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Velo-Entwicklungsland Schweiz

Von DB, 9. August 2016 Kommentarfunktion geschlossen
Der Bundesrat will mit einem Gegenvorschlag zur Veloinitiative den Veloverkehr fördern. Eine Auswertung zeigt: Heute hat das Velofahren in der Schweiz ungefähr dieselbe Bedeutung wie in Rumänien und der Slowakei.
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Felix Schindler, Isabella Ballarin (Grafik)

Velofahrer stehen ganz weit oben in der Fördergunst der Politik: Die Städte Zürich und Bern wollen für Dutzende Millionen neue Velowege bauen und die Zahl der Velofahrten verdoppeln. Luzern hat ebenfalls ein Förderprogramm beschlossen. Das Bundesamt für Strassen (Astra) führt derzeit in sechs Städten Tests mit Velorouten durch, auf denen der Rechtsvortritt nicht mehr gilt. Nun will sich auch der Bundesrat für die Velofahrer engagieren. Er arbeitet derzeit an einem Gegenvorschlag zur Veloinitiative, die im März eingereicht wurde.

Doch wie gross ist der Nachholbedarf in der Schweiz? Ein Vergleich mit den 28 EU-Staaten zeigt, dass hierzulande ungefähr so viel Velo gefahren wird wie in der Tschechischen Republik, Litauen, Polen, Rumänien oder der Slowakei. Das zeigt eine Auswertung, die der Datenblog/«Tages-Anzeiger» mithilfe des Statistischen Amts des Kantons Zürich durchgeführt hat. Grundlage dafür sind Daten der EU-Kommission und einer Auswertung des Europäischen Radfahrerverbands (ECF), die erstmals der Schweizer Erhebung «Mikrozensus Mobilität und Verkehr» gegenübergestellt werden.

7 bis 8 Prozent der Schweizer fahren häufig Velo – weniger als im Durchschnitt aller 28 EU-Staaten (8,3 Prozent). Die Bedeutung des Veloverkehrs ist in der Schweiz auch deutlich geringer als in Deutschland (12 Prozent). Die Schweizer Velohochburgen sind Basel-Stadt (19 Prozent) und Winterthur (zirka 16 Prozent). In der Stadt Bern fahren rund 14 Prozent häufig Velo, in der Romandie weniger als vier Prozent und im Tessin rund zwei Prozent.

* Die EU-Staaten und die Schweiz messen den Veloanteil auf unterschiedliche Weise, direkte Vergleiche sind nicht sinnvoll. Die TA-Auswertung ermöglicht nun erstmals eine Gegenüberstellung.

* Die EU-Staaten und die Schweiz messen den Veloanteil auf unterschiedliche Weise, direkte Vergleiche sind nicht sinnvoll. Die TA-Auswertung ermöglicht nun erstmals eine Gegenüberstellung.

Auf Schweizer Strassen starben 2015 39 Velofahrer (14 davon waren auf einem E-Bike unterwegs). Das sind zwar zehnmal weniger als in Deutschland, doch gemessen am Anteil der Vielfahrer ist die Gefahr, auf Schweizer Strassen zu sterben, grösser als in Deutschland. Am besten schneidet in dieser Rangliste des ECF Luxemburg ab, wo 2009 zum letzten Mal ein Mensch bei einem Velounfall starb. In der Schweiz ereignen sich 5 bis 6 Todesfälle pro 100’000 Vielfahrern. Das mit Abstand gefährlichste Land für Velofahrer ist nach dieser Statistik Portugal.

 

 

Der ECF «Cycling Barometer» misst die Bedeutung des Veloverkehrs auch am Konsumverhalten – einem Bereich, in dem Schweizer normalerweise unschlagbar sind. 2015 wurden hierzulande 323’000 Fahrräder verkauft, 20 Prozent davon waren E-Bikes. Pro 1000 Einwohner sind das 39 Velos. In 16 EU-Ländern werden mehr Velos pro Einwohner abgesetzt, in Slowenien ist die Verkaufsrate dreimal, in Dänemark zweimal so hoch. Das dürfte allerdings daran liegen, dass der Markt in der Schweiz einigermassen gesättigt ist. 70 Prozent der Schweizer Haushalte verfügen über mindestens ein Fahrrad.

 

 

Die Schweiz im Mittelfeld: Keine alltägliche Position für das Land, das in allen möglichen Rankings Spitzenpositionen belegt. Die Gründe für den vergleichsweise bescheidenen Veloanteil am Gesamtverkehr gehen aus einer Auswertung des Kantons Zürich aus dem Jahr 2015 hervor. Je bergiger das Terrain, desto weniger wird Velo gefahren. Im Kanton Zürich fahren in flachen Gegenden fast doppelt so viele Personen Velo wie in hügeligen. Allerdings könnte die stark wachsende Zahl der E-Bikes (plus 70 Prozent seit 2010) diesen Trend brechen. Ausserdem sind rund zwei Drittel der Velofahrer Schönwetterfahrer, zumindest lassen sie ihr Velo im Winter im Keller. Hier zeigen Länder wie Finnland und Schweden, dass der Veloanteil trotz harten Wintern höher sein kann als in der Schweiz.

Punkteabzug wegen Velohelm

Umstritten ist der Einfluss von Velohelmen auf die Lust am Radfahren. Laut Helm-Gegnern nützen sie wenig bis nichts, stigmatisieren das Radfahren jedoch als gefährliche Tätigkeit und halten die Menschen davon ab, überhaupt aufs Velo zu steigen. Der populäre dänische Velobotschafter Mikael Colville-Andersen publiziert einen Index der radfahrerfreundlichen Städte (in dem noch nie eine Schweizer Stadt in den Top 20 figurierte). Darin führt eine hohe Helmtragequote zu einem Punkteabzug. Colville-Andersens Logik: Je mehr Velofahrer einen Helm tragen, desto schlechter ist das Sicherheitsempfinden in einer Stadt.

Tatsächlich existieren Studien, die sinkende Velofahrerzahlen bei einer steigenden Helmtragequote nachweisen. Die meistgenannte stammt allerdings aus dem Jahr 1997 und untersuchte die Situation in Grossbritannien.

In der Schweiz trägt fast die Hälfte aller Radfahrer einen Helm – und fühlt sich laut einer Studie von Pro Velo tatsächlich nicht sicher. Insbesondere weil Radwege fehlen oder blockiert sind, Autos mit wenig Abstand überholen, andere Verkehrsteilnehmer den Vortritt verweigern oder Baustellen nur schwer passierbar sind. Nicht ein einziger dieser Aspekte erhielt von den Befragten eine genügende Note.

Laut der Velolobby gibt es vor allem einen Grund für den tiefen Veloanteil: Zwischen Autokolonnen, ÖV-Trassen und Trottoirs bleibt für Radfahrer zu oft schlicht kein Platz.


Methodik

Bis heute existiert keine Untersuchung, die die Bedeutung des Veloverkehrs in der Schweiz mit anderen europäischen Staaten vergleicht. Die EU erfragt im «Eurobarometer», welches Verkehrsmittel die Teilnehmer «an einem typischen Tag am häufigsten» verwenden. Der Europäische Radfahrerverband stellt diese Daten im «Cycling Barometer» den Unfallzahlen aus aller EU-Länder gegenüber. Die Schweiz kommt als Nicht-EU-Land in diesen Auswertungen nicht vor. Hierzulande wird das Verkehrsverhalten der Bevölkerung im«Mikrozensus Mobilität und Verkehr» ermittelt. Gefragt wird nach der Wahl der Verkehrsmittel an einem konkreten Stichtag – nicht an einem «typischen Tag». Das erschwert internationale Vergleiche.

Das Statistische Amt des Kantons Zürich hat für uns den Anteil der Personen ermittelt, die mindestens die Hälfte ihrer Wegetappen mit dem Fahrrad zurückgelegt haben (4,9 Prozent). Die Daten wurden 2010 erhoben, allerdings hat sich der Veloanteil seit 1994 praktisch nicht verändert, im Kanton Zürich ist er gar leicht gesunken. Beim Eurobarometer fällt der Veloanteil aus methodischen Gründen durchschnittlich 1,5-mal höher aus. Das zeigen Vergleiche aus mehreren Ländern, die beide Methoden verwenden. Deshalb wurden für diese Auswertung die Schweizer Zahlen um diesen Faktor korrigiert. Eine neue Studie des Bundes ermittelt den Anteil des Velos am Pendlerverkehr (ohne Freizeit-, Einkaufs- und Dienstverkehr) bei 6 Prozent.


Velo-Initiative

Die Velo-Initiative verlangt, dass der Bund künftig «attraktive und sichere Netze» fördert und koordiniert. Ein ähnlicher Verfassungsartikel existiert bereits für Fuss- und Wanderwege, allerdings ist er unverbindlich formuliert. Dass daraus nun eine Verpflichtung werden soll, geht dem Bundesrat zu weit. Ein stärkeres Engagement im Bereich der Velowege hält er indes «grundsätzlich für sinnvoll und zweckmässig», weshalb er einen Gegenvorschlag erarbeitet. Das Velo eigne sich, um Verkehrsspitzen zu brechen, trage dazu bei, CO2-Ausstoss und Energieverbrauch zu senken und die Gesundheit zu fördern, sagt der Bundesrat.

Laut einer Studie der Universität Zürich brächte eine Verdoppelung des Velofahrens einen volkswirtschaftlichen Nutzen von 2 Milliarden Franken. Laut Christoph Merkli, Geschäftsführer von Pro Velo, würde der Verfassungsartikel ermöglichen, dass sich der Bund grundlegende Überlegungen zur Veloförderung machen kann, wie es etwa in Deutschland und Holland geschieht. «Wir sind überzeugt, dass der Bund Dynamik in den Ausbau der Veloinfrastruktur in den Kantonen bringen wird», sagt Merkli. Hinter der Initiative stehen Verbände wie VCS, WWF Schweiz, der Lehrerverband LCH, Pro Juventute, und Pro Natura. Unterstützt wird sie von SP, Grünen, GLP und EVP. Die Vorarbeiten des Bundesrats und die parlamentarische Beratung müssen erst 2020 abgeschlossen sein. Bis zur Abstimmung wird es also noch dauern.