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Ein zweiter Blick auf die Lohndaten

Von Simon Schmid, 28. April 2014 10 Kommentare »
Ungebildete, Zentralschweizer und Ausländer haben in den Jahren 2008 bis 2012 am meisten von steigenden Löhnen profitiert. Wie dies mit dem Bild der immer unfaireren Arbeitswelt zusammenpasst.

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Jede Statistik zählt: Abstimmungsplakate in Luzern. Bild: Keystone

Die Lohnschere hat sich weiter geöffnet – diesen Schluss legen neue Zahlen nahe, die der Bund heute veröffentlicht hat. Dabei handelt es sich um die Daten aus der Lohnstrukturerhebung, die alle zwei Jahre durchgeführt wird und neu das Jahr 2012 abdeckt. Mit 1,2 Millionen befragten Arbeitstätigen ist dies eine der wichtigsten Erhebungen zur Schweizer Arbeitswelt.

Wie die Autoren im Informationsmaterial zur Studie hervorheben, haben sich die Unterschiede zwischen Tieflöhnern und Topverdienern in den letzten zehn Jahren vergrössert. Die am schlechtesten bezahlten zehn Prozent der Arbeitskräfte verzeichneten zwischen 2002 und 2012 einen Lohnanstieg von 9,5 Prozent – die am besten bezahlten zehn Prozent der Arbeitnehmer legten um 22,5 Prozent zu. Eine Ungerechtigkeit, würde man meinen.

Was die Bildungsstatistik aussagt

Wird unsere Arbeitswelt wirklich immer unfairer? Auf den zweiten Blick zeigt sich, dass der Fall nicht ganz so klar ist. Dies zeigt etwa die Auswertung nach Bildungsniveaus. Verglichen werden hier jeweils die Medianwerte, also die Daten zu jener Person in der Mitte der jeweiligen Lohnverteilung (das heisst, jene Person, die an Position fünfzig stehen würde, wenn man hundert Arbeitnehmer der Lohnhöhe nach aufreihen würde).

Wer über einen Universitätsabschluss verfügt, verdient zwar gegenwärtig über doppelt so viel wie jemand, der gar keine abgeschlossene Berufsbildung vorzuweisen hat. Seit 2008 haben sich die Unterschiede aber verringert. Der Lohn von Personen ohne abgeschlossene Berufausbildung stieg innert vier Jahren nämlich um fünf Prozent. Derweil stagnierten die Akademikerlöhne, der Zuwachs betrug hier nur 0,6 Prozent. Auch für Arbeitnehmer mit Berufs- und Fachschulabschluss waren die Jahre 2008 bis 2012 nicht die schlechtesten, wie die Tabelle zeigt.

Innerhalb der einzelnen Bildungskategorien zeigt sich keine dramatische Öffnung der Lohnschere. Es gab auch konträre Entwicklungen, beispielsweise unter den Arbeitskräften mit höherer Berufsausbildung: Hier stieg der Lohn jener Person an der Grenze vom ersten zum zweiten Einkommensviertel («unteres Quartil») um 6,2 Prozent. Das sind mehr als die 5,4 Prozent, um die der Lohn jener Person an der Grenze vom dritten zum vierten Einkommensviertel («oberes Quartil») wuchs.

Den Vergleich dieser Quartilsgrenzen könnte man etwas salopp auch als «Top 25» versus «Tiefste 25» bezeichnen. Dass die Top 25 (+8,8 Prozent Lohn) gegenüber den Bottom 25 (+4,3 Prozent Lohn) insgesamt doch eine vorteilhaftere Lohnentwicklung verzeichneten, ist also nicht zwingend Ausdruck einer gestiegenen «Unfairness» – sondern hat auch damit zu tun, dass sich die Arbeitskräfte in der Tendenz immer besser bilden und somit in eine besser bezahlte Bildungskategorie wechseln.

B-Ausländer im Aufwind

Ein ähnliches Muster ergibt auch die Auswertung nach Nationalitäten. Schweizer stehen hier an der Spitze: Sie verdienten 2012 am meisten, vor den Grenzgängern, Niedergelassenen mit Bewilligung C, Aufenthaltern mit Bewilligung B und Kurzaufenthaltern mit Bewilligung L.

Es gab allerdings Aufholeffekte. Im Vergleich zu den Schweizern holten die Ausländer mit den Bewilligungstypen L, B und C lohnmässig auf. Sowohl die Bottom-25-Person, als auch der Medianlohnempfänger und auch die Top-25-Person aus diesen Kategorien verzeichneten zwischen 2008 und 2012 ein höheres Lohnwachstum als Arbeitnehmer mit Schweizer Pass.

Nur das Tessin fällt ab

Unter den Regionen hatte Zürich im Jahr 2012 die Nase vorn: Hier verdiente der Medianlohnempfänger brutto 6451 Franken im Monat. Das sind 700 Franken mehr als in der Ostschweiz und fast 1500 Franken mehr als im Tessin.

Im Zeitraum von 2008 bis 2012 verzeichneten aber praktisch alle Grossregionen ein höheres Lohnwachstum als Zürich. In der ganzen Deutschschweiz rückte das Lohngefüge geographisch näher zusammen. Besonders stark stiegen die Saläre in der Zentralschweiz und im Mittelland.

Einzig das Tessin koppelte sich in den vergangenen vier Jahren vom Rest des Landes ab. Die Daten zeigen somit, dass das Tessin in der Diskussion um die Mindestlohninitiative zu Recht einen Sonderstatus einnimmt: Der Kanton entwickelt sich nicht nur als Ganzer unterdurchschnittlich, sondern zeigt gerade beim schwächsten Einkommensviertel eine besorgniserregende Stagnation.

10 Kommentare zu “Ein zweiter Blick auf die Lohndaten”

  1. Linus Huber sagt:

    Interessant wäre eine Untersuchung, welche über die Entwicklung der letzten 2 Jahrzehnte zwischen durch Steuern finanzierten Gehältern und den Gehältern innerhalb der Wirtschaft einen Vergleich anstellt, denn die ersteren sind nur bedingt etwelchen Marktkräften ausgesetzt.

    • Daniel Caduff sagt:

      Ich vermute, Ihr Kommentar zielt darauf ab, die “faulen Beamten” zu diskreditieren. Ihre Überlegung ist aber falsch. Die meisten durch Steuern finanzierten Gehälter sind keine Verwaltungsmitarbeiter, sondern z.B. Polizisten, Lehrer, Angestellte von öffentlichen Spitälern, etc. Dazu kommen jede Menge Spezialisten, wie z.B. Informatiker, die bei Bund, Kantonen und Gemeinden arbeiten. Selbstverständlich spielt in diesem Bereich ein Markt. Bei diesen Mitarbeitenden handelt es sich um gesuchte Arbeitnehmer (in vielen Kantonen herrscht eklatanter Mangel an den genannten Fachkräften). Entsprechend wäre es überraschend, wenn die Löhne dieser Angestellten NICHT gestiegen wären. Angebot und Nachfrage.

      • Josef Marti sagt:

        Vergessen Sie nicht den ganzen Justizvollzug und insbes. die dank Bevölkerungswachstumg aus allen Nähten platzenden Gefängnisse und Anstalten, das ist künftig neben dem Gesundheitswesen die Boombranche schlechthin. Diese hat auch wie in den USA vorgemacht grosses Potential für künftige Privatisierungsübungen. Wenn es damit nicht klappt und das Budget gekürzt wird dann wirft man die Psychiatriepatienten einfach raus, drückt ihnen ein Busbillet in die Hand und setzt sie in den nächsten Bus.

      • Linus Huber sagt:

        @ Daniel Caduff

        “Ich vermute, Ihr Kommentar zielt darauf ab, die “faulen Beamten” zu diskreditieren.”

        Es geht mir nie um einzelne Personen, welche natürlich sich allem voran um ihre persönliche Zukunftsabsicherung kümmern. Es geht darum, die krebsartig wachsende Bürokratie zu erkennen, welche unter dem Strich keinen Betrag zum allgemeinen Wohlstand der Bevölkerung beiträgt.

        In jedem Unternehmen werden immer wieder Abteilungen aus wirtschaftlichen Gründen geschlossen oder aufgelöst. Zählen Sie mir bitte einmal auf, welche Programme je gestrichen wurden und welche Abteilungen in der Regierung ersatzlos gestrichen wurde. In einer solch grossen Organisation, wie der Staat dies darstellt, sollten solche Bereinigungen jährlich in diesem oder jenem Department an der Tagesordnung stehen. Ebenfalls rede ich hier nicht einzig von der Schweiz, sondern um einen weltweiten Trend inkl. internationaler Organisationen politischer Natur, welche ebenfalls durch Steuergeld finanziert werden. Wollen Sie mir wirklich weiss machen wollen, dass sich diese Bürokraten nicht um ihr persönlich Wohlbefinden kümmern und irgendwie eine Art Übermenschen darstellen, welche das Wohl der Gesellschaft über ihr eignes Wohl stellen?

        Und ja, das Wachstum der Bürokratie hat sehr wohl mit den offerierten Anreizen zu tun.

    • Ben Zibble sagt:

      So richtig interessant ist die Entwicklung bei den Standardlöhnen und den Vergütungen der CEO’s dieser Welt. War die Relation in den USA in den 80′ Jahren bei bereits grosszügigen 1:46 so liegt diese heute bei völlig pathologischen 1:332… oder anders Ausgedrückt, ein Lohnempfänger muss immer mehr Leben arbeiten um auf den Jahreslohn eines CEO’s zu kommen… Man spricht dabei immer von Marktgerechter Vergügung, doch in den Verträgen der CEO’s ist jedes nur erdenkliche Detail reguliert… von Freiheit keine Rede und liberal ist das ganze ebenfalls nicht.
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      So deor so ist die Mär von liberalisierung eine Mär… den heute wird mehr verbindlich geregelt als jemals zuvor. Wie detailiert und verbindlich alles besprochen und reguleirt wird kann man in den Unterlagen zu den handelsverträgen auf der Homepage des Bundes einsehen… spannend etwa die aktuelle Verträge zu den Abkommen über den Handel mit Dienstleistungen (TISA – Trade in Services Agreement)

      Was da von den Aussenministern und Handelsdelegationen alles besprochen und geregelt wird… nur bei den Löhnen, Sozialleistungen soll aufeinmal alles unverbindlich, unbesprochen, unreguiert bleiben weil da der Markt am besten Entscheidet?

  2. Martin Frey sagt:

    Ein wohltuend sachlicher, differenzierter second look auf die reale Entwicklung in der Schweiz, die v.a. auch Ausdruck der breiten Chancenmöglichkeiten sowie der ausgesprochen hohen sozialen Mobilität ist, welche die Berufswelt in unserem Land auszeichnen. Allen Leuten mit der gebetsmühlenartigen Repetition des ewiggleichen Mantras der sozialen Schere, die sich angeblich immer mehr auftue, ist ein solcher second look dringend zu empfehlen. Sofern man an Fakten und nicht an undifferenziertem Marktgeschrei interessiert ist.

  3. Schar sagt:

    Die Initiative wird leider nicht viel bringen ausser einige Firmen in Bedrängnis. Zusätzliche Massnahmen fehlen. Die Wirtschaft bzw. die Unternehmen sind aber selberschuld. Während Jahren haben sie Gewinne eingefahren und zu günstigen Bedingungen Menschen angestellt. Und das im Hoch-Preis-Land Schweiz. Die Initiative muss und soll daher angenommen werden, denn es ist Zeit, ein Zeichnen zu setzen. Die Angstmache wegen höherer Arbeitslosigkeit ist feige. Es wird keine höhere Arbeitslosigkeit geben deswegen. Der Druck auf Unternehmen wird steigen, sollten sie tatsächlich mit Entlassungswellen drohnen bzw. diese umsetzen. Bei dieser Abstimmung erwarte ich von den Initianten insbesondere der Sozialisten in diesem Land, dass entlich eine Kampagne gefahren wird damit diese Abstimmung durchkommt.

  4. Ben Zibble sagt:

    Interessant wie in einem Artikel alle Argumente der Gegner der Mindestlohnidee ihr Recht bekommen. Böse auch das einmal mehr ein paar Gruppen gegen andere ausgespielt werden, in diesem Fall Ungebildete, Zentralschweizer, Ausländer… sind genau die Gruppen die sich bereits im Vorfeld es Abstimmungskampfes gegenseitig an die Beine treten… bei anderen Themen ist man sich dann nicht zu schade Rentner gegen Junge gegeneinander anzusetzen. es ist dies ein typsicher Aspekt einer Politik die gerne Teilt und Aufhetzt anstatt integriert und gleichbehandelt mitnimmt.
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    Es geht kein Ruck durch das Land in dem etwa jemand in Verantwortung zusammen mit anderen mal auf die Bühne steht und allen mitteilt das die Sache mit dem Mindestlohn eine gute faire Sache ist und man keine Probleme damit haben wird. Man könne und wolle dies gemeinsam anpacken und zu einem guten Ende bringen. Anstatt dessen druckst man herum, teilt und herrscht, sprüht Giftpfeile in alle Richtungen und Pflegt eine Welt des Geizes wärend parallel dazu die Profite Urständ feiern..
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    Die meisten Stellen die in den letzten 15 jahren geschaffen wurden sind im prekären, Tiefslohn, Arbeit auf Abruf, Temporärsektor zu finden und nicht bei den gut Qualifizierten wie man uns immer erzählt. Die fehlenden Tiefstlöhner holt man konsequent aus dem Ausland um diese nach kurzer Zeit zu ersetzen. Praktisch dabei ist, das diese Gruppe prekär beschäftigter sehr viel weniger als den Mindestlohn erhalten und damit auch die heimischen Tiefstlöhner mit runter reissen. Dieses schmutzige Spiel ist nicht neu. Wie das genau geht kann man seit Jahrzehnten an der US Mexiko Grenze sehen wo sich ein permanentes Heer von armen Wanderarbeitern um mieseste Jobs reisst mit denen auch die US Amerikaner leben müssen. Die gleiche Strategie der prekären Wanderarbeiter hat man auch in Europa eingeführt…
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    Mindestlöhne, auch wenn diese immer möglichst lausig daherkommen, würden den Kampf um immer miesere Löhne dort in den prekarisierten Bereichen verhindern. Der angestrebte Mindestlohn von 16 $ in den USA müsste Preisbereinigt heute bei 28$ liegen und der Mindestlohn in der Schweiz bei ca. 34 Sfr.

  5. Ronnie König sagt:

    Diese Daten sind schön und gut. Leider geht nichts daraus wirklich hervor was nicht schon früher im Kern bekannt war, in praktisch jedem Land der Welt fast genau so ist und bekannt, denn auch in Afrika gilts. Je höher die Bildung desto besser der Lohn! Nun mein Einwand. Maschinen und Rechner machen jedoch hier als wie mehr einen Strich durch diese Rechnung. Dazu liefert die obige Datensammlung und Analyse nichts! Blackbox pur! Es existiert kein Konzept, wie die Menschen auf Dauer aufgefangen werden die aus dem Arbeitsprozess ausscheiden trotz guter oder gar bester Qualifikation. Man kommt also mit schönen Statistiken daher und lässt die schleichende gegenteilige Entwicklung aussen vor, macht kurzfristike polemische Politik. Dies wird sich gesellschaftlich, aber auch politisch bitter rächen. Und zwingt letztlich zu einem Grundeinkommen, oder die Wirtschaft erledigt sich selber, gefolgt von der traditionellen Politik. Wer will das, wem nützt das? Diese Fragen stelle ich seit einigen Jahren, aber niemand hat vernünftige Antworten, aber viele abgelutschte Parolen und hinkende Vorschläge. Das ist ein er der Grundsteine für das Ende des uns bekannten Sozail- und Wirtschaftsleben, vielleicht das Ende der Demokratie, des Kapitalismus.

    • Josef Marti sagt:

      Die Marktwirtschaft lässt sich nur retten, wenn die Wirtschaft bereit ist auch die Ü50 im Arbeitsprozess zu integrieren, das haben einige Exponenten bereits gemerkt, weil sonst die Forderung nach Rente erst mit 70 nicht haltbar ist. Andernfalls müssten Zwangskontingente für +50 eingeführt werden. Die Wirtschaft fürchtet sich auch vor dem bevorstehenden Binnenmarkteinbruch wegen der wegbrechenden Golden Generation, deshalb würde man das Rentenalter am liebsten ganz abschaffen. Die künftigen Rentner werden nämlich infolge sich auftürmender Deckungslücken in der 2. Säule (Umwandlungssatz und Zins tendieren gegen Null) massiv tiefere Renten bekommen und der Konsum wird zusammenbrechen, und man wird sich wieder mit Altersarmut befassen müssen.
      In D ist das noch krasser, dort feiert man die Beschäftigungszunahme im prekären Sektor und blendet aus, dass man sich ein Heer von pensionierten Sozialhilfebezügern heranzüchtet; nach mir die Sintflut.