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Das Weltkulturerbe geht baden

Von Joachim Laukenmann, 6. April 2014 Kommentarfunktion geschlossen
Durch die Erderwärmung schwellen die Weltmeere an und verschlucken zahlreiche Meisterwerke der menschlichen Kultur. Alle bedrohten Orte auf einer Karte.
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Freiheitsstatue, New York, USA: Teiluntergang bei Erwärmung um 1,9 °C (Ungenauigkeit: ±0,6 °C). (Getty Images)

Wasserknappheit, Ernteeinbussen, Ozeanversauerung, Gesundheitsrisiken und Extremniederschläge – das sind nur einige der Folgen, die der Klimawandel gemäss dem diese Woche vorgestellten Weltklimabericht mit sich bringt. Während einige Konsequenzen wie etwa das Artensterben und drohende Klimakriege noch sehr vage sind, hat der Weltklimarat in einem Punkt sehr grosses Vertrauen in die Prognosen: beim Meeresspiegelanstieg.

Abschmelzende Gletscher, ein Rückgang der Eisschilde Grönlands und der Antarktis sowie die wärmebedingte Ausdehnung des Meerwassers lassen die Ozeane anschwellen. Das erodiert die Küsten und birgt ein beachtliches Risiko für Überflutungen. Hunderte Millionen Küstenbewohner könnten noch in diesem Jahrhundert ihre Heimat verlieren.

Auch einem Teil des Weltkulturerbes droht der Untergang. Wie Klimaforscher in den Environmental Research Letters schreiben, sind langfristig 150 der aktuell 759 Unesco-Kulturdenkmäler vom Meeresspiegelanstieg bedroht – von der Freiheitsstatue in New York über den Tower of London bis zur Oper in Sydney.

Bei ihren Berechnungen blickten die Forscher weiter in die Zukunft als gemeinhin üblich. Denn die schützenswerten Meisterwerke der menschlichen Kultur sind oft Hunderte, wenn nicht Tausende Jahre alt und könnten meist noch weitere Jahrtausende überdauern. Ben Marzeion von der Universität Innsbruck und Anders Levermann vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung bestimmten daher für verschiedene Grade der Erderwärmung den zugehörigen Meeresspiegelanstieg im Lauf der nächsten 2000 Jahre.

Es mag anmassend erscheinen, den Anstieg des Meeresspiegels über einen so langen Zeitraum vorherzusagen. Doch die Forscher machen keine Klimaprognose. Die würde stark davon abhängen, wie viele Treibhausgase die Menschheit noch in die Atmosphäre bläst. Und wer weiss das schon. Vielmehr setzen die Forscher eine Erwärmung zwischen null und fünf Grad gegenüber vorindustrieller Zeit als gegeben voraus und berechneten, welcher Meeresspiegelanstieg damit verknüpft ist.

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Piazza Del Duomo in Pisa, Italien: Teiluntergang bei Erwärmung um 0,5 °C (Ungenauigkeit: ±0,6 °C). (Getty Images)

Dabei kommt ihnen die lange Zeitskala sogar entgegen. Denn bis in 2000 Jahren haben sich ­diverse Prozesse wie das Abschmelzen des Eisschilds von Grönland an die neue Erdtemperatur angepasst. Schwierig vorherzusagen ist in erster Linie der Übergang vom heutigen Klima in eines, das zwei, drei oder vier Grad wärmer ist. Ein Klima, das schon viele Jahrhunderte auf ­einem höheren Temperatur­niveau verharrt, befindet sich hingegen in einem Gleichgewicht, und der zugehörige Ozeanpegel lässt sich dann viel besser abschätzen. Der grösste Unsicherheitsfaktor in den Prognosen ist dann die genaue Eismenge von Grönland und der Antarktis, die bei der jeweiligen Erwärmung langfristig schmilzt.

Bereits bei der gegenwärtig erreichten Erderwärmung von rund 0,8 Grad gegenüber vorindustrieller Zeit, so das Resultat der Studie, sind langfristig 40 Kulturstätten vom teilweisen Untergang bedroht. Dazu gehören Venedig, die Piazza del Duomo in Pisa und die Altstadt von Dubrovnik in Kroatien.

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Sydney Opera House, Australien: Teiluntergang bei Erwärmung um 2,1 °C (Ungenauigkeit: ±0,5 °C). (Getty Images)

Dass diese Stätten heute noch nicht unter dem Meeresspiegel liegen, hat mit der Trägheit des Klimasystems zu tun: Der Meeresspiegelanstieg hinkt der globalen Erwärmung Jahrhunderte hinterher. Schliesslich braucht es seine Zeit, bis die Eismassen schmelzen. Auch vergehen Jahrhunderte, bis das Meerwasser die Wärme aus der Atmosphäre aufgenommen hat. Das bedeutet, dass der Meeresspiegel selbst dann noch ansteigen wird, wenn sich die Atmosphäre nicht mehr nennenswert erwärmt.

Steigt die globale Temperatur um drei Grad, ist langfristig rund ein Fünftel des Kulturerbes betroffen: 136  Standorte würden unter dem Meeresspiegel liegen. Erwärmt sich die Erde gar um etwas mehr als vier Grad, was beim gegenwärtigen CO2-Ausstoss durchaus realistisch ist, sind 150 Stätten des Weltkulturerbes vom Teiluntergang bedroht. Bei einer globalen Erwärmung um rund fünf Grad würden 109 dieser Zeugnisse der menschlichen Kultur mehr als fünf Meter unter den Meeresspiegel abtauchen. Dabei haben die Forscher Gebiete gar nicht berücksichtigt, die heute schon unter null Meter liegen. Und es kommt hinzu, dass Gezeitenschwankungen und Sturmfluten Welterbestätten bereits beschädigen können, lange bevor diese im Meer versinken.

Weitere Informationen zum Thema in der aktuellen SonntagsZeitung.

Damit die Prognosen zuverlässig sind, berücksichtigten die Forscher auch regionale Unterschiede beim Meeresspiegelanstieg. Schmilzt zum Beispiel die Eismasse auf Grönland ab, hebt sich einerseits die Landmasse in der Region wegen der Entlastung etwas an. Andererseits kommt wie bei Ebbe und Flut die Gravitation zum Tragen. So wie der Mond mal mehr mal weniger stark am Meer zupft, tut das auch die Eismasse. Taut diese von Grönland ab, wird das Meerwasser von Grönland weniger stark angezogen und weicht ein wenig zurück. Das Meerwasser wird also rund um den Planeten verschoben. Den auf diese Weise für jede Weltregion und für verschiedene globale Temperaturen ermittelten Meeresspiegelanstieg verglichen die Forscher mit den Standorten des Weltkulturerbes.

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Historisches Zentrum von Brügge, Belgien: Teiluntergang bei Erwärmung um 1,8 °C (Ungenauigkeit: ±0,6 °C). (Getty Images)

Natürlich geht es den Forschern nicht nur um das kulturelle Erbe der Menschheit, sondern auch um die betroffenen Menschen. Bei einer Erwärmung um drei Grad, so ein Resultat der Studie, könnten bis zu zwölf Länder mehr als die Hälfte ihrer derzeitigen Landfläche verlieren. Sieben Prozent der heutigen Weltbevölkerung lebt derzeit in Regionen, die bei einer Erwärmung um drei Grad langfristig unter dem Meeresspiegel liegen werden.

Wird der Klimawandel also nicht begrenzt, müssen Archäologen und Touristen einen erheblichen Teil unseres kulturellen Erbes künftig mit Taucherbrille und Druckluftflasche besuchen.