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Die Wahrheit über den Stadt-Land-Graben

Von DB, 31. März 2014 21 Kommentare »
Ein Vergleich von Europa-Abstimmungen der letzten 14 Jahre zeigt: Die neuen Grabenkämpfe finden in den Vororten statt. Die tektonischen Verschiebungen der Politlandschaft in einer 3-D-Grafik.
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Die konservative Landbevölkerung habe die progressiven Städte überstimmt. Das knappe Ja zur SVP-Initiative sei ein Sieg der «Geranien-Schweiz». Die Zustimmung komme von dort, wo das Problem am kleinsten ist – aus der Provinz. So und ähnlich tönte es tagelang nach dem knappen Ja zur Initiative gegen Masseneinwanderung.

Doch diese Erklärung genügt nicht. Die Zustimmung war tatsächlich in ländlichen Gebieten besonders hoch. Bloss: Das war sie schon seit eh und je – gereicht hat das aber noch nie.

Wie soll man das darstellen?

Der Politologe Claude Longchamp wies schon kurz nach der Abstimmung darauf hin, dass die überraschende Wende nicht auf dem Land, sondern in den Agglomerationen zustande gekommen war. Seither nutzt er jede Gelegenheit, auf die Bedeutung und die Entwicklungen in den verstädterten Ballungsgebieten hinzuweisen. Etwas überspitzt könnte man sagen: Die Kernstädte verharren in ihrem romantischen Internationalismus, die ländlichen Gebiete in ihrer trotzigen Ablehnung jeglicher Öffnung, und in den Agglomerationen sind politische Verschiebungen grösseren Ausmasses im Gang.

Bloss: Wie soll man das einleuchtend darstellen? Hierzulande werden Abstimmungsresultate meistens auf Karten dargestellt, auf denen Gebiete mit Ja-Mehrheiten grün und solche mit Nein-Mehrheiten rot dargestellt sind. Der Nachteil dieser Karten besteht darin, dass sie optisch den flächenstarken, aber schwach bevölkerten Gebieten ein viel zu grosses Gewicht geben. Bei der Analyse der Abstimmungsresultate haben wir deshalb nicht auf die prozentualen Mehrheiten, sondern auf die absoluten Stimmenzahlen abgestellt.

In absoluten Zahlen haben am 21. Mai 2000 anderthalb Millionen Leute für die Bilateralen gestimmt. 730’000 waren dagegen. Bei der Masseneinwanderungsinitiative Anfang Februar gingen 680’000 Menschen mehr an die Urne. Hätten sie sich gleichmässig auf die beiden Lager für und gegen die europapolitische Annäherung verteilt, wäre die Initiative mit 1,85 Millionen gegen 1,1 Millionen Stimmen abgelehnt worden. Stattdessen wuchs das gegnerische Lager um das Doppelte an und das EU-freundliche Lager verlor im Durchschnitt fünf Prozent der Stimmen. Daraus resultierte das Patt bei je etwas weniger als anderthalb Millionen Stimmen – mit leichtem Vorteil für die Initiative.

 

Diese Grafik basiert auf einer komplexen Technologie. Deshalb kann sie auf Mobile-Geräten und auf älteren Browsern nicht vollständig angezeigt werden. Sie funktioniert am besten auf Desktop-Computern in den aktuellen Browsern von Chrome und Firefox.

Der Widerstand gegen die Personenfreizügigkeit hat das ganze Land geflutet. Praktisch überall wuchs er an. In den Hochburgen der EU-Gegner führte dies zu deutlichen Mehrheiten, weil ihr Grundstock seit jeher gross war. Am meisten nahm ihre Zahl aber in den grossen Agglomerationen des Mittellandes zu. Besonders krass ist das Beispiel der Agglomeration Biel, die sich im Jahr 2000 mit Dreiviertel-Mehr für die Bilateralen aussprach und in der am 9. Februar noch ganze 100 Stimmen verhinderten, dass die SVP-Initiative eine Mehrheit erobern konnte. Stark war der Zuwachs auch in der Romandie. Der bei der EWR-Abstimmung tiefe Röstigraben ging nur vermeintlich wieder auf. In Wirklichkeit ebnete er sich zwischenzeitlich eher ein.

Allgemeingültige Thesen lassen sich aus den nackten Zahlen kaum ableiten. Die höhere Mobilisierung scheint eher der SVP genützt zu haben, aber in Belp, wo sie sehr hoch war, und in Bern, wo sie ebenfalls hoch war, legten gegen den allgemeinen Trend die EU-Befürworter ebenfalls deutlich zu. In Basel und Genf, wo sie tief war, legten die Gegner unterdurchschnittlich zu und die Befürworter verloren weit überdurchschnittlich viele Stimmen. Die grösseren Kernstädte waren unter dem Strich alle deutlich gegen die Initiative, aber sie standen mit dieser Haltung in mehr oder weniger krassem Gegensatz zu ihren Vororten. In der Agglomeration Zürich resultierte ohne die Kernstadt ein Ja zur SVP-Initiative, mit ihr ein Nein.

Gemeinden verlieren an Europafreunden

Bei den kleinen Gemeinden sind die Differenzen in alle Richtungen naturgemäss riesig, weil hier schon der Zuzug oder Wegzug weniger Leute die Proportionen ändern kann. Betrachtet man lediglich die 500 grössten Gemeinden in Bezug auf den Stimmungswandel seit dem Jahr 2000, tauchen auffallend viele vom Jurasüdfuss zwischen Grenchen und Biel auf. Aber auch Payerne in der Waadt oder Spreitenbach AG liegen im vordersten Teil der Rangliste.

Ein Zusammenhang, wenn auch kein durchgehender, scheint mit dem Ausländeranteil in den Gemeinden zu bestehen. Ein interessantes Beispiel ist dafür die Stadt Solothurn, die so eng begrenzt ist, dass sie die Ausländerthematik zum allergrössten Teil in die Agglomeration ausgelagert hat. In der idyllischen Altstadt mit ihren eher gut situierten Bewohnern legte das proeuropäische Lager gegenüber 2000 sogar noch mehr zu als die Gegner – als einzige der 100 grössten Schweizer Gemeinden wies sie eine Differenz zugunsten der Initiativgegner aus. In ihren südlichen Nachbargemeinden in der traditionell sozialdemokratisch dominierten Industriezone resultierte das Gegenteil. Dort stimmten Gemeinden wie Zuchwil, Derendingen und Gerlafingen der Initiative mit Anteilen von 51 bis 63 Prozent zu, die 14 Jahre zuvor den Bilateralen mit drei Vierteln bis zwei Dritteln zugestimmt hatten.

Systematischer Vergleich mit dem sozialen Status

Auffällig ist in diesen Gemeinden, dass nicht in erster Linie das europakritische Lager Zulauf erhielt, sondern das europafreundliche zwischen 17 und 27 Prozent an Unterstützung verlor. Ähnlich das Bild in anderen Gemeinden mit hohem Ausländeranteil: in Dietikon, Kloten, Muttenz, Pratteln und Emmen. Weniger die Gegner legten zu als die EU-Befürworter überdurchschnittlich an Terrain verloren. Aber es gibt auch Ausnahmen: Kreuzlingen, mit rekordhohem Ausländeranteil von 60 Prozent, hatte nur unterdurchschnittliche Verschiebungen und lehnte die Initiative – wenn auch knapp – ab. Ziemlich aus der Reihe schlagen auch die Walliser Dörfer Fully und Chamoson, in denen die Mehrheit gegen die Masseneinwanderungsinitiative grösser war als die seinerzeitige Mehrheit für die Bilateralen. In der Gegend um Martigny war der Stimmungswandel offenbar besonders gering.

Die Gemeinderesultate könnten noch vertieft auf mögliche Zusammenhänge mit der Demografie untersucht werden. Interessant wäre vermutlich ein systematischer Vergleich mit dem sozialen Status, dem Ausländeranteil, dem Wähleranteil der Parteien oder der Bautätigkeit. Was die Analyse der Berner Zeitung sicher schon einmal gezeigt hat, ist, dass die entscheidenden Verschiebungen seit 2000 nicht in der «Geranien-Schweiz», sondern den Agglomerationen stattgefunden haben.

Nach Definition des Bundesamts für Statistik leben drei Viertel der Schweizer Bevölkerung in diesen städtisch orientierten Ballungsgebieten. Und selbst beim verbleibenden Viertel Provinz muss relativiert werden: Die knorrige Kuhglocken-Eidgenossenschaft gibt es vor allem noch im Politmarketing der SVP. In der hoch entwickelten Schweiz haben auch Bauernhäuser Breitbandinternet, zwei Autos vor der Tür und Embryotransfer im Stall. Der Stadt-Land-Graben ist mehr Mythos als Realität.

Michael Hug ist Journalist im Politik-Ressort der BZ Berner Zeitung in Bern
Manuel Frischknecht ist Informatik-Student an der Fachhochschule Biel

Making-of der Karte

Ohne die Unterstützung des Bundesamtes für Statistik (BFS) wäre die Analyse der Stimmenverschiebungen zwischen 2000 und 2014 kaum zustande gekommen. In diesen 14 Jahren gab es zahlreiche Gemeindefusionen. Die Spezialisten in Neuenburg bereiteten die Gemeinderesultate überhaupt erst so auf, dass ein Vergleich möglich wurde. Sie haben die Tabellen entsprechend bereinigt und geduldig ständig weitere Datenreihen zur Verfügung gestellt. Recht aufwendig waren anschliessend die Zusammenstellung der Agglomerationen nach Definition des BFS und das Vergleichen der Zahlen nach unterschiedlichen Kriterien. In Zusammenarbeit mit Grafikerin Monika Frischknecht wurde schliesslich die Art und Weise der Visualisierung in der gedruckten Ausgabe festgelegt. Wegen personeller Engpässe standen die Chancen für eine Umsetzung auf Bernerzeitung.ch schlecht, obwohl gerade in einer dreidimensionalen Darstellung der Verschiebungen das grösste Potenzial der Zahlen liegt.

Glück gehabt, dass Grafikerin Frischknecht ihren Sohn, der an der Berner Fachhochschule in Biel Informatik studiert, für die knifflige Aufgabe gewinnen konnte. In tagelanger Tüftelei gelang es Manuel Frischknecht schliesslich, eine drehbare dreidimensionale Gemeindekarte der Schweiz auf den Bildschirm zu zaubern. Als Grundlage diente ihm das Projekt Swiss-Maps, das Jeremy Stucki von Interactive Things auf GitHub.com veröffentlicht hatte. Die dreidimensionale Karte erstellte er mithilfe der komplexen Javascript-Bibliothek three.js. Erst dank dieser optischen Umsetzung in der gedruckten Ausgabe und online konnte die Geschichte auch leicht erfassbar dargestellt werden.

21 Kommentare zu “Die Wahrheit über den Stadt-Land-Graben”

  1. Bernhard Altermatt sagt:

    Die Kartenanalyse ist grundsätzlich interessant, aber hat einen ENORMEN SCHWACHPUNKT: Es werden nämlich Äpfel mit Birnen verglichen, was die Aussagekraft des Vergleichs fast komplett zunichte macht – und zwar gleich in doppelter Hinsicht: 1. ist eine Referendums-Abstimmung NICHT mit einer Initiativ-Abstimmung zu vergleichen (da gäbe es genügend vergleichbare Referenden und/oder vergleichbare Initiativen, um aussagekräftige Analysen zu machen; die Dynamiken des politischen PROZESSES von Kampagnen und Debatten ist in beiden Fällen ganz anders gelegen. 2. Eine Abstimmung über die bilateralen Verträge ist eben NICHT eine Abstimmung über eine (absichtlich) schwammig formulierte Kontingentsinitiative (auch hinsichtlich des INHALTS gäbe es genügend Abstimmungen, die aussagekräftige Schlüsse zuliessen).

  2. Hansueli Koch sagt:

    Danke für die grossartige Leistung durch die “Data-Blogger” für die Darstellung – sie erhellt einiges und macht die differenzierten, komplizierten und aussagekräftigen Veränderungen des Abstimmungsverhaltens schön sichtbar.
    Trotzdem befürchte ich einzelne kleine Fehler, ein Bsp.: In der Gemeinde “Blenio” wurden 2000 69% (Bilateralen-)Gegner und 2014 73% (MEI-)Befürworter gezählt. Daraus resultierte gemäss Grafik ein “Zuwachs” der (EU-)Gegner von -7%, also eine Abnahme. Müsste aufgrund der erstgenannten Prozentzahlen nicht eher ein +, also eine Zunahme von knapp 7% entstanden sein? Oder ist die letzte Zahl ein Resultat aus den absoluten Stimmabgabe-Zahlen, die sich dann halt hinter der %-Zahl verstecken (aufgrund der im Blog genannten Veränderungen wie Zu-/Abwanderung, Gemeindefusionen o.ä.)?
    Bitte um Aufklärung, danke.

  3. Ursina Kaufmann sagt:

    Die Grafik sieht schön aus, und zeigt bestimmt auch ein gewisses Wahlverhalten der SchweizerInnen auf. Ich streite auch nicht ab dass es jetzt im 2014 tatsächlich mehr “Gegner” gibt als im 2000.
    Allerdings ist es doch recht verwirrend, werden in der Grafik “Zuwachs Gegner seit 2000” die Prozentanteile der Ja-Stimmer im 2000 und Nein-Stimmer im 2014 angezeigt, wo doch die Berechnung des Zuwachses der Gegner auf absoluten Zahlen aus den Jahren 2000 und 2014 basiert! Wieso wurde der Zuwachs nicht im Verhältnis zu der Anzahl Abstimmenden berechnet?
    Wenn man auf der Grafik nicht den “Zuwachs der Gegner” sondern den “Zuwachs der Befürworter” darstellen würde, sähe das Ganze etwas anders aus. Beispiel Nottwil: Laut dieser Grafik (und der zugrunde liegenden Daten) stimmten 144% mehr Leute dagegen (respektive dafür im 2014). Wenn wir aber nun das Gegenteil darstellen würden – “Zuwachs der Befürworter” – haben im Jahr 2014 23% mehr Leute dafür (respektive dagegen im 2014) abgestimmt! Grund? Im Jahr 2014 sind knapp 70% mehr Leute an die Urne gegangen! Man sollte sich also immer bewusst sein was genau so eine Grafik aussagt. Und: Glaube keiner Statistik, …

  4. Chris Forster sagt:

    Die Gebiete mit der grössten Zunahme sind überall dort, wo stark gebaut wurde (wenn man nicht 2000 schon Anti-Bilaterale war). Zweitwohnungsinitiative, Raumplanungsgesetz, Landschaftsschutzinitiative – Die Schweizer merken langsam, dass jeder m2 für immer weg ist und wir das Raumangebot um keinen m2 vergrössern können. Noch ein Beton-Jahrhundert wie das vergangene und “Guet Nacht am Sächsi”.

  5. Gerber Margrit sagt:

    “Die Wahrheit über” da wird mir schon mulmig. So gingen alle religiösen Propheten vor. ..”.Die höhere Mobilisierung scheint eher der SVP genützt zu haben, aber in Belp, wo sie sehr hoch war, und in Bern, wo sie ebenfalls hoch war, legten gegen den allgemeinen Trend die EU-Befürworter ebenfalls deutlich zu.” Die Wahrheit gepachtet… und dann sagen, diejenigen, die Nein gestimt hätten seien EU-Befürworter….einem Freund würde ich sagen, er sei nicht mehr ganz dicht, in der Schweiz gibt es vielleicht 20% EU-Befürworter. So viel zur Wahrheit

  6. W. Zimmermann sagt:

    Je mehr solche ausgefeilte Analysen vorliegen, desto klarer können die unsäglichen Schlussfolgerungen der Verliererseite entkräftet werden. Die ‘bösen’ Ja-Stimmenden leben offensichtlich näher an den Kernstädten, als diesen lieb ist, ja sogar in den Städten selber! So verstehe ich lebendige respektvolle Demokratie – moderne Statistik- und Analyseverfahren machen es möglich. Ich freue mich auf weitere faire politische Auseinandersetzungen, davon lebt unsere Demokratie. Und, Herr Andy Meier, jeder mündige Bürger/jede mündige Bürgerin hat ungeachtet des Bildungsniveaus genau eine Stimme, das ist der Kern eines zivilisierten Staates.

    • Hartmann E. sagt:

      Klar,Herr Zimmermann,es ist doch so:Die CHer,die in der Stadt wohnten,gingen grösstenteils wegen der Ueberfremdung und der dadurch schlechter gewordenen Schulen von BS in die Agglomeration und somit nach BL.Dass diese auch ja stimmten,ist nachvollziehbar.Wenn es Quartiere gibt,die nur von Ausländern bewohnt werden,geht man nur noch in die Stadt,wenn man muss.Das nennt man nicht mehr Heimat!Dazu kommt die Kriminalität!Die,welche bleiben,stimmten zur Mehrheit ja,Eingebürgerte natürlich nein.es sind auch die Städter auf dem Land,die genug haben und der MEI die Stimme gaben.

  7. Werner Meyer sagt:

    Das Bild des Stadt-Land-Grabens entstammt in erster Linie den Köpfen der Linken, die sich so in ihrer angeblichen Weltoffenheit von der Rückständigkeit und Borniertheit der Landbevölkerung abgrenzen wollten. Dass ausgerechnet diejenigen am häufigsten Ja gestimmt hätten, die am wenigsten mit Ausländern im Kontakt standen, schien ihnen der ultimative Beweis für den geistigen Gartenhag. Im Sinne einer ausgewogenen Analyse würde ich Ihnen, Herr Hug, empfehlen, doch auch die linke Schwarz-Weiss-Malerei zu erwähnen.

  8. Philipp M. Rittermann sagt:

    es ist nicht so schwierig. sieht man sich den chart mit dem zuwachs der gegner an, geht daraus hervor, dass überall an vernünftigen meinungen dazugewonnen wurde. aber es stimmt schon. die landbevölkerung sieht ganz einfach, wie die städte überlaufen werden und wollen das nicht auch noch auf dem lande. auch dies ist ja durchaus verständlich. die langjährigen städter haben sich an die verdichteten ameisenhaufen gewöhnt. mir persönlich ist die hektik der städte auch erst richtig bewusst worden, nachdem ich eine zeit auf dem land gelebt habe. das generelle problem ist jedoch die verfehlte politik “unseres…” bundesrates in der europa-und -zuwanderungs-thematik. ich bin froh, dass das gegner auf den platz ruft. wäre der bundesrat konsequent, hätte er nach dem mei-ja umgehend und geschlossen zurücktreten sollen.

  9. Dieter Bachmann sagt:

    Der Stadt-Land-Graben mag Geschichte sein, der Stadt-Agglo-Land-Kontrast ist aber aktueller denn je. In der Agglomeration wohnt die Mehrheit, und dort finden auch die Veränderungen statt, v.a. die schmerzlichen. Weshalb sich darüber irgendjemand wundert, ist mir unklar. In der Analyse des Ergebnisses vom 9.2. standen sich die Initiativgegner selber im Weg, sie stilisierten sich zu einer moralischen Instanz, “Wir sind die 49.7%”, “gegen Fremdenfeindlichkeit”. Dabei wurde ja v.a. aus Angst vor der EU und vor wirtschaftlichem Abstieg Nein gestimmt. Angst vor Wohlstandsverlust macht niemanden zu einer moralischen Instanz, und die willkommene Selbstdarstellung des eigenen Abstimmungsverhaltens als “weltoffen” ist ja etwas gar durchsichtig. Wenn ich geglaubt hätte, es gehe bei der Vorlage um “Weltoffenheit” hätte ich vielleicht auch noch Ja gestimmt. Stattdessen ging es um ein Signal, dass es so wie bisher einfach nicht weitergehen kann. Dass das so ist, das haben in den letzen 15 Jahren v.a. die Agglomerationsbewohner am eigenen Leib erfahren. Wenn die Angst vor dem Wohlstandsverlust den Leuten nicht im Nacken sässe, wäre es auch nicht bei einem Zufallsmehr geblieben, dann stünden die Städte Zürich, Basel, Bern und Winterthur erst recht als Nein-Inseln in einem deutschschweizerischen Land-und-Agglo Ja-Meer.

  10. Adrian sagt:

    Naja die Grafik ist ja nett anzusehen und sicher auch schön gemacht, ich finde die Übersichtlichkeit und der Informationsgewinn wird nicht erhöht.
    Ausserdem weiss ich nicht wie sinnvoll es ist Bilatereale mit MEI zu vergleichen. Das sind schon zwei unterschiedliche Dinge.
    Und wie Hirschi schon erwähnt hat, halte ich die statistische Methode für den Zuwachs benutzt wurde für mässig sinnvoll.

    Datenvisualisierung ist eine tolle Sache und ein gutes Anliegen. Hier wahrscheinlich nicht unbedingt sinnvoll und mässig erfolgreich.

  11. rascha kocher sagt:

    Angst mit Stolz gepaart ist eine giftige Mischung. Dazu die perfekt gestilte Ideologie (z.B. Flaggenkreuzfetischismus) > und schon ist die Menge aufzuwiegeln. Eine Türkei macht ES vor.
    Die global-radikale Beschleunigung zudem befeuert den Ghettoismus, weil sie wird als Radikalkur verkauft!
    Auf der anderen Seite verbunkert man sich; vermeintlichen Reichtum schützend – in ähnlicher Form einer Trance.

    • Markus Schneider sagt:

      Die Schweiz, die Sie wollen, gibt es nicht. Und die Schweizer wollen auch keine solche Schweiz.

  12. Andy Meier sagt:

    Bei all den Statistiken zu dieser Abstimmung habe ich noch nie eine zum Verhältnis Bildungsniveau/ Abstimmungsverhalten gesehen. Ich frage mich ob man sich vor dem Ergebniss einer solchen Statistik fürchtet? Eine weitere Statistik die interessieren würde ist wie die verschiedenen Altersgruppen gestimmt haben.

    • Jacques Zimmer sagt:

      @Meier. Sie würden staunen, wie viele Leute mit gutem Bildungsniveau JA gestimmt haben zur MassenEinwanderungsInitiative. Nur weil was von der SVP kommt, heisst das noch lange nicht, dass es Bauernfängerei ist 😉

    • Max Bader sagt:

      Die Analyse zur Abstimmung wird sicher noch kommen. Aber in den vergangenen Abstimmungen war es immer so, dass höher Gebildete wesentlich europa-freundlicher gestimmt haben als der Schnitt. Man erkennt das schon daran, dass je reicher die Gemeinde ist, der Nein-Anteil höher war. Wäre es nach den Jungen gegangen, so wären die Bilateralen schon zweimal gekündigt worden. Die Jungen haben immer europa-skeptischer gestimmt als der Rest.

    • Peter Richter sagt:

      @ A. Meier
      Glauben Sie die Stimmwahl von einem jungen Studenten hat mehr Aussagekraft, als die Stimme von einem erfahrenen Berufsmann/frau?
      Im weiteren erfahren normale Berufsleute täglich viel mehr Konkurrenz am Arbeitsplatz, gegenüber Tätikeiten mit akademischen Hintergrund, Akademiker können sich daher gegenüber der Masseneinwanderung toleranter zeigen.

    • Raphael Zemp sagt:

      Als ob Ausbildungsgrad mit Intelligenz korrelieren würde! Ein völliger Trugschluss.

    • Irene Koller sagt:

      Das Bildungsniveau messen? Woran denn? Wer die beste Rösti zubereitet? Den Koran auswendig kennt? Kant zitiert? Max Weber? Oder einfach nur die Komma-Regeln anzuwenden weiss? Bei uns geht der Röstigraben quer durch die Familie. Da ist der eine nicht gebildeter als der andere. Jeder hat seinen Standpunkt und seine Beweggründe. Man kann sie nachvollziehen, wenn man will, und respektieren. Von der Rösti bleibt nie etwas übrig; also auch kein Graben.

  13. Hans Hirschi sagt:

    Die Resultate wären aussagekräftiger, wenn man beim Unterschied einfach nur die Differenz genommen hätte. Jetzt, mit der Multiplikation, gibt es teilweise Änderungen um mehr als 100% (was nicht leicht zu verstehen ist).

  14. Sara Schlaefli sagt:

    Vorschlag: Interessant wäre es, den Zuzug von Neuzuzügern aus dem Ausland in den letzten 5 oder 10 Jahren mit dem Ja-Stimmenanteil zu korrelieren. In Rotkreuz etwa, holte Roche mehrere Tausend Mitarbeitende aus dem Ausland. Solche “Zuwanderungschocks” dürften sich auf das lokale soziale Gefüge sowie die Infrastruktur deutlich auswirken und damit auf das Stimmverhalten. In den Kernstädten gibt es auch kaum einen Zuzug (alles zu teuer und voll), in den Agglomerationen hingegen schon (zumindest in Pendelreichweite zu ZH, Zug, Luzern etc.). Interessant wäre auch eine multivariate Regression mit verschiedenen, sich konkurrierenden Variablen (Erklärungsansätzen): Stadt/Land, Zuzug von Ausländern in den letzten 10 Jahren etc.