 

 

Die Hemmschwelle, sich scheiden zu lassen, ist in den letzten Jahren kleiner geworden, sagt Bodenmann. Dies habe mit entsprechenden Rollenvorbildern und dem aufgrund der Umstände grösseren Markt an potenziellen neuen Partnern zu tun. Doch letztlich liessen sich Paare nicht scheiden, weil es andere auch täten. Sondern weil es schwierig sei, eine Partnerschaft glücklich und auf Dauer zu führen.

Das Schweizer Heiratsmekka liegt in der Ostschweiz

Uzwil ist die Heiratshauptstadt der Schweiz. Das zeigen neue Zahlen des Schweizerischen Städteverbandes, die der «SonntagsZeitung» vorliegen. 48 Prozent der Uzwilerinnen und Uzwiler sind verheiratet. Damit verweist die St. Galler Gemeinde mit knapp 13’000 Einwohnern Spreitenbach und Oberwil BL auf die Plätze. Am wenigsten Verheiratete leben anteilsmässig in Bern, gefolgt von Zürich und Lausanne. Generell fühlen sich die Ehepaare in den kleinen Städten wohl, die Grossstädte mit über 100’000 Einwohner sind hingegen Single-Hochburgen.

Grosse Unterschiede bei der Wohnsitzwahl gibt es auch bei den Geschiedenen. Anteilsmässig am meisten Geschiedene leben in Nidau BE (10,81 Prozent), gefolgt von Biel (10,78 Prozent) und Grenchen SO (10,69 Prozent). Am wenigsten Geschiedene leben in Altdorf UR (5,49 Prozent), Appenzell (5,65 Prozent) und Sursee LU (5,82 Prozent). Damit ist ein geografisches Muster erkennbar: Viele Geschiedene zieht es an den Jurasüdfuss. Für den emeritierten Soziologieprofessor François Höpflinger ist das kein Zufall: «Eine Scheidung ist finanziell in der Regel ein schwerer Schlag für die Betroffenen. Deshalb ziehen Geschiedene oft in Städte mit günstigem Wohnraum», sagt er.

8 Kommentare zu “In welchen Kantonen am meisten geschieden wird”

  1. Ernst Bucher sagt:

    Ich denke die rückläufigen Scheidungsziffern haben auch etwas damit zu tun, dass weniger Ehen geschlossen werden, und das Auseinandergehen der Konkubinatspaare nicht als Scheidung registriert wird.. Kein Grund zu früh zu frohlocken, dass dieses Uebel für Kinder rückläufig ist.

  2. Studentin sagt:

    Zu beachten wäre auch die Frage nach dem religiösen Wertehimtergrund, gerade im Hinblick auf die Quoten der anderen europäischen Länder z.B. das stark katholisch geprägte Italien.

    • Marcel Senn sagt:

      Das fast noch katholischere Irland kommt sogar nur auf 15% – also 10% weniger als Italien mit 25%.
      .
      Nur frage ich mich dann, wieso das ebenso katholische Spanien 61% hat. Portugal ist leider nicht aufgeführt. Auch das katholische Frankreich kommt auf 55%.
      .
      Sehr stringent ist diese Theorie nicht – vorwiegend katholisch gleich weniger Scheidungen

  3. Marcel Senn sagt:

    Ist ja logisch, wenn prozentual zur Gesamtbevölkerung immer weniger geheiratet wird, dann muss nachher auch weniger geschieden werden.
    Immer mehr v.a. Männer erkennen, dass eine Heirat ein Vertrag ist, bei dem sie viel verlieren können, wenns schief läuft – nachher jahrzehntelang auf dem Existenzminimum zu leben sind nicht wirklich rosige Zukunftsaussichten. Und die Frauen werden finanziell immer unabhängiger, viele wollen auch keine Kinder mehr — wozu also noch heiraten?

  4. Nicolas Pidoula sagt:

    Die Frage wäre interessant: Wie viele Scheidungen sind Schein- oder Zweckehen um Asyl, Bürgerrecht oder Ähnliches zu erhalten? Gibt es dazu Statistiken? Bei Genf scheint es ziemlich auf der Hand zu liegen. Basel vermute ich ebenfalls. Zürich…vielleicht…

  5. Max Bader sagt:

    Die Schweiz hat auch eine der höchsten Eheschliessungsquote dieser Länder. Das könnte ein Hinweis sein, dass hier vorschnell Ehen geschlossen werden, die nicht so stabil sind und wo man anderswo genauer hinschaut. Z.B. haben Kroatien, Italien und Irland sehr tiefe Eheschliessungsquoten. Das könnte damit zusammenhängen, dass man dort genauer den Partner zuerst “erpropt”, aber dann die Ehe seriös nimmt.
    Zu untersuchen wäre auch, ob die finanzielle Heiratsstrafe einen Einfluss hat oder auch die vielen binationalen Ehen, die geschlossen werden, bevor das Zusammenleben überhaupt gelernt wurde.

  6. Rudi Buchmann sagt:

    Ich dachte immer, die höchsten Scheidungsraten gäbe es in Skandinavien, insbesondere in Norwegen. Aber von diesen Ländern ist nichts erwähnt.

    • Ernst Bucher sagt:

      Soweit mir bekannt ist die Scheidungsrate am höchsten im Slicon valley in Kalifornien, bei 72 % aller geschlossenen Ehen. Grund sind die hohen Einkommen von Mann und Frau und die Migrationsfreudigkeit. Selten bleibt jemand länger als 5-6 Jahre auch mit einem guten Job. Aber das ist eben der vielgerühmte American way of Life!!